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Film "Pieces of a Woman": Ein Baby stirbt, eine Mutter zerbricht | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: Netflix

Tabuthema Totgeburt: In "Pieces of a Woman" erzählt Regisseur Kornél Mundruczó vom schrecklichen Ende einer Geburt, vom Auseinandergehen der Eltern, vom möglichen Versagen der Geburtshelferin und vom Kampf der Mutter vor Gericht.

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Film "Pieces of a Woman": Ein Baby stirbt, eine Mutter zerbricht

Was für ein Alptraum: Die Wehen setzen ein, die Hebamme macht Fehler, das Neugeborene stirbt. Und dann? Regisseur Kornél Mundruczó und Partnerin Kata Wéber erzählen in ihrem Film "Pieces of a Woman" vom Tabuthema Totgeburt – und vom Ende einer Ehe.

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Von
  • Moritz Holfelder

"Pieces of a Woman" könnte der Titel eines kubistischen Bildes von Pablo Picasso sein. Eines jener Gemälde, in denen er Menschen fragmentiert dargestellt hat, ohne eindeutige Ansichtsseite. Es ist der Betrachter, der dann die Teile des polyperspektivischen Porträts ordnet.

In dem Film "Pieces of a Woman" ist es die von Vanessa Kirby gespielte Martha, die nach einer traumatischen Verlusterfahrung die Bruchstücke ihres Lebens wieder zusammenfügen muss. Über dem Bett, in dem sie ihre Tochter zur Welt bringt, die kurz darauf stirbt, hängt der Druck eines solchen abstrakten Porträts, wie Picasso es gemalt hat.

Die Wehen setzen ein, die Hebamme hat keine Zeit

Kurz werden zu Beginn des Films die beiden Hauptfiguren eingeführt: Sean leitet die Baustelle einer Brücke über einen Fluss in Boston, Martha arbeitet als leitende Angestellte in einer Firma und wird ein paar Tage vor der Geburt aus dem Büro verabschiedet. Nach dieser knappen Exposition treffen sich die Eheleute bei einem Autohändler, wo ihnen die so reiche wie gebieterische Mutter von Martha einen neuen Familienvan kauft.

Kaum zuhause in der großräumigen Villa beginnen frühzeitig die Wehen. Die Hebamme, die kommen soll, ist gerade mit einer anderen Hausgeburt beschäftigt, deswegen springt eine Kollegin ein.

Gefühlt eine Dreiviertelstunde und tatsächlich immerhin 20 Minuten dauert im Film die Geburt, gedreht mit der Handkamera, die aufgeregt zwischen den Räumen wechselt – Wohnzimmer, Küche, Badezimmer, Schlafzimmer; eine psychische und physische Tour de Force, an deren Ende Sean den Notarzt rufen wird. Das Baby stirbt kurz nach der Geburt an Sauerstoffmangel. Gründe: unklar, wie ein Arzt erläutert.

Tabuthema Totgeburt

"Pieces of a Woman" basiert auf dem gleichnamigen preisgekrönten Theaterstück, das Regisseur Kornél Mundruczó nach der Vorlage seiner Lebenspartnerin Kata Wéber 2018 in Warschau inszenierte. Gemeinsam schrieben die beiden dann das Drehbuch für den Film.

"Es ist eine sehr persönliche Geschichte", erzählt Mundruczó, weil meine Frau selbst schon eine Fehlgeburt hatte. Nie redete sie groß darüber, bis ich eines Tages zufällig in einem Notizbuch Dialoge zwischen ihr und der tot geborenen Tochter entdeckte, unter dem Titel Pieces of a Woman. Ich habe Kata dann ermutigt, alle ihre Gefühle aufzuschreiben und schließlich ein Skript daraus zu machen."

Man habe mit dem Theaterstück und jetzt dem Film ein Tabu gebrochen, ergänzt Kata Wéber, denn über Tot- und Fehlgeburten werde in der Gesellschaft nicht offen gesprochen – die betroffenen Mütter und Väter lasse man damit meist allein. So würden Beziehungen und Familien auseinander brechen.

Oscar-verdächtige Schauspielleistung

"Pieces of a Woman" erzählt eine solche Geschichte. Das Paar trennt sich. Kata Wéber und Kornél Mundruczó geht es aber nicht allein um diese Beziehungsdynamik – sie verknüpfen die Themen Verlust, Trauer und Schuld mit der Beschreibung von Klassengegensätzen, hinterfragen Rollenbilder und familiäre Erwartungen.

Die Schauspieler sind großartig – allen voran Oscar-Favoritin Vanessa Kirby als Martha, die das Spektrum zwischen Überforderung und Selbstbehauptung auslotet, dazu Ellen Burstyn als deren Mutter und Shia LaBeouf als Sean. Die deutsche Synchronisation ist solide, aber seine ganze Kraft entwickelt der Film erst im Original mit Untertiteln.

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