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Warum "Das Kapital im 21. Jahrhundert" als Film scheitert | BR24

© Bayern 2

Thomas Piketty ist mit seinem 500-Seiten-Wälzer "Das Kapital im 21. Jahrhundert" zum Star der Linken geworden. Jetzt kommt das Sachbuch als Film in die Kinos. Nur leider: Derart sprunghaft und plakativ bedient der Film genau das, was er anklagt.

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Warum "Das Kapital im 21. Jahrhundert" als Film scheitert

Thomas Piketty ist mit seinem 500-Seiten-Wälzer "Das Kapital im 21. Jahrhundert" zum Star der Linken geworden. Jetzt kommt das Sachbuch als Film in die Kinos. Nur leider: Derart sprunghaft und plakativ bedient der Film genau das, was er anklagt.

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Ein schnell geschnittenes Mashup aus historischen und inszenierten Bildern, aus alten Tonaufnahmen und Hits der jüngeren Popgeschichte. Aufnahmen vom Mauerfall, darüber die passenden Nachrichtenmeldungen der Zeit, die von nötigen Reformen berichten, von der Bereitschaft der DDR-Regierung, nun wirklich etwas zu ändern. Dann: Auftritt Thomas Piketty. Er habe den Sturz des kommunistischen Systems im Radio verfolgt, im Studium sei er nach Rumänien, Ungarn, Russland gereist. Was auf den Zusammenbruch des Kommunismus folgte, habe er also persönlich miterlebt.

Während Piketty spricht, veranschaulicht Regisseur Justin Pemberton die Folgen: "Diamonds" von Rihanna auf der Tonspur. Die Skyline von Manhattan im Bild. Helikopter, Aktienkurse, Luxusstrände, Pools und Palmen im Wechsel. "Ich meine: 700 Seiten Ökonomie. Da wird keine werkstreue Adaption rauskommen", räumt Pemberton ein. "Das geht einfach nicht. Das Buch hat viele Grafiken, Statistiken, Dinge, die du studieren, die du ansehen solltest, die nicht einfach in einen Bilderfluss zu übersetzen sind. Aber auf der anderen Seite hast du im Film viel mehr Kraft durch die emotionale, poetische, lyrische Seite."

Die Schere geht auseinander

Zu dieser Seite, der emotionalen, poetischen, ist zurückzukommen. Zuerst aber doch ein Blick auf die Geschichte, die erzählt werden soll: Im Kern steht – nicht anders als im Buch – die wachsende Ungleichheit, die These, dass das Vermögen eines Menschen zunehmend wichtiger wird als dessen Arbeitskraft. Steuer-Ungerechtigkeiten befeuerten heute diesen Trend, erklären verschiedene Wissenschaftler im Interview, multinationale Konzerne, die mit Steuertricks dafür sorgten, dass in den Händen Weniger bliebe, was Viele konsumieren. Und die Bevölkerung in Europa, in den USA reagiere darauf, indem sie den Immigranten den Kampf ansage, weil diese leichter zu besiegen, oder zumindest: näher, greifbarer seien als die Konzerne. Soviel zum Hier und Jetzt.

© Studiocanal

Bestseller-Autor Thomas Piketty

Die gegenwärtige Situation wird allerdings historisch erklärt – vor allem mit Rückblicken ins 19. Jahrhundert – und angereichert mit Seitenblicken nach Asien, Afrika. Pemberton sagt: "Für mich ist es wie eine Zeitreise. Auf gewisse Weise sind das doch die wichtigsten Stationen der Historie. Die Weltkriege, der Kolonialismus, ich meine: All das kennen wir, aber wir haben all das noch nie in der Geschichte des Kapitals gehört, in der Geschichte dieser unsichtbaren, die eigene Form verändernden Macht."

Sprunghaft und plakativ

Nur ist die Zeitreise dann doch zu sprunghaft, um auch noch aufschlussreich zu sein. Zu sprunghaft und zu plakativ: Denn der Film argumentiert zwar dagegen, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird, aber er zieht doch die eigenen filmischen Mittel aus dieser Entwicklung. Ganz und gar verliebt ist die Kamera in Luxusyachten und deren glänzende Oberflächen, in Cabrios auf Küstenstraßen, in das Glitzern der Kaufhäuser zur Weihnachtszeit. Und verliebt darin, diese Bilder ihrem grauen Gegenpart entgegenzustellen: Aufnahmen von tristen Plattenbauten, von Obdachlosen am Straßenrand, Arbeitern, die an Wolkenkratzern über der New Yorker Skyline hängen, um Symbole des Kapitalismus aufzuhängen.

Der Zuschauer kann das als mutige filmische Übersetzung des Problems verstehen, er kann aber auch finden, dass der Film sich an dem bedient, was er anklagt: am Fortführen, Anreichern, Bebildern und Festschreiben der Gegensätze. Wer seine Zuschauer aufklären oder etwas erklären will, muss ihnen vermutlich ein paar trockene Statistiken mehr zumuten.

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