Ewald (Georg Friedrich) schafft für die Jungen aus dem Dorf eine Festung, die für viele von ihnen zum Zufluchtsort wird - Szene des Films "Sparta"
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Kinostart "Sparta" von Ulrich Seidl

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Filmische Selbstbefragung: "Sparta" von Ulrich Seidl

"Sparta": Ein Österreicher gründet in einem kleinen Ort eine Art Jugendzentrum nur für Jungs. Der im vergangenen Jahr durch den "Spiegel" skandalisierte Film von Ulrich Seidl kommt jetzt ins Kino.

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Muss man Angst haben vor diesem Film? Nein, muss man nicht. Jede und jeder kann sich nun ein eigenes Bild machen in Bezug auf die anonym vorgebrachten Anschuldigungen, mit denen Ulrich Seidl nach den Dreharbeiten von "Sparta" konfrontiert war: Er habe die Eltern der mitspielenden rumänischen Kinderdarsteller nicht richtig informiert und die Kinder entsprechend der Regeln für Dreharbeiten nicht ordnungsgemäß psychologisch betreut, etwa bei den Szenen, in denen es um Nacktheit oder Alkoholismus geht.

Sparta: Ein Sportzentrum für Jungs

Im Film ist Ewald, ein Österreicher mittleren Alters, der in Rumänien als Kraftwerkstechniker arbeitet, entsetzt, als er bei sich plötzlich pädophile Neigungen entdeckt. Er trennt sich von seiner rumänischen Freundin und baut in einem provinziellen Kaff ein Sportzentrum für ein paar Buben aus der Nachbarschaft auf.

In Anlehnung an antike Vorbilder nennt er es Sparta. Konkret sexuelle Handlungen spielen keine Rolle, aber Ewalds unheilvolles Begehren scheint in einigen Szenen auf: Einmal sieht man ihn nackt, wie er mit den Kindern, die Unterhosen tragen, duscht. Er macht Fotos von den Jungs und sieht sich die Bilder später an.

Schauspieler "müssen die Rolle auch leben"

Georg Friedrich in der Hauptrolle spielt beeindruckend. Aber spielt er überhaupt? Ulrich Seidl sagt, bei ihm sollten die Schauspieler einfach sein: "Es gibt ein Drehbuch, aber nicht für die Schauspieler – und insofern müssen sie die Rolle auch leben. Das ist immer ein Zusammenwachsen von dem Eigenen und dem Anderen. Ein Hineindenken in das, was die Rolle sein soll."

Ulrich Seidls Filme sind in ihrer bewussten Entschleunigung und ihrem formalen Rigorismus überraschend offen. Es ist ein Paradox: Trotz stilisierter Kompositionen etwa mit strengen Symmetrien entsteht ein hohes Maß an Natürlichkeit. Inszenierte Momente wirken plötzlich wie Szenen aus einem Dokumentarfilm.

Inszenierungen in einem dokumentarischen Umfeld

"Also, alles ist beabsichtigt, alles ist inszeniert", sagt Seild. Manchmal fänden Drehs in einem quasi dokumentarischen Umfeld statt. Also, dass die Schauspieler instruiert sind, aber nicht das Umfeld. "Was Sie unter dokumentarisch verstehen, ist, glaube ich, einfach der Charakter, wie der Film auf die Zuschauer wirkt, nämlich sehr wahrhaftig", ergänzt er.

Ulrich Seidl lenkt sein Publikum nicht im Sinne eines bestimmte Gefühle hervorrufenden Mainstreamkinos, sondern er öffnet Gedankenräume, die jede Zuschauerin und jeder Zuschauer mit eigenen Erfahrungen betreten kann. Seine Filme lassen Platz für emotionale Selbstbefragungen.

"Dokumentarisch, weil es so echt ist"

"Man sagt dokumentarisch, weil es so echt ist. Die Menschen, die vor der Kamera agieren, sind echte Menschen. Also – man kennt sie", sagt Seidl. Das sei ein Prinzip seiner Filme, dass man sich als Zuschauer wiederfindet in dieser Welt des Films. Man könnte auch selbst in ihr vorkommen.

Das ist das Erschreckende an Ulrich Seidls Kino: der Selbstbezug, den man als Zuschauer herstellen kann. Im Fall von "Sparta" heißt das, dass man mit dem tief empfunden Unglück eines Mannes konfrontiert wird, der über sich erschrickt. Das hat in seiner Intensität etwas Beunruhigendes. Seidl fordert Empathie für einen Menschen mit einer krankhaften sexuellen Störung. Dabei ist "Sparta" Teil eines Diptychons: Seidls vorheriger Film "Rimini" erzählt von Ewalds Bruder Richie Bravo, einem abgehalfterten Schlagersänger an der italienischen Adria. Beider Leben ist geprägt von patriarchalen Gewalterfahrungen, ausgehend von ihrem Vater. "Sparta" hinterfragt so herzzerreißend wie erschütternd immer noch existierende, stereotype Konzepte von Männlichkeit und familiärer Verdrängung.

Im Video: Trailer "Sparta"

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