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Warum die Filmgeschichte allmählich verschwindet | BR24

© Bayern 2

Jean-Luc Godards "Außer Atem" oder "Rio Bravo" von Howard Hawks - Filme, die früher fesselten, kennt heute kaum noch jemand. Der Kanon der Film-Klassiker verliert an Bedeutung. Daran sind auch Netflix, Amazon Prime und Co. schuld.

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Warum die Filmgeschichte allmählich verschwindet

Jean-Luc Godards "Außer Atem" oder "Rio Bravo" von Howard Hawks – Filme, die früher fesselten, kennt heute kaum noch jemand. Der Kanon der Film-Klassiker verliert an Bedeutung. Daran sind auch Netflix, Amazon Prime und Co. schuld.

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Jetzt, wo wir uns so darüber freuen, dass alle Filme jederzeit und überall verfügbar sein sollen, verabschiedet sich die Film-Historie allmählich aus dem allgemeinen Bewusstsein. Die Münchner Hochschule für Fernsehen und Film verlangt von ihren Studierenden für einen Abschluss immerhin noch einen Schein in Filmgeschichte.

Selbst Filmstudenten kennen keine Klassiker mehr

Michaela Krützen lehrt Filmgeschichte an der HFF und hat sich auf die veränderten Bedingungen eingestellt: "Die Studenten, die heute an die Hochschule für Fernsehen und Film kommen, müssen die Filmgeschichte eigentlich erst entdecken", sagt sie.

"Als ich angefangen habe zu unterrichten, was nun drei Jahrzehnte her ist, da war das etwas Kostbares: Man hat den Sonntagnachmittag vor irgendeinem Western verbracht, der öffentlich-rechtlich ausgestrahlt wurde. Und man hat sich – ohne es zu merken – so ein seltsames Filmwissen angeeignet." Michaela Krützen, Professorin an der HFF München

Das hat nach Einschätzung der Professorin in den 1990er-Jahren mit VHS ein bisschen, vor allem aber mit der DVD nachgelassen. Alles schien verfügbar, trotzdem wurden die Kenntnisse nicht mehr, sondern weniger, denn: "Wenn man alles Aktuelle oder Halb-Aktuelle schauen kann, bevorzugt man als junger Mensch erst einmal das. Ich habe also damit zu tun, dass selbst das, was man Klassiker nennt, nicht mehr vorausgesetzt werden kann."

Was früher flott erzählt war, lässt viele heute gähnen

Was den Zugang zur Filmgeschichte zusätzlich erschwert, ist das in der Regel viel langsamere Erzähltempo älterer Filme. Für die Filmhistorikerin eine besondere Herausforderung: "Ich versuche zum Teil auch, ein Stück Übersetzungsarbeit zu leisten, um Studierende in Filme verliebt zu machen, bei denen wir – wenn man das auf dem Laptop alleine zu Hause guckt – vielleicht denken würden: 'Nach fünf Minuten sind die raus.'"

Filme von Jean-Luc Godard zum Beispiel, der mit "Außer Atem" einen Klassiker der Nouvelle Vague gedreht hat. Für ihre eigene Generation – Krützen ist Mitte 50 – hätten Godards Arbeiten noch einen gewissen Zug gehabt, man habe sie sogar als "recht flott erzählt" empfunden. Für Zwanzigjährige von heute seien sie eine Herausforderung, durchzuhalten.

© picture alliance/United Archives

Auch ein Klassiker: John Wayne (Mitte) in "Rio Bravo" von Howard Hawks (1959)

Im Fernsehen lieber neue als alte Filme

Früher konnten die Verleiher ihre alten Filme noch immer mal wieder den Fernsehanstalten verkaufen. Doch das ist vorbei, meint jedenfalls Martin Moszkowicz, der Vorstandsvorsitzende der Münchner Constantin Film: "Die Werte der klassischen "Library"-Verwertung, also der Verwertung etwa im Fernsehen, gehen zurück, weil es weniger Sendeplätze gibt und weil auch überhaupt weniger gekauft wird." Und weil es schlicht sehr viel Neues auf dem Markt gebe, sagt Moszkowicz. Da sei es schon spürbar, dass der Wert der alten Produktionen sich immer weiter abnutze.

Auch DVD ist längst überholt

Genau wie in der Musikindustrie nach Einführung der CD gab es auch für die Filmwirtschaft eine kurze Blüte, als die DVD und später die Blu-ray eingeführt wurden und man Filmklassiker mit hohen Gewinnen an Privatpersonen verkaufen konnte. Aber auch das war einmal, sagt Moszkowicz: "Der physische Home-Entertainment-Markt, der DVD-Markt also, ist fast nicht mehr existent. Aber es gibt natürlich heute neue digitale Verbreitungsformen, die das sehr viel einfacher machen würden, Zugriff auf Klassiker oder alte, gute Filme zu haben. Trotzdem wird es sehr, sehr wenig genutzt."

Echte Cineasten gehen auch ins Filmmuseum

Es ist das aktuelle Überangebot an Neuproduktionen, das die meisten überfordert. Es ist, um Alexander Kluge sinngemäß zu zitieren: "Der Angriff der Gegenwart auf unsere übrige Zeit".

Im vergangenen Jahrhundert waren es Institutionen wie das Münchner Filmmuseum, die die Filmgeschichte verwalteten. Doch Claudia Engelhardt, die stellvertretende Leiterin des Museums, muss sich Sorgen um die Zukunft machen: "Wir haben ein sehr treues Stammpublikum, muss ich sagen, wirkliche Cineasten, die regelmäßig kommen, oft jeden Tag, jeden zweiten Tag. Die sind allerdings schon älteren Semesters." Das heißt: ab 50 aufwärts.

Auch wenn sich theoretisch jeder sein eigenes Filmmuseum per DVD-Sammlung und Streaming-Angeboten ins Haus holen kann, bezweifelt Claudia Engelhardt die Nachhaltigkeit digitaler Speicherung. Die sei ein Roulette-Spiel weil niemand weiß, wie lange die Daten halten: "100 Jahre oder vielleicht 50? Und dann muss man sie immer wieder migrieren auf ein anderes Medium und wieder zurück migrieren, dass sie nicht verfallen. Da hat man keine Erfahrungswerte", sagte Engelhardt.

Hoffnung auf eine Renaissance der Film-Klassiker

Ob allerdings das momentane Überangebot an immer mehr Serien und immer mehr Kino-Filmen mit immer kürzeren Laufzeiten anhalten wird, steht noch nicht fest. Schließlich verzeichnet die Branche momentan erhebliche Konzentrationsprozesse, die viele der aktuellen Player aus dem Weg räumen werden. Fraglich bleibt, ob das dann zum Vorteil des Publikums sein wird.

Aber vielleicht erlebt ja die Filmgeschichte und die Kenntnis davon im Zuge dessen eine Renaissance, sofern sie dann noch verfügbar ist. Auf jeden Fall ist es ratsam, seine DVD-Sammlung und das dazugehörige Abspielgerät nicht voreilig auf den Flohmarkt zu tragen.

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