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Was tun mit zwei Säcken voller Geld? | BR24

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Filmkritik von Bettina Dunkel

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Was tun mit zwei Säcken voller Geld?

Gedankenspiel: Sie finden Geld, viel Geld sogar, greifen beherzt zu – aber dann? Das fragt sich der Protagonist in Denys Arcands neuem Film "Der unverhoffte Charme des Geldes" und die Erwartungen an den kanadischen Oscarpreisträger sind hoch.

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Würde man Pierre-Paul im echten Leben begegnen, man würde ihn wohl ebenso fluchtartig sitzenlassen, wie es seine Freundin in der Eröffnungssequenz von Denys Arcands neuem Film "Der unverhoffte Charme des Geldes" tut. Der promovierte Philosoph ist ein an der Welt verzweifelnder Welpe in Menschengestalt, überzeugt von seinem, zugegebenermaßen, überdurchschnittlichen Intellekt, aber unfähig, sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Was Pierre-Pauls eigener Theorie nach wiederum eine direkte Folge seines außergewöhnlichen Verstandes ist.

Langweiler mit Luxusproblemen

Da "Der unverhoffte Charme des Geldes" eine kapitalismuskritische Satire und Pierre-Paul ihr verkopfter Protagonist ist, macht ihn natürlich auch Geld nicht glücklich. Also bleibt er jobtechnisch unterhalb seiner intellektuellen Möglichkeiten und verdingt sich als Kurierfahrer in Montreal. Doch selbst im beschaulichen Kanada lauert das die eigene Moral herausfordernde Schicksal und so fällt dem Existentialisten schon bald das vermeintliche Unglück vor die Füße: zwei Geldsäcke mit millionenschwerer Beute aus einem blutigen Raubüberfall. Und was tut Pierre-Paul als mündiger Bürger und ausgemachter Langweiler natürlich? Er sackt den schnöden Mammon ein und sieht sich fortan mit einem immensen Luxusproblem konfrontiert.

© Cinémaginaire Inc. - FilmTDA Inc. - 2018

Schönes Paar: Aspasia und Pierre-Paul

Mehr als 30 Jahre nach dem ersten Teil vollendet der franko-kanadische Regie-Altmeister Denys Arcand seine Trilogie über die Verkommenheit der Reichen und Schönen. Diesmal jedoch richtet sich der Blick des dezidierten Gesellschaftskritikers auch auf weniger Privilegierte. Mit seinem Protagonisten stellt er die nur halbernst gemeinte Frage in den Raum, ob selbst erklärte Kapitalismusgegner den Verlockungen des Geldes widerstehen können. Pierre-Paul kann es insofern, als dass er das ganze Geld nicht für sich allein behalten möchte. Er teilt es mit seinem Berater – einem frisch aus dem Gefängnis entlassenen Finanzexperten – und mit der Frau seines Lebens, dem teuersten und bestimmt auch klügsten Callgirl Montreals: Aspasia. Sie wiederum holt einen angesehenen Offshore-Banker hinzu, der die aus Mafiakreisen stammenden Millionen bereitwillig wäscht und nebenbei den Mythos der Moralinstanz Kanada dekonstruiert.

Übers Ziel hinausgeschossen

Arcand packt viel in "Der unverhoffte Charme des Geldes", sogar ein bisschen zu viel. Der Film will nicht nur unterhaltende Satire mit Denkanstoß sein, sondern auch ein Thriller mit gelegentlichen und durchaus expliziten Gewaltszenen. Denn neben den ursprünglich beraubten Gangstern wollen auch korrupte Polizisten die Millionen in ihren Besitz bringen. Gleichzeitig verlässt Arcand die Ebenen des Realen, wenn er seine Antihelden-Truppe aus modernen Robin-Hood-Widergängern zusammensetzt, die eigentlich grundverschieden sind, aber scheinbar nur darauf gewartet haben, dank göttlicher Fügung ihre Herzen aus Gold zu verschmelzen und einen Pfeil daraus zu schmieden, der auf das Schlussplädoyer zielt: mehr Menschlichkeit zu üben und sich um die zu kümmern, die gar nichts haben. Sie, die Obdachlosen von Montreal, blicken am Ende in die Kamera und sind die meist stummen Nebendarsteller der ambitionierten, aber schlussendlich übers Ziel hinausgeschossenen Handlung.

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