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Filmemacher Edgar Reitz zum Tod von Gernot Roll | BR24

© Bild: Christian Lüdeke/ Concorde Filmverleih 2013/ dpa | Audio BR

Helmut Dietl, Charlotte Link, Sönke Wortmann: Der Kameramann Gernot Roll hat mit vielen bekannten Regisseuren gearbeitet. Seine Zusammenarbeit mit Edgar Reitz bei den "Heimat"-Chroniken ging über Jahrzehnte und war etwas Besonderes.

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Filmemacher Edgar Reitz zum Tod von Gernot Roll

Sie waren so etwas wie "Film-Brüder" im Geiste: Gernot Roll und Edgar Reitz. Ihre wichtigste gemeinsame Arbeit: die legendären Heimat-Chroniken. Warum Roll dabei mehr war als der Mann hinter der Kamera, erzählt Regisseur Edgar Reitz im Interview.

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Der Kameramann und Regisseur Gernot Roll schätzte die handwerkliche Präzision. Deshalb hatte der gebürtige Dresdner auch keinerlei Berührungsängste, wenn es darum ging, seichte Filmchen wie "Ballermann 6" zu drehen. So eine Komödie, die nur auf aneinandergereihten Gags beruhe, erklärte Roll einmal, sei filmhandwerklich äußerst schwierig umzusetzen, da müsse man sehr genau arbeiten. Aber natürlich wird Roll, der in einem Jahr Thomas Manns "Die Buddenbrooks" mit Regisseur Heinrich Breloer verfilmte und schon im nächsten "Männersache" mit Mario Barth drehte, vor allem für die bedeutenderen Filme in Erinnerung bleiben: So führte er in Caroline Links Oscar prämierten Film "Jenseits der Stille" die Kamera, in Helmut Dietls Gesellschaftssatire "Rossini" und vor allem in den Film-Chroniken "Heimat" und "Die zweite Heimat" von Edgar Reitz. Im Interview mit Christoph Leibold erinnert sich der Filmemacher an die gemeinsame Arbeit mit Gernot Roll, der gestern mit 81 Jahren in München gestorben ist.

Christoph Leibold: Herr Reitz, bei Ihren Heimat-Filmen wird Gernot Roll nicht als Kameramann geführt, sondern als Bildgestalter, darauf haben Sie beide sich geeinigt. Was macht den Unterschied zwischen beiden Berufsbezeichnungen aus? Und ist es vielleicht das, was Roll auch von anderen Kameraleuten unterschied?

Edgar Reitz: Er war ein Allround-Filmmensch. Sein Interesse endete nie am Fachbereich der Kamera. Für ihn war die Umsetzung der Ideen, des Drehbuchs oder der Regie das essenzielle Stimulans für alles, was er machte. Und er hat sich in alles eingemischt: in die Gestaltung der Sets, der Ausstattung, der Kostüme, vor allem aber des Drehablaufs am Ort. Er war eine treibende Kraft während der Dreharbeiten. Jeder, der mit Gernot Roll gearbeitet hat, weiß, dass er ein Energiebündel ohnegleichen war. Das hat natürlich auf alle Regisseure eine unglaubliche Ausstrahlung gehabt.

Gernot Roll hat sich selbst als Autodidakt beschrieben und auch als Handwerker gesehen. Handwerker – war das Tiefstapelei oder wirklich eine zutreffende Selbstbeschreibung?

Er wollte sich vor allem gegen den Begriff des Künstlers absetzen. Die Möchtegerns, die Leute, die meinen, die Welt verbessern zu können und gleichzeitig nicht über das Handwerk verfügen, um das machen zu können, die hat er verachtet. Er hat sich lieber als Handwerker gesehen, als einer, der wirklich die Materie beherrscht – statt als einer, der Gott weiß welche Ambitionen hat, die er dann nicht beherrscht.

Sie haben vorhin schon geschwärmt von seinen Qualitäten. Kann man das an einem Beispiel anschaulich machen, woran man vielleicht unübersehbar erkennt, dass Gernot Roll zum Beispiel bei "Heimat – Eine deutsche Chronik" die Kamera geführt hat?

Es gibt eine ganz bestimmte Art der Lichtführung, die allerdings unglaublich schwer zu beschreiben ist. Aber das ist genau das besondere Geheimnis bei ihm. Er hat auch mit großer Begeisterung schwarzweiß Fotografie gemacht. Da haben sich unsere Interessen auch gefunden, weil auch für mich der Schwarzweißfilm immer eine besondere Magie hatte. Und wir haben unsere großen Filme weitgehend auch in Schwarzweiß gedreht, bis hin zu unserem letzten Werk – das, was Sie jetzt nicht erwähnt haben, "Die andere Heimat" von 2010 – auch ein Schwarzweißfilm in Cinemascope. Das war die ganz besondere Leidenschaft von Gernot Roll, weil er sagt: "Das Licht ist die Materie des Films oder der filmischen Fotografie". Und in der schwarzweiß Fotografie geht es ja eigentlich nur um das Licht. Da sind diese geschmäcklerischen Oberflächenreize der Dinge, die sich häufig in Farbe ausdrücken, nicht das Thema. Sondern da ist das Thema der Stand der Sonne oder die Beleuchtung in den Innenräumen. Oder die Frage: Woher kommen die Lichtquellen? In Gernots Aufnahmen kann man immer definieren, wo die Lichtquellen sind. Sie haben alle etwas Natürliches, etwas Nachvollziehbares, etwas, was sich nicht gebärdet als Gott weiß wie künstlerisch, sondern was seine Natürlichkeit anstrebt und gleichzeitig dabei hohe Kunst hat.

Sie haben Ihre letzte Zusammenarbeit bereits angesprochen. Die erste war, glaube ich, 1977 "Stunde Null". Wie haben Sie denn zueinander gefunden?

Damals kannten wir uns nicht. Es war Bernd Eichinger, der Produzent, der uns zusammengeführt hat. Der sagte: "Ihr passt zueinander!" Das musste sich erst mal herausstellen. Ich habe ihm dann meine bis dahin gedrehten eigenen Filme gezeigt. Er war total erstaunt darüber, dass ich den Projektor selber bediente. Ich habe selber die Rollen in die Maschine eingelegt, und das hat sein Vertrauen geweckt. Er sagte, ein Regisseur, der eine Maschine bedienen kann, das ist mein Mann! So war Gernot Roll. Und bei den Dreharbeiten fühlten wir uns dann wie die Kinder im Sandkasten. Wir sind so auf den Knien durch die Landschaft gekrabbelt und haben Positionen für die Kamera gesucht. Und häufig in gemeinsamen Erinnerungen an unsere Kindheit: Indem wir nach Bildeindrücken suchten, die sich decken mit unseren Kindheitserinnerungen. Und da ist man ja viel kleiner gewesen. Da haben wir uns dann auf die Knie gehockt und aus der Augenhöhe der Kindheit versucht, unsere Motive zu finden. Also solche Dinge haben wir miteinander gemacht. Das verbindet natürlich. Das ist mehr als Zusammenarbeit. Das ist schon fast eine Freundschaft wie unter Verwandten oder Brüdern.

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