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Warum "Lara" von Jan-Ole Gerster wieder ein großer Wurf ist | BR24

© Bayern 2

Sieben Jahre sind vergangen, seit Jan-Ole Gerster mit dem Film "Oh boy" einen Überraschungshit hatte. In "Lara" erzählt er erneut von einer verlorenen Seele - und Corinna Harfouch glänzt als verbitterte Pianistin.

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Warum "Lara" von Jan-Ole Gerster wieder ein großer Wurf ist

Sieben Jahre sind vergangen, seit Jan-Ole Gerster mit dem Film "Oh boy" einen Überraschungshit hatte. In "Lara" erzählt er erneut von einer verlorenen Seele – und Corinna Harfouch glänzt als verbitterte Pianistin.

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Der eigene Geburtstag: Je älter man wird, desto weniger Bedeutung hat er. Der Alltag frisst die Freude auf, die Gedanken kreisen um Vergangenes. Bleiben dann auch noch die Gratulationen aus, ist es ein Tag wie jeder andere. Nur schlimmer. Lara beginnt ihren 60. Geburtstag mit absolutem Widerwillen. Sie öffnet ein Fenster ihres Berliner Hochhausappartements, steigt auf einen Stuhl, ist fest entschlossen, zu springen – und wird jäh aus ihren Plänen gerissen. Es klingelt an der Tür. Aber nicht die erhofften Gratulanten stehen davor, sondern Polizeibeamte, die sie als Zeugin benötigen. Na toll.

All das passiert in den ersten Minuten von "Lara", dem zweiten Spielfilm von Jan-Ole Gerster. Und sofort ist klar: Er tut es schon wieder. Gerster erzählt die Geschichte einer verlorenen Allerweltsseele. In seinem gefeierten Debüt "Oh boy" war es ein Studienabbrecher, der in eine ungewisse Zukunft stolpert. In "Lara" ist es eine Frau im fortgeschrittenen Alter, die verbittert auf ihre Vergangenheit starrt.

Vielsagendes Schweigen

Leise und genau beobachtend folgt die Kamera der Hauptfigur durch ihr sinn- und farbloses Großstadtleben, fängt Dramen und Tragikomik ein, während der Zuschauer selbst aus dem Schweigen Erkenntnisse zieht. Im Falle der wortkargen Lara kristallisiert sich schnell heraus: Sie ist geschieden, sozial isoliert, hat sich mit ihrem einzigen Sohn überworfen, Viktor Jenkins, einem bekannten Pianisten. An ihrem Geburtstag gibt er ein großes Konzert, sein erstes mit einer Eigenkomposition. Doch die Einladung bleibt aus. Also macht sich Lara auf den Weg in die Stadt, sucht nach ihrem Sohn, nach Gründen – und trifft auf ihrer Odyssee unter anderem auf Viktors auskunftsfreudige Freundin. Sie erzählt Lara von Viktors labilem Wesen, von seinen permanenten Selbstzweifeln und der Besessenheit, mit der er arbeitet. Doch statt Mutterstolz hat Lara nur trockene Kommentare parat. Kernaussage: Hochmut kommt vor dem Fall.

Es ist nur eines von vielen Gesprächen, in dem sich offenbart, was für ein destruktives Potenzial Lara hat. Die toxische Übermutter hat ihren Sohn von Klein auf am Piano unterrichtet, hat ihn geformt, ihn zu dem gemacht, was er ist: ein Abbild ihrer selbst, inklusive Selbstzweifeln, aber vielleicht mit etwas mehr Talent ausgestattet, mit mehr Karrierechancen. Vielleicht. Denn Talent allein, das hat sie selbst einmal lernen müssen, reicht nicht aus. Und diese schmerzhafte Lehre gibt sie ungefragt weiter, zum Beispiel einem vollkommen fremden Klavierschüler, den sie beim Warten in der Musikschule zum Vorspielen drängt, bis dieser entmutigt aufgibt. Laras Reaktion ist vernichtend: "Kein Biss, kein Ehrgeiz. Deine armen Eltern."

© Studiocanal

"Oh boy"-Hauptdarsteller Tom Schilling ist auch diesmal dabei: Er spielt Laras Sohn Viktor

Parallelen zu Jan-Ole Gersters eigenem Leben

Geschickt verbindet Jan-Ole Gerster hier Gegenwart mit Vergangenheit, zeigt, dass mit wenigen Worten tiefe Wunden gerissen werden können, heute wie damals. Ob bewusst oder unbewusst getätigt: Verbalverletzungen wie diese können Krisen auslösen und Lebensentwürfe zerstören. Auch Gerster hat das zu Studienzeiten erlebt, wie er im Interview erzählt: "Das hatte – wie in Laras Geschichte – auch mit Kommentaren von Dozenten zu tun, und dann ist ja auch so eine Filmschule ein Haifischbecken an künstlerischen Egos. Ich hatte so viel Ehrfurcht und eine so große Liebe fürs Kino, dass ich auch dachte: Was ist, wenn das alles nicht aufgeht und ich das nicht schaffe, Regisseur zu sein und Kino – also das, was ich so sehr liebe – dadurch eine ganz schlechte Erfahrung bleibt und wird?"

Aus diesem Grund, aber auch weil Lara, wie er selbst, eine sehr leidenschaftliche Person ist, fühlt sich der Regisseur seiner Hauptfigur so verbunden. Die Empathie, die er für diese Frau aufbringt, die von Corinna Harfouch so herausragend kalt und abweisend gespielt wird, kulminiert in einem Mitgefühl, das eigentlich irritieren müsste. Doch weil "Lara" eine in Bild, Ton und Emotion perfekt durchkomponierte Charakterstudie ist, folgt man ihr bereitwillig in ihr Seelengefängnis – und versteht am Ende die große Tragik kleiner Schicksalsschläge.

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