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Und Linkshänderin ist sie auch noch! Kaiserin Sisi, wie Vicky Krieps sie interpretiert

Bildrechte: dpa/Felix Vratny
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Filmfest München eröffnet mit Sisi-Film "Corsage"

Sommerzeit, Filmfestzeit – und gleich zu Beginn: Das Biopic "Corsage" mit einer starken Vicky Krieps als unbeugsame Kaiserin Sisi, die sich strikt weigert, den ihr zugewiesenen Platz einzunehmen. In dieser Kaiserin findet Krieps ihre Seelenverwandte.

Von
Moritz HolfelderMoritz Holfelder
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Die erste Szene von "Corsage" gibt den Ton vor – und der ist weit entfernt von Ernst Marischkas melodramatisch süßlichen "Sissi"-Filmen aus den 1950er-Jahren mit Romy Schneider: Man sieht zwei bedienstete Hofdamen von hinten. Sie stehen vor einer Badewanne. In der liegt untergetaucht Sisi und probiert, wie lange sie die Luft anhalten kann. Die eine Dame sagt zur anderen: "Sie macht mir so eine Angst!"

Die Kaiserin hat die Nase voll von der Etikette. Sie macht, was sie will. Bei unangenehmen Terminen verlässt sie die höfische Tafel aufreizend rauchend und sie täuscht bei offiziellen Zusammenkünften schon auch mal eine Ohnmacht vor. Zeigt dann später einem Vertrauten, wie man das macht – in Ohnmacht fallen.

Eine Kaiserin – und ihr ausgestreckter Mittelfinger

"Meine Aufgabe ist es, die Geschicke des Reiches zu lenken", sagt in diesem Film Kaiser Franz Joseph zu seiner Sisi, "Deine Aufgabe ist es lediglich, zu repräsentieren." Das ist der Knackpunkt. Diesem Diktat hat sich Sisi nie gebeugt. Der Film von Marie Kreutzer überhöht diese Haltung, entfernt sich von den historisch überlieferten Wahrheiten und geht sehr frei und überraschend modern mit der Biografie der Elisabeth von Österreich um.

Die Sisi von "Corsage" streckt dem imperialen Hofstaat ihres Mannes und seinen Adlaten den Mittelfinger entgegen. Sie rebelliert. Begehrt auf. Lässt sich nichts gefallen. Will mitreden bei politischen Entscheidungen, etwa, was den Status von Ungarn oder Serbien betrifft. Den ihr zugewiesenen Platz will sie nicht einnehmen. In ihrer narzisstischen Zerbrechlichkeit und launenhaften Selbstgewissheit erinnert sie an Lady Di. Vor allem aber ist die gebürtige Luxemburgerin Vicky Krieps das Ereignis, das diesen Film so sehenswert macht.

Die Schauspielerin, eher schüchtern und ebenfalls aller repräsentativen Auftritte müde, findet in dieser Kaiserin eine Seelenverwandte. Sie erkennt etwas von sich selbst wieder – etwa diese Abscheu, öffentlich in eine Rolle gedrängt zu werden, in ihrem Fall bei Galas oder großen Premieren. Auch sie empfindet bisweilen einen Schwindel.

"Mein 'Nein' wurde überhört und getreten"

Beim Filmfest München konnte man das vor vier Jahren erleben, als sie der Jury für den Förderpreis Neues Deutsches Kino angehörte. Sie war es, die den besten Film samt Begründung verkünden sollte und dabei ihre Rolle hinterfragte. Den Preis für den besten Deutschen Film gewann damals das stille komplexe Missbrauchsdrama "Alles ist gut" von Eva Trobisch – und da sagte Krieps: "Ich glaube, wie sehr vielen hier im Saal ist auch mir diese Sache passiert, dass mein Nein überhört und getreten wurde. Und wie so viele Frauen habe ich darauf reagiert, indem ich mich zusammengerissen habe, stark sein wollte und sehr gut funktioniert habe. Wir alle lernen als Kind: Jetzt reiß Dich mal zusammen! Bei mir hat dieses Zusammenreißen mein ganzes darauf folgendes Leben bestimmt. Und als ich diesen Film gesehen habe, konnte ich das erste Mal verstehen und sehen können, welches Gift davon ausgeht, wenn man sich zusammenreißt."

Ein Satz, der so auch in "Corsage" fallen könnte. Vicky Krieps, die als Modeassistentin in "Der seidene Faden" von Paul Thomas Anderson 2017 international bekannt wurde, kommt wegen laufender Dreharbeiten nicht zur Eröffnung des Filmfestes nach München. Aber zu erleben ist sie noch in einem zweiten Spielfilm, in "Mehr denn je" von Emily Atef, der ebenfalls in Cannes seine Premiere hatte. Auch in dieser Rolle einer lungenkranken jungen Französin begeistert Krieps als eine Schauspielerin, die mit absoluter Bestimmtheit und trotzdem berührender Verletzlichkeit ihren Kopf durchsetzt.

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