BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Spionin durch Zufall: Die filmreife Geschichte der Marthe Cohn | BR24

© missingFILMS

Starke Persönlichkeit: Jahrzehntelang musste Marthe Cohn schweigen. In der Doku "Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde" packt die frühere jüdische Geheimagentin aus. Und erzählt ihre spannende Biografie – für die Nachwelt.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Spionin durch Zufall: Die filmreife Geschichte der Marthe Cohn

Verschwiegenheit war für sie Pflicht: Selbst Marthe Cohns Mann wusste lange nichts von ihrem Doppelleben. In der Doku "Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde" erzählt die Jüdin ihr Leben. Auch, wie es zum Spitznamen "kleine Nervensäge" kam.

Per Mail sharen

Es war Steven Spielberg, der Marthe Cohn dazu brachte, ihr Schweigen zu brechen. Oder genauer: seine Shoa Foundation. 1996 erschien in der LA Times ein Artikel, in dem Holocaust-Überlebende aufgerufen wurden, ihre Erfahrungen zu schildern, damit sie für nachfolgende Generationen erhalten bleiben. Marthe Cohn meldete sich – und erzählte nach über 50 Jahren erstmals die Geschichte, wie sie im Zweiten Weltkrieg als Spionin für den französischen Geheimdienst gearbeitet hatte. Im Interview mit dem ARD-Studio Tel Aviv betont sie, dass sie nach all der Gehirnwäsche bis heute eine Frau sei, bei der Geheimnisse gut aufbewahrt sind.

"Heil Hitler!": Marthe Cohns Mission startete im Nazi-Deutschland

Im April ist Marthe Cohn 100 Jahre alt geworden. Immer noch reist die 1,50 Meter-Frau trotz ihrer Zerbrechlichkeit unermüdlich durch die Welt und hält Vorträge. Die deutsche Filmemacherin Nicola Alice Hens hat sie auf fünf Touren begleitet. Ihre Dokumentation "Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde" beginnt in Cohns Wahlheimat Los Angeles. Von dort fliegen sie nach Frankreich, besuchen Schulen, Bibliotheken, jüdische Einrichtungen. Ein ums andere Mal lauscht das Publikum aufmerksam den erstaunlichen Erinnerungen ihrer Landsmännin, die aufgrund ihrer perfekten Deutschkenntnisse im Schnellverfahren zur Agentin ausgebildet wurde. Für die alliierten Truppen sollte sie herausfinden, wie sicher oder unsicher die Grenzgebiete waren. Kurz vor Kriegsende begann ihre Mission und die damals 24-jährige Jüdin wurde nach Freiburg geschickt. Vollkommen auf sich gestellt sei sie gewesen, als sie im Februar 1945 versuchte, die Grenze nach Deutschland zu überqueren. 13 Versuche scheiterten, beim 14. Mal klappte es und sie begrüßte erstmals einen patrouillierenden Soldaten mit den Worten "Heil Hitler".

© missingFILMS

Abendspaziergang in London: Seit sechzig Jahren an ihrer Seite ist Cohns Ehemann Major

Hartnäckigkeit kann auch ganz schön nerven

Bereits zwei Drittel der Filmhandlung sind vergangen, als die Dokumentation die Spionagetätigkeit von Marthe Cohn im Detail beleuchtet. Denn Regisseurin Nicola Hens möchte nicht die Hollywoodfilm-tauglichen Thrillermomente in den Vordergrund stellen, sondern Marthe Cohn in ihrer ganzen Komplexität zeigen. "Chichinette" blickt zwar oft in die Vergangenheit, kommt aber ohne historisches Filmmaterial aus. Nur selten werden alte Fotos abgefilmt oder vereinzelte Erinnerungen als animierte Szenen nachgestellt. Der Großteil der Dokumentation bewegt sich in der Gegenwart, die Kamera konzentriert sich voll und ganz auf die starke Persönlichkeit und die Wirkung von Marthe Cohn auf ihr Umfeld, die wegen ihrer Hartnäckigkeit "Chichinette" genannt wurde: "kleine Nervensäge".

Ständig an ihrer Seite ist Cohns Ehemann Major, ein ehemaliger Neurochirurg, mit dem sie seit über 60 Jahren verheiratet ist. Auf den Vortragsreisen fährt er den Wagen, präsentiert ihre gesammelten Orden, spaziert mit ihr durch die verschiedenen Orte, immer Hand in Hand. Auch er ist fasziniert von dem Elan seiner Frau und auch er wusste jahrzehntelang nichts von ihrer Spionagetätigkeit.

Niemand habe über den Krieg geredet, also habe auch sie nichts gesagt, erklärt Cohn ihr Schweigen, das nicht nur auf das Verschwiegenheitsmantra des Geheimdienstes zurückzuführen war. Heute jedoch wisse sie, wie wichtig es sei, zu reden.

Man solle sich immer engagieren und dem eigenen Gewissen folgen, rät sie. Vielleicht ist Letzteres auch der Grund, warum Marte Cohn in der Dokumentation kaum ein Wort Deutsch redet, auch nicht in den Interviewsequenzen mit der deutschen Regisseurin. Nicola Hens fragt nicht nach dem Grund. Aber man glaubt die Antwort auch so zu wissen.

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!