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Peter Jacksons Weltkriegs-Doku und ihre Vor- und Nachteile | BR24

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Eigentlich kennt man den Neuseeländer Peter Jackson als Regisseur der Tolkien-Verfilmungen "Der Herr der Ringe" und "Der Hobbit". Nun hat Peter Jackson ein ganz anderes Projekt in Angriff genommen: Einen Dokumentarfilm über den Ersten Weltkrieg.

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Peter Jacksons Weltkriegs-Doku und ihre Vor- und Nachteile

Eigentlich kennt man den Neuseeländer Peter Jackson als Regisseur der Tolkien-Verfilmungen "Der Herr der Ringe" und "Der Hobbit". Nun hat Peter Jackson ein ganz anderes Projekt in Angriff genommen: einen Dokumentarfilm über den Ersten Weltkrieg.

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Der Auslöser für den Film war Peter Jacksons Erinnerung an seinen Großvater, der im Ersten Weltkrieg als Soldat kämpfte und überlebte – anders als viele oft erst 16-Jährige, die umkamen.

Spektakuläre Bearbeitung des historischen Bildmaterials

Es gibt einen Aha-Effekt in diesem Film – einen nicht anders als magisch zu nennenden Sprung von der Vergangenheit in die Gegenwart. Gerade haben wir noch ruckelige Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Jahr 1914 gesehen, die mit dem Geräusch eines imaginierten alten Projektors unterlegt sind, was allerdings ein bisschen kindisch wirkt – dann weitet sich das Bild auf das Cinemascope-Format, und die Landschaften der legendären Westfront des Ersten Weltkrieges werden mit Farbe überzogen. Das Ruckeln der Bilder hört auf – und sie wirken plötzlich schärfer und kontrastreicher. Es ist, als würde das, was wir sehen, jetzt passieren – in unserer Zeit. Die über 100 Jahre alten Aufnahmen sehen aus, als wären sie heute gedreht worden. Digitale Technik macht die Zeitreise möglich.

Spannendes Making-Of

In einem Making-Of zum Film sitzt Regisseur Peter Jackson in den Parkroad-Studios in London auf einem Sofa und zeigt das historische Originalmaterial, das er vom dortigen Imperial-War-Museum erhalten hat: "Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Filmmaterial noch mit einer Handkurbel an der Linse vorbei transportiert", sagt Jackson. "Je nachdem, wie gleichmäßig der Kameramann seine Bewegungen ausführte, ruckelten die Bilder später bei der Projektion mehr oder weniger. Wenn er etwa bei einer gefährlichen Szene aufgeregt war, hat er vielleicht schneller gekurbelt. Dann wieder langsamer. Wir haben jetzt also jedes einzelne Bild analysiert und herumprobiert, um einen gleichmäßigen Fluss zu erzeugen – oft nach der Methode Versuch und Irrtum, und das Bild für Bild."

© Imperial War Museum/Courtesy of Warner Bros. Pictures

Szene aus dem Dokumentarfilm "They Shall Not Grow Old"

In manchen Kinos läuft "They Shall Not Grow Old" als nachträglich konvertierter 3D-Film, was für noch mehr Unmittelbarkeit sorgt. Die Menschen, die vor gut 100 Jahren aufgenommen wurden, kommen uns nah. Augenpaare blicken uns unvermittelt an. Wir sind mittendrin. Im Jubel, wenn der Krieg beginnt. In der Schlacht, wenn Geschosse pfeifen, Menschen zerfetzt und Verwundete abtransportiert werden – verletzte Soldaten, die glücklich winken, weil sie dem totalen Krieg entrinnen.

Weil Peter Jackson und seine Mitstreiter das Stummfilmmaterial zudem aufwendig vertont haben und um Interviews mit Veteranen ergänzten, fasziniert die so bisher nie gesehene Realität des Ersten Weltkriegs den Zuschauer anfangs. Doch dieser Effekt lässt mit der Dauer des Films nach.

Vom Stummfilm zum 3D-Erlebnis

Ohne den Schleier des nostalgischen Schwarz-Weiß glaubt Jackson den Menschen von damals Authentizität verleihen zu können, sie quasi wiederzubeleben und ihre Gefühle erlebbarer denn je zu machen. Die Rechnung hätte aufgehen können, wenn er sich exemplarisch auf einzelne Schicksale konzentriert hätte. Doch dafür gab es nicht genügend Originalmaterial. So zieht "They Shall Not Grow Old" chronologisch an uns vorbei – dem Film fehlt schlicht die Seele. Die ist irgendwo in den aufwendigen Verfahren der visuellen Kolorierung, Kontrastierung und Ent-Ruckelung verloren gegangen. Das Experiment ist technisch gelungen, der Patient aber tot.

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