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Heldenbefragung im Kino: Der Fall Richard Jewell | BR24

© Warner Bros. Entertainment / Audio BR

Held oder Attentäter? In "Der Fall Richard Jewell" porträtiert Clint Eastwood einen Alltagshelden mit vielen Brüchen

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Heldenbefragung im Kino: Der Fall Richard Jewell

Clint Eastwood verkörperte selbst gerne den Anti-Helden. Sein neuer Film "Der Fall Richard Jewell" beleuchtet das Dilemma einer wahren Geschichte: den Aufstieg und Fall eines Wachmanns, vor dem Hintergrund des Olympia-Attentats von Atlanta 1996.

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Clint Eastwood verliert keine Zeit. Die ersten Minuten seines neuen Alltagshelden-Dramas "Der Fall Richard Jewell dienen der detaillierten Exposition seiner Titelfigur. In mehreren schnell aufeinanderfolgenden Szenen wird Richard Jewell als aufmerksamer und durchaus kluger Beobachter dargestellt. Einerseits. Andererseits ist der übereifrige und übergewichtige Mittdreißiger ein Einzelgänger mit Tendenzen zum arroganten Auftreten. Er verliert Job um Job, sucht nach Aufmerksamkeit, wird von seinem Umfeld nicht ernst genommen. Die einzige Person, die felsenfest zu ihm hält, ist seine Mutter. Mit ihr lebt der unbeholfene Waffennarr noch immer zusammen. Geradezu atemlos hakt Eastwood einen Antihelden-Wesenszug nach dem nächsten ab – und legt mit Beginn der eigentlichen Handlung eine satte Vollbremsung hin.

Eastwoods Vorliebe für reale Alltagshelden

Eastwood setzt mit "Der Fall Richard Jewell" seine Porträtserie über reale Alltagshelden fort. Jewell ist der Wachmann, der im Juli 1996 während der Olympischen Spiele in Atlanta eine Rohrbombe entdeckte, im von feiernden Menschen bevölkerten Centennial Park. Sein beherztes Eingreifen und das Drängen auf Evakuierungsmaßnahmen verhinderte damals eine größere Katastrophe.

Als Zuschauer ist man jedoch schnell irritiert: Optik und Tempo haben die Anmutung eines TV-Films. Statt dramatische Hochglanzdrama-Atmosphäre zu verbreiten, ist das Bild braunstichig und die Kamera pseudo-dokumentarisch. Nicht einmal der Moment, in dem die Bombe entdeckt wird, ist spannend. Sie explodiert – und dann ist es auch schon vorbei.

Nüchterner Realismus statt Hochglanz-Drama

Was Eastwood mit dieser Entscheidung bezweckt, zeigt sich im weiteren Verlauf der Handlung: Er setzt auf nüchternen Realismus, um das wahre Drama um seine Titelfigur greifbarer zu machen. Denn Jewell wird nur wenige Tage als Held gefeiert – dann kehrt sich die öffentliche Wahrnehmung ins Gegenteil. Eine Journalistin aus Atlanta erfährt von ihrem Kontaktmann beim FBI, dass Jewell als Tatverdächtiger gilt. Die Vermutung: Der stets belächelte Außenseiter wollte sich als Held inszenieren und hat die Bombe selbst im Park deponiert.

© Warner Bros. Entertainment

Vom Außenseiter und Helden zum Tatverdächtigen: Hat Jewell die Bombe, die er entdeckte, am Ende selbst versteckt?

Glaubt man dem Film uneingeschränkt, haben also auflagenheischende Journalisten und eine unter Erfolgsdruck stehende Regierungsbehörde mutwillig das Leben eines echten Helden zerstört. Tatsächlich haben sowohl das FBI als auch diverse US-Medien im Fall Richard Jewell gravierende Fehler begangen. Problematisch ist jedoch die Inszenierung Eastwoods. Der als Trump-Unterstützer bekannte Republikaner separiert die Parteien allzu offensichtlich in Gut und Böse und sorgt dafür, dass die Sympathien klar verteilt sind.

Medienschelte eines Trump-Anhängers

Kein gutes Haar lässt Eastwood an den Medien im Allgemeinen und an Kathy Scruggs im Speziellen – sie war die Journalistin, deren Artikel die Diskreditierung Jewells angestoßen hat. Der Film porträtiert sie als zynische Frau, die nur auf die große Story aus ist und im Bedarfsfall Sex gegen Informationen tauscht. Wehren kann sie sich gegen diese von Kollegen bestrittenen Vorwürfe nicht, denn Scruggs ist 2001 verstorben. Ausgewogen wirken Eastwoods Regie- und Drehbuchentscheidungen keineswegs. Der Film hat eher den Beigeschmack einer Wahlempfehlung. Denn Fake News, so die alles andere als subtile Botschaft, können echte Helden zerstören.

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