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Filmemacher Oleg Senzow kommt aus russischer Lagerhaft frei | BR24

© Bayern 2

Ergreifende Bilder in Kiew: Familien und Freunde nehmen die von Russland in einem Gefangenenaustausch freigelassenen Männer in Empfang. Senzow umarmt seine Tochter Alina, zum ersten Mal seit fünf Jahren. Ein großer Moment – auch für die Ukraine?

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Filmemacher Oleg Senzow kommt aus russischer Lagerhaft frei

Im Zuge eines Gefangenenaustauschs lässt Russland 35 Ukrainer frei. Einer von ihnen ist der prominente Filmemacher Oleg Senzow. Mit seiner Freilassung komme ein "Revolutionsgeist" in die Ukraine, sagt die Essayistin Kateryna Mishchenko.

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„Das Erste, woran ich denke, ist, dass das Unmögliche oder Unwahrscheinliche passiert ist“, sagt nun die Essayistin und Kuratorin Kateryna Mishchenko. Sie gehört zu den Künstlern und Intellektuellen, die sich unermüdlich für die Freilassung des Filmemachers Oleg Senzow eingesetzt haben. 2016 kuratierte sie die Wanderausstellung „Senzows Camera“, die sich damit auseinandersetzt, wie sich Konflikte in Räume einschreiben.

„Die Freilassung von Oleg Senzow und Oleksandr Koltschenko, von diesen zweien, die die Krimer Geiseln oder in russischer Übersetzung „Krimer Terroristen“ genannt wurden – das ist schon ein bedeutendes Ereignis“, sagt Mishchenko, „denn es ist für uns in der Ukraine auch die Möglichkeit, wieder über die Krim nachzudenken und was für ein gesellschaftliches Modell in der heutigen Ukraine gängig ist. Und das ist wirklich so ein Revolutionsgeist, der mit Senzow in die Ukraine kommt.“

145 Tage Hungerstreik

Tatsächlich hatte sich Oleg Senzow nach seiner Verhaftung und Überführung nach Russland im Mai 2014 als ausnehmend standhaft und willensstark gezeigt. Er argumentierte wortgewandt und mit schneidender Logik bei seinem Prozess, er verzichtete in der Haft darauf, seine Familie zu sehen, weil es ihm sonst das Herz gebrochen hätte und er hungerte 145 Tage im sibirischen Lager nahe dem Nordpol, um der Freilassung aller ukrainischen Gefangenen Nachdruck zu verleihen. Ein echter Freiheitskämpfer.

„Das hat ihn zu einer sehr wichtigen Figur für unsere heutige politische Imagination gemacht“, sagt die Essayistin Mishchenko, „vor allem für die Gesellschaft, die durch den Krieg schon so traumatisiert ist und durch nationalistisches Pathos in gewisser Weise auch.“

Auch Senzows erstes Interview in Freiheit galt den Ukrainern, die noch in russischer Gefangenschaft sind. Der Kampf halte an, so der Filmemacher, bis der letzte Gefangene frei sei. Bis zum Sieg sei es noch ein langer Weg.

"Es ist schwer zu ertragen, ausgetauscht worden zu sein"

Da Russland in dem Konflikt mit der Ukraine Eskalationsdominanz hat und offiziell gar nicht Kriegspartei im Osten des Landes ist, ist es für Präsident Selenskij ein Glücksfall, dass das Putinregime endlich – möglicherweise auf Druck der USA und Frankreich – eingelenkt hat und der Gefangenenaustausch stattfinden konnte. Der Schriftsteller Andrej Kurkow analysiert die Personalien des Austauschs und zeigt deren politische Sprengkraft auf.

„Der Prozess des Austauschs erniedrigt die Menschen, die ausgetauscht werden. 35 gegen 35. Das sind gezählte Körper, nicht Menschen“, sagt Kurkow. „Ich bin mir sicher, dass Oleg Senzow froh ist, wieder in der Ukraine zu sein, aber gleichzeitig ist es moralisch und psychologisch schwer zu ertragen, ausgetauscht worden zu sein. Vor allem, wenn man bedenkt, wer mit wem ausgetauscht wurde. Von ukrainischer Seite war der Separatist Wladimir Zemach dabei, der die Abschussrampe versteckt hat, von der aus die Passagiermaschine MH 17 abgeschossen worden war. Die schreckliche Wahrheit ist, dass Russland den Gefangenenaustausch von diesem Separatisten abhängig gemacht hat – und zugleich aber damit indirekt die Schuld für den Tod der Passagiere auf sich genommen hat.“

Das sieht der Kreml naturgemäß ganz anders. Und vom Demonstrationsrecht hält die russische Obrigkeit gleich gar nichts. Drei Tage vor der Freilassung Oleg Senzows wurde der 34-jährige Programmierer Konstantin Kotow in Moskau wegen seines jahrelangen Einzelprotests für Senzows Freilassung sowie für freie Wahlen zu vier Jahren Haft verurteilt.

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