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Kino 2020: Und nächstes Jahr die ganze Welt | BR24

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Zwischen Autokino und Hybridfestivals: Das Kinojahr 2020 war ein außergewöhnlich schwieriges – trotz außergewöhnlicher Filme.

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Kino 2020: Und nächstes Jahr die ganze Welt

Autokinos, digitale Festivals und immer wieder schließen. Am Ende war 2020 trotz aller Versuche, sich gegen die Pandemie zu wehren, für das Kino ein Jahr der Rückschläge. Und hat doch einige große Filme hervorgebracht.

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Von
  • Markus Aicher

Das Kinojahr 2020 beginnt im Januar beim Bayerischen Filmpreis ganz bayerisch: Der Publikumspreis geht an die Rita Falk Verfilmung "Leberkäsjunkie", Heiner Lauterbach bekommt den Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten. Der Kassenhit "Das perfekte Geheimnis" aus der Münchner Constantinschmiede erhält den Produktionspreis und "Walchensee Forever" von Janna Ji Wonders wird zum besten Dokumentarfilm gekürt, der leider bis heute auf seinen Kinoeinsatz warten muss.

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Aufrüttelnde Doku über Fleischindustrie: "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit".

Beim Max Ophüls Preis Festival in Saarbrücken hat Mitte Januar ein starker Film von Yulia Lokshina aus München Premiere, der in den Coronawirren bei den Erkrankungs-Fällen in der Fleischindustrie um Tönnies später ungeahnte Aktualität erlangen wird: "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit".

Sensation bei den Oscars

Eine Premiere gibt es bei der Oscarverleihung im Februar: Erstmals in der Oscargeschichte wird der beste internationale, nicht-englischsprachige Film auch Film des Jahres: "Parasite". Vier Oscars erhält der Film von Bong Joon Ho, darunter auch beste Regie und bestes Drehbuch. Der arthouse-Durchstarter ist der Überraschungsgewinner und schlägt sogar eine zehn Mal nominierte Netflix-Produktion: das Mafiadrama "The Irishman" von Altmeister Martin Scorsese.

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Aus dem Kellerloch heraus unterminiert Familie Kim in "Parasite" langsam die High Society.

Einen großen Verlust erleidet in diesem Monat die Bayerische Filmszene: der Regisseur Joseph Vilsmaier stirbt und wird in der Münchner Michaelskirche von einer großen Trauergemeinde verabschiedet. Sein letzter Film, den er zusammen mit Bully Herbig noch fertig gedreht hatte – "Der Boandlkramer und die ewige Liebe" wartet coronabedingt immer noch auf seinen Kinostart.

Berlinale mit Glück im Unglück

Großes Glück hat die Berlinale im Februar: Erst am letzten Tag des größten deutschen Filmfestivals wird in Berlin der erste Covid-19-Infizierte gemeldet. Zwei beeindruckende Filme können damit gerade noch ihre Premiere im Wettbewerb erleben: "Berlin Alexanderplatz" von Burhan Quarbani und "Undine" von Christian Petzold. Seine Hauptdarstellerin Paula Beer bekommt den Preis als beste Schauspielerin. Eine Ehrung, die ihr auch später beim Europäischen Filmpreis zuteil werden wird. Der Gewinner des Goldenen Bären kommt aus dem Iran: "Doch das Böse gibt es nicht" von Mohammad Rasoulof.

März. Durch die Pandemie entfallen die ersten Film-Festivals wie etwa die "Diagonale" im steirischen Graz oder auch die Landshuter Kurzfilmtage. Noch gibt es Filmstarts wie etwa die "Känguru-Chroniken". Der erspielt anfangs rasch gute Zahlen an den noch offenen Kinokassen, doch ab Mitte März wird die Lockdown Bremse gezogen. Die Kinos werden dichtgemacht und Deutschland geht in den ersten Shutdown. Die Produzenten reagieren: Der Filmstart des neuen James Bond etwa wird zunächst auf den November, später nochmals auf den März 2021 verschoben.

