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Jugend ohne Sozialromantik: Der Film "Nackte Tiere" | BR24

© déjà-vu film

Ausgeliefert an den Moment: Die Jugendlichen in "Nackte Tiere" stehen kurz vor dem Abitur und wissen noch nicht, wo es lang geht.

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    Jugend ohne Sozialromantik: Der Film "Nackte Tiere"

    Coming of Age-Geschichten haben oft ein Happy End: Da ist zwar die Krise zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. Aber es gibt ein Licht am Ende des Tunnels, wenn die Pubertät vorbei ist. Der neue Kinofilm "Nackte Tiere" ist frei von solchem Pathos.

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    Die Welt dieser Jugendlichen ist eng, so eng, das Regisseurin Melanie Waelde sie im alten 4:3-Format durch das Leben stolpern lässt. Platz finden in diesem Guckkasten nur sie selbst, Jugendliche, kurz vor dem Abitur, die nicht bei ihren Eltern leben und auch sonst kaum Halt in der Gesellschaft finden.

    Da ist Katja, eine ungemein starke junge Frau, die sich um vieles sorgt, ihre Sorge aber nur in Form größter Härte artikulieren kann. Daneben: Sascha, der Katja nah ist wie niemand sonst – auch weil sie gemeinsam eine aggressive Art der Nähe entdeckt haben, die Nähe im Kampf, Karate. Außerdem: Schöller, dessen Freundin Laila und: Benni, der sanfteste von allen, zerbrechlich in jedem Moment, unbedingt angewiesen auf die kämpferischen Freunde und gleichzeitig aufgeschmissen, weil die anderen ihre traurige, träumende Seite verdrängen und ihn damit allein lassen. "Träumst du eigentlich manchmal? Mich interessiert voll, was andere Menschen so träumen", fragt er in einer Szene, und bekommt die Antwort: "Ich träume nicht." Trotzdem fragt Benni weiter: "Hast du es mal versucht? Wenn ich nicht kiffe, hab ich so gestörte Träume, voll realistisch. Da ist Schlafen viel anstrengender als Wachsein." – "Was muss ich tun, damit du endlich die Klappe hältst?"

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    Tristes Setting: Nicht nur die Dialoge sind trostlos, auch die Umgebung.

    Diese Szene führt, wie eigentlich alle in diesem Film, in ein trostloses, heruntergekommenes Zimmer. Düster, Essensreste hier und da, eine Einrichtung, die über das Unbedingt-Nötige und Praktische nicht hinausgeht. Schmuddelige Raufasertapete ist die Kulisse dieses Lebens. Und Waelde zoomt nur selten aus diesem Leben heraus.

    Ein Leben ohne Schutzraum

    Einmal sind wir in Saschas Elternhaus, sehen die bürgerliche Welt, aus der dieser Junge herausgestoßen wurde. Mutter, Vater, Kind, das Wohnzimmer wie im Katalog. Was Sascha diesen Schutzraum hat verlieren lassen, was all die anderen zu den Solitären gemacht hat, die sie nun sind, das erzählt der Film nicht. Und so geht es der Zuschauerin manchmal wie Benni: Sie wünscht sich, der Film hätte doch einmal den Mut gehabt, die Enge des Hier und Jetzt zu verlassen, um ein bisschen besser zu verstehen, den Figuren ein bisschen näher zu rücken, sie emotionaler begleiten zu können.

    Der Film aber hält sich ganz an das Credo von Katja: Wer zu viele Fragen stellt, wer zu weit herauszoomt aus dem engen Leben, in dem man gerade nun einmal steckt, der wird verrückt. Also: Weiterkämpfen, bis man die Enge aus eigener Kraft weiten kann, bis man das Abi hat, das vielleicht ja hilft, um endgültig auszubrechen.

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    Aggressive Kämpfe...und immer wieder Momente der Zärtlichkeit...

    Und so heißt es in einer Szene: "Ich kann nicht weg." – "Und ich kann nicht bleiben." Das gestehen sich Katja und Sascha, als sie wieder einmal beim Arzt sitzen – dieses Mal, weil sie ihn verletzt hat. Nicht zum ersten Mal zeigt sich da die unheimliche Kehrseite ihres Kämpfens: Verletzt, verwundet finden diese Jugendlichen immer wieder zu stillen, auch zarten Momenten der Vertrautheit – und die Kamera fängt sie mit einer Ästhetik ein, die kurz an Liebesszenen denken lässt: Plötzlich ist alles ganz ruhig, wenn Benni die blauen Flecke auf Katjas Körper abzählt, wenn er seine Finger von Hämatom zu Hämatom wandern lässt, als würde er harmlose Muttermale streicheln. Nie spürt man deutlicher das Vertrauen, aber auch das Ausgeliefertsein dieser Jugendlichen als in dem Moment, in dem Benni Katja die Fäden zieht, ganz sacht, um die Wunde am Kopf nicht wieder aufplatzen zu lassen.

    Und noch eine Szene zeigt, wie liebevoll diese Jugendlichen miteinander umgehen können, wenn sie den Kampf gerade hinter sich haben: Dieses Mal sitzt Katja mit Sascha am Straßenrand, eben noch haben sie hier gekämpft, jetzt – im Licht der tiefstehenden Sonne – teilen sie eine Wasserflasche, lachen gemeinsam. Ihre Gesichter werden in Nahaufnahme gezeigt, was oft passiert, hier aber wirken sie wärmer als sonst im fast schon romantischen Licht der Sonne.

    Dem Film "Nackte Tiere" gelingt das beeindruckende Porträt einer verlorenen Jugendgruppe – ohne falsche Sozialromantik und ohne Angst vor Kälte und Hässlichkeit.

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