BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

"1917": Sam Mendes' bildmächtiger Gang durch die Hölle | BR24

© Universal Pictures and Storyteller Distribution

George MacKay als britischer Soldat in "1917"

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"1917": Sam Mendes' bildmächtiger Gang durch die Hölle

Der Feind hat die Telefonverbindung gekappt. Zwei junge britische Soldaten durchqueren die feindlichen Linien, um 1600 Kameraden zu retten. Sam Mendes' Oscar-nominiertes Weltkriegsdrama ist klar in der Aussage – kommt seinen Figuren aber nicht nahe.

Per Mail sharen

Sie ist trügerisch, die Stille, das weiß man sofort. Die grüne Wiese, die gelben und weißen Blumen, die sich leise im Wind wiegen, die Soldaten, die an Bäume gelehnt dösen – so kann ein Kriegsfilm beginnen, aber so geht er hundertprozentig nicht weiter. Erst recht nicht, wenn es sich um "1917" handelt, das Weltkriegsdrama von Sam Mendes, das allein schon durch seine One-Take-Dramaturgie darauf abzielt, sich einen Platz unter den Klassikern des Genres zu ergattern. Das Grauen, das die beiden Hauptfiguren in den kommenden zwei Stunden durchleben, kündigt sich langsam an. Losgetreten wird es von Colin Firth, der in einem kurzen Auftritt den Vorgesetzten der beiden Hauptfiguren spielt.

Wettlauf durch die Hölle

Zwei britische Soldaten, Schofield und Blake, selbst fast noch Kinder, erhalten einen Auftrag, der vor allem ein Wettlauf gegen die Zeit ist. Sie müssen durch die Hölle gehen, um ihre Kameraden zu retten, sie vor einem feindlichen Hinterhalt zu warnen. Die Hölle, das ist das Niemandsland zwischen den eigenen befestigten Gräben und der Feindeslinie der Deutschen. Hier gibt es keine grünen Wiesen. Nur Matsch, der sich mit Blut vermischt. Stacheldraht, der sich ins Fleisch bohrt. Minen, die die Mission mit einem einzigen Fehltritt vorzeitig beenden können. Außerdem Tierkadaver und Leichen – unzählige Leichen, die von Ratten angenagt werden. Schweigend und konzentriert, gleichzeitig entsetzt und gehetzt bahnen sich die beiden Soldaten ihren Weg, der sie von einer Extremsituation zur nächsten führt.

© Universal Pictures and Storyteller Distribution

George MacKay als britischer Soldat in "1917" von Sam Mendes

Abstürzende Flugzeuge, tödliche Fallen, feindlicher Beschuss: Die Strecke zum zweiten Bataillon ist mit allen Schreckensszenarien gespickt, die ein Krieg bereithalten kann. Und die Kamera-Arbeit von Roger Deakins sorgt dafür, dass der Zuschauer unweigerlich hineingezogen wird in das Geschehen. Scheinbar ununterbrochen ist die Kamerafahrt, es gibt keinen offensichtlichen Schnitt, die Kamera klebt an den Protagonisten. Wer Alejandro González Inárritus Broadway-Drama "Birdman" oder Sebastian Schippers Bankräuber-Ballade "Victoria" gesehen hat, kennt die Dringlichkeit, die sich dadurch ergibt. Dass sie durch das Kriegsgeschehen nochmals potenziert wird, ist nur logisch. Und von Sam Mendes genau so beabsichtigt.

Wuchtige Bilder, wenig Empathie

Das visuelle Konzept des für den Oscar nominierten Films verfehlt seine Wirkung nicht. Auf dieser Ebene ist "1917", bei den Golden Globes als bestes Drama ausgezeichnet, tatsächlich ein Kriegsfilm, der sich ins Gedächtnis brennt. Die Atemlosigkeit verleiht dem Drama die Wucht eines Thrillers. Und die Entscheidung, die Hauptrollen mit George MacKay und Dean-Charles Chapman, also zwei jungen, relativ unbekannten Darstellern zu besetzen, unterstreicht die Tragik des Krieges noch: Diejenigen, die in den Kampf ziehen und ihr Leben riskieren, sind keine Stars im Sinne von hochdekorierten Generälen – es sind junge Männer, die mehr Angst als Erfahrung haben. Sie sind die Verdammten des Krieges.

Die Aussage von "1917" ist eindeutig – kraftvoll ist sie jedoch nicht. Denn das allumfassende und streckenweise allzu plakative Chaos, das die Figuren umgibt, hüllt die Charaktere selbst in einen diffusen Nebel. So schreckgeweitet die Augen der Hauptfiguren auch sein mögen: Auf den Grund ihrer traumatisierten Soldatenseelen kann man nicht schauen. Diese emotionale Bindung lässt die streng getaktete Dramaturgie nicht zu.

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!