Deutschland experimentiert im Lockdown

April. Deutschland befindet sich im Lockdown, die Kinos sind zu und ihre Betreiber sehen besorgt in die Zukunft. Wie lange wird die Schließung dauern? Zunächst heißt es bis in den Mai hinein. Das Cannes Festival zieht spät die Notbremse und entfällt. In München dagegen wagt das DOKfest die Verlegung des gesamten Programms ins Netz und zieht damit online mehr Zuschauer als zuvor an! Die Kinos aber sind im Mai auch weiterhin geschlossen. Viele Betreiber haben Existenzängste, andere setzen auf Autokinos und Open Air-Vorführungen.

Im Juni muss auch das Filmfest München ausfallen, das später als stark verkleinerte pop up-Version in einem Autokino ein Überlebenssignal setzt. Dann endlich: Ab dem 15. Juni dürfen Kinos wieder öffnen. Allerdings mit so rigiden Abstandsregularien, dass diese einen kostendeckenden Betrieb fast unmöglich machen. Man setzt auf Hilfsprogramme des Bundes und der Bayerischen Staatsregierung.

Der Sommer im Juli und August beschert den Kinos keine üppigen Einnahmen. Das Publikum bleibt trotz hochkarätiger Filmstarts wie Christopher Nolans Thriller "Tenet" fern. Für das Jahresende werden Ausfälle bis zu einer Milliarde Euro prognostiziert.

In Italien wagt man trotz des Bergamo Schocks Anfang September wieder eine Großveranstaltung. Das Filmfest Venedig auf dem Lido findet unter strengen Hygieneregeln und personalisierten Onlinetickets statt. Der Einsatz wird belohnt: Kein einzig bekannter Ansteckungsfall wird von dort gemeldet.

Deutscher Beitrag in Venedig

Cate Blanchett präsidiert die internationale Jury, der auch der deutsche Regisseur Christian Petzold angehört und prämiert "Nomadland" mit Frances McDormand mit dem Goldenen Löwen. Der deutsche Beitrag, die BR Koproduktion "Und morgen die ganze Welt" von Julia von Heinz geht leider leer aus. Sie eröffnet aber im Oktober die Hofer Filmtage, die sich für ein hybrid durchgeführtes Festivalkonzept entscheiden. Und einer der teuersten deutschen Filme aller Zeiten "Jim Knopf und die Wilde 13" von Dennis Gansel startet erfolgreich in den Kinos. Doch die Kinofreude währt nun kurz, ab 2.11. heißt es in Deutschland wieder: Kinos zu!

Der Europäische Filmpreis wird im Dezember digital verliehen. Hier wird "Der Rausch", ein Film des dänischen Regisseurs Thomas Winterberg über ein Alkoholexperiment von vier Freunden, als bester Europäischer Film gefeiert. Mads Mikkelsen wird dafür als Bester Schauspieler geehrt und auch Paula Beer darf sich über die Auszeichnung als beste Schauspielerin freuen.

Berührende Doku "For Sama"

In Nürnberg – ebenfalls digital – geht der Menschenrechtsfilmpreis an den berührenden englisch-syrischen Dokumentarfilm "For Sama" und der US-Konzern Warner kündigt an, künftig vermehrt seine Blockbuster als Streaming-Angebote herauszubringen. Nach langem Hin- und Her entschließt sich die Berlinale ihr Publikumsfestival auf den Sommer 2021 zu verschieben, im März kommenden Jahres soll es zunächst einen online abgehaltenen Filmmarkt geben.

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Menschenrechtsfilmpreis geht an "For Sama".

Filme 2020, die bleiben

Und welche Filme in diesem Jahr bleiben noch haften im Gedächtnis? "Das Vorspiel" mit Nina Hoss als Musiklehrerein. Das in Venedig vorgestellte dokumentarische Porträt "Greta" über die Fridays for Future Aktivistin Greta Thunberg. Der Berlinale-Hit, "Niemals selten manchmal immer" und Oskar Röhlers gewagte Fassbinder-Verarbeitung "Enfant terrible".

Weiter "Sorry we missed you" von Ken Loach, der Kapitalismuskritik am Beispiel von Paketzustellern übt. Aus Georgien "Als wir tanzten" über Queerness, kaukasischen Aufbruch und Tradition oder Marco Bellocchios Mafiaepos "Il traditore – Der Verräter". Und gleichsam als Allegorie auf den pandemischen Wartezustand erscheint der Titel von Thomas Heises, in Berlin vorgestellten Dokumentarfilm: "Heimat ist ein Raum aus Zeit".

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