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Szenenbild aus "Leto" - junge Musiker im Moskau der 1980er Jahre
© Hype Film Kinovista 2018

Autoren

Bettina Dunkel
© Hype Film Kinovista 2018

Szenenbild aus "Leto" - junge Musiker im Moskau der 1980er Jahre

In dem Biopic geht es um einen Musiker, der in der ehemaligen Sowjetunion Kultstatus genießt: Viktor Zoi. Der Titel des S/W-Films "Leto" ist das russische Wort für Sommer, zugleich ein Synonym für Freiheit. So auch 1981 in der Sowjetunion. In Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, bildet sich fünf Jahre vor der Perestroika eine Underground-Musikszene, die eine der bekanntesten und erfolgreichsten Bands der russischen Rockgeschichte hervorbringen wird: Kino. Kopf der Band ist Viktor Zoi. Im Sommer 1981 ist er 19 Jahre alt und steht noch ganz am Anfang seiner Karriere. Er schreibt eigene Texte, hat aber keine Bühne. Nicht mal einen Bandnamen gibt es zu dieser Zeit.

Coming of Age eines Musikers

Regisseur Kirill Serebrennikov hält sich in "Leto" nicht stur an die Fakten, sondern entwickelt den Spielfilm zu einem bitter-poetischen Porträt, das die Kraft der Musik ebenso feiert wie die Liebe, die Leidenschaft und das Andersdenken. Wie absurd ein Rockkonzert Anfang der 80er-Jahre in der Sowjetunion ablief, zeigt gleich die erste Szene von: Das Publikum sitzt auf Stühlen, das Aufsichtspersonal wandert um die Reihen und achtet penibel darauf, dass jeglicher Gefühlsausbruch, vom Fußstampfen bis zum rhythmischen Kopfwippen, unterlassen wird. Transparente mit Liebesbekundungen? Ebenfalls ein absolutes No-Go. Dazu gehört auch, dass neue Songtexte von einer Mitarbeiterin des Kulturministeriums abgenommen werden.

Zwischen Zensur und Willkür

"Leto" ist durchzogen von Momenten, die die unterdrückten Gedanken und Wünsche seiner Figuren wiedergeben. Serebrennikow packt diese Szenen in Bilder, wie sie nur das Kino erschaffen kann. Untermalt von gecoverten Songs amerikanischer oder britischer Vorbilder lösen sich die Figuren aus ihrem schwarz-weißen Alltag und tanzen durch teils farbige Traumwelten, die an von Kinderhand animierte Musikvideos erinnern. Manchmal ist diese Traumwelt brutal, aber voll ehrlicher Energie und Worte – wie eine Prügelei im Zug zu den Klängen von "Psycho Killer" von den Talking Heads. Manchmal ist sie rosarot-verkitscht und lässt zwei frisch Verliebte zu Lou Reeds "The Passenger" eine Weltraum-Reise mit der Tram unternehmen. Und manchmal zeigt sie ein Konzert, wie es eigentlich sein sollte: ungezügelt und emotionsgeladen.

Zugeständnisse des Regisseurs

Während die eigentliche, manchmal etwas seichte Handlung das "Gerüst" ist, das "Leto" sogar in Wladimir Putins Russland einen Kinostart garantierte, sind die Musikvideos das wild schlagende Herz des Films: Sie können als Aufruf verstanden werden, auch in einer von Restriktion bestimmten Gesellschaft nie die eigenen Ideale oder die eigene Persönlichkeit zu verraten. Und dieser Aufruf hat immerwährende Gültigkeit – im Sommer 1981 ebenso wie im Herbst 2018.

Autoren

Bettina Dunkel

Sendung

kulturWelt vom 05.11.2018 - 08:30 Uhr