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Filmfestspiele Venedig: keine Begeisterungsstürme für Polanski | BR24

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Im Wettbewerb um den Goldenen Löwen konkurrieren 21 Filme mit internationalen Stars wie Brad Pitt, Scarlett Johannson oder Adam Driver, sowie das neue Werk von Roman Polanski - "J'accuse". Seine Teilnahme in Venedig wurde vorab heftig kritisiert.

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Filmfestspiele Venedig: keine Begeisterungsstürme für Polanski

Im Wettbewerb um den Goldenen Löwen konkurrieren 21 Filme mit internationalen Stars wie Brad Pitt, Scarlett Johannson oder Adam Driver, sowie das neue Werk von Roman Polanski - "J'accuse". Seine Teilnahme in Venedig wurde vorab heftig kritisiert.

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Roman Polanskis künstlerisch wirklich große Zeit liegt weit zurück - "Rosemaries Baby", "Chinatown" oder "Der Mieter". Alles Filme aus den sechziger und siebziger Jahren. Spätestens seit dem Holocaust-Drama "Der Pianist", für das Polanski 2003 immerhin noch einen Oscar gewann, wartet man bei jedem neuen Film darauf, ob das Genie des polnisch-französischen Regisseurs noch einmal aufblitzt. Vergebens. Auch gestern Abend, als sein Film "J’accuse – Ein Offizier und ein Spion" im Wettbewerb von Venedig gezeigt wurde, gab es zwar aufrechten Applaus, aber keine Begeisterungsstürme.

In seinem mit Spannung erwarteten Werk erzählt Roman Polanski die bereits in anderen Filmen beleuchtete Dreyfus-Affäre neu, die Geschichte eines Offiziers der französischen Armee, der 1895 wegen Spionage für Deutschland zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Inszeniert ist das aus der Perspektive von Marie-Georges Picquart, Zeuge des Verfahrens und danach Leiter der militärischen Spionageabwehr. Er muss feststellen, dass Alfred Dreyfus unschuldig ist. Die zuständigen Minister wollen das Urteil aber nicht revidieren. Es wäre eine Blamage für die Militärgerichtsbarkeit – noch dazu ist Dreyfus ein Jude.

© © Venice International Filmfestival

Eine Szene aus dem Polanski-Film "J’accuse – Ein Offizier und ein Spion"

Die die nach Dreyfus benannte Justizaffäre offenbarte einen tief sitzenden Antisemitismus in Frankreich. Der Fall gilt bis heute als Beispiel für falsch verstandenen Nationalismus und politische Formen von Rassismus.

"J’accuse" will natürlich Bezüge zur Gegenwart herstellen, tut das als in düsteren Farben gehaltenes Historiendrama, dem trotz handwerklicher Könnerschaft aber die Zwischentöne fehlen: Die Guten sind gut, die Bösen böse. Auch Regisseur Roman Polanski gilt als böse. Im Zuge der MeToo-Debatte wurde die 1977 außergerichtlich geregelte Anklage wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen in den USA medial nochmal aufgerollt – und die deutsche Schauspielerin Renate Langer erhob 2017 einen weiteren Vergewaltigungsvorwurf gegen Polanski. In Paris gab es danach heftige Proteste gegen den Regisseur. Die Filmfestspiele von Venedig wurden jetzt entsprechend kritisiert, einen Film von ihm im Wettbewerb zu zeigen. Festivalchef Alberto Barbera verteidigte sich und meinte, man müsse zwischen dem Künstler und dem Mann unterscheiden.

Kritischer reagierte die argentinische Jurypräsidentin Lucrecia Martel: Sie finde es zwar richtig, dass Polanskis Film auf diesem Festival laufe, sie werde aber nicht an dem von Polanski organisierten Galadinner zu "J’accuse" teilnehmen, weil sie in Venedig auch viele Frauen repräsentiere, die mit Sexismus und Gewalt zu kämpfen hätten.Wie komplex die ganze Gemengelage ist, war Donnerstagnachmittag zu erleben. Da bekam der Regisseur Pedro Almodovar den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk verliehen. Der Spanier hatte sich vor ein paar Jahren für Polanski eingesetzt – die Laudatio auf ihn in Venedig hielt jetzt: Lucrecia Martel. Kein Wunder, dass sie zu Beginn meinte, sie sei sehr nervös.

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