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Der Start von Cannes 2019 wird von Gender-Debatten überschattet | BR24

© picture alliance/MediaPunch

Die Jury der 72. Filmfestspiele in Cannes

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Der Start von Cannes 2019 wird von Gender-Debatten überschattet

Nur vier Regisseurinnen sind in Cannes im Wettbewerb um die Goldene Palme vertreten – ein Jahr, nachdem 82 Filmfrauen auf dem Festival für Gleichberechtigung demonstrierten. Und auch die Ehrenpalme für Alain Delon steht in der Kritik.

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Es geht aufwärts, wenn auch langsam. 14 Prozent betrug die Frauenquote im Wettbewerb von Cannes im vergangenen Jahr. Dieses Jahr liegt sie bei 19 Prozent. Heißt konkret: Vier der 21 Wettbewerbsfilme an der Croisette wurden von Frauen gedreht. So viele Kandidatinnen gab es zuletzt 2011, damals ein Rekord. Heißt aber noch konkreter: Wenn im kommenden Jahr die Erklärung "5050 in 2020" erfüllt werden soll, müssen die Schritte Richtung Gleichberechtigung größer werden – schließlich besagt die unter anderem von Festivalleiter Thierry Frémaux unterzeichnete Erklärung, dass das wichtigste französische Filmfestival im Jahr 2020 ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis haben soll.

Ob das wirklich eintreten wird, ist mehr als fraglich. Kritik an der überschaubaren Zahl weiblicher Wettbewerbsteilnehmerinnen wies Frémaux mit den Worten zurück, man habe die Filme ausgesucht, "weil sie es verdient haben, nicht, weil sie von Frauen sind". Damit bezog er sich indirekt auf eine Aussage der vor knapp zwei Monaten verstorbenen Nouvelle-Vague-Regisseurin Agnès Varda, die zu ihm gesagt haben soll: "Wähle bitte niemals einen Film aus, weil eine Frau Regie geführt hat. Wähle ihn aus, weil er gut ist." Zudem schob er die Verantwortung weit von sich und allen anderen Festivals, als er in einem Interview im April meinte, es sei an den Universitäten und Filmschulen, dafür zu sorgen, dass es mehr Regisseurinnen gebe.

© picture alliance / AA

Festivalleiter Thierry Frémaux

Zahlen, Forderungen, viele Fragen

Man kann schwerlich behaupten, dass zur Eröffnung der 72. Filmfestspiele in Cannes eitel Sonnenschein herrschte. Frémaux reagierte oft gereizt – auf Fragen zur Gleichberechtigung, aber auch auf Fragen zu Alain Delon. Der 83-Jährige soll in diesem Jahr die Ehrenpalme erhalten. In einer Onlinepetition, die bereits mehr als 22.000 Unterstützer hat, wird gefordert, dass der Nationalheilige des französischen Films unter keinen Umständen ausgezeichnet wird. Grund: Seine seit Jahren bekannten Sympathien für die rechtsextreme Partei Front National sowie Delons Aussage, dass er in der Vergangenheit seine Frau geschlagen habe.

"Wir geben ihm ja nicht den Friedensnobelpreis", sagte Frémaux zum Thema Delon. Im vergangenen Jahr hatte sich die Festivalleitung noch für "null Toleranz gegenüber sexuellem Missbrauch und Missbrauch jeglicher Art" ausgesprochen. Da stellt sich die Frage, welchen Stellenwert Bewegungen wie #metoo und #timesup im Jahr 2019 noch haben.

© picture alliance / abaca

Alain Delon bei der Eröffnung der 72. Filmfestspiele in Cannes

Licht am Gewitterhorizont

Aber es gibt auch Positives zu berichten von der Croisette: Zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals bestand das Komitee, das das Programm zusammengestellt hat, zu 50 Prozent aus Frauen. Die Jury, die über die Vergabe der Goldenen Palme entscheidet, setzt sich aus fünf Männern und vier Frauen zusammen – darunter die 21 Jahre alte Schauspielerin Elle Fanning und die senegalesische Komikerin Maimouna N’Diaye.

Auch die Französin Mati Diop hat Wurzeln im Senegal. Die Nichte des senegalesischen Filmpioniers Djibril Diop Mambéty ist die erste schwarze Regisseurin, die es jemals in den Wettbewerb von Cannes geschafft hat, sie präsentiert hier ihr Spielfilmdebüt "Atlantique". Ein weiteres spannendes Debüt ist "Les Miserables" von Ladj Ly, der keine moderne Version des Victor-Hugo-Klassikers gedreht hat, sondern ein Drama über die schwierigen und oft ignorierten Lebensbedingungen in den Banlieues von Paris. Aus deutscher Sicht interessant ist vor allem "A Hidden Life", der neue Film von Terrence Malick. August Diehl spielt die Hauptrolle in dem Biopic über den NS-Widerstandskämpfer Franz Jägerstätter, in weiteren Rollen zu sehen sind Bruno Ganz, Ulrich Matthes und Valerie Pachner.

© picture alliance/Capital Pictures

Das offizielle Plakat der 72. Filmfestspiele in Cannes

Altmeister und aufregende Neuentdeckungen

Weitere Kandidaten für die Goldene Palme sind unter anderem Ken Loach, Pedro Almodóvar und die belgischen Dardenne-Brüder, Jim Jarmusch steuerte den Eröffnungsfilm bei, die Zombie-Komödie "The dead don’t die", die ersten Kritikerstimmen zufolge aber nur leidlich gesellschaftskritisch zu sein scheint. Ein Wackelkandidat war Quentin Tarantinos "Once upon a time… in Hollywood", der erst kurz vor Festivalbeginn fertig wurde. Und dann ist da noch "Little Joe" von der Österreicherin Jessica Hausner, ein Science-Fiction-Szenario über Pflanzen, die ein unheimliches Eigenleben entwickeln.

Die Bandbreite reicht also von Altmeistern hin zu aufregenden Neuentdeckungen. Ob am Ende eine Regisseurin das Rennen machen wird? Statistisch betrachtet sind die Chancen gering. Nur einmal in der Festivalgeschichte von Cannes hat eine Frau die Goldene Palme gewonnen: 1993 erhielt Jane Campion den Hauptpreis für "Das Piano". Allerdings musste sie sich die Auszeichnung mit dem Chinesen Chen Kaige teilen, der mit "Lebewohl, meine Konkubine" im Wettbewerb vertreten war – die Jury konnte sich nicht auf einen Siegerfilm einigen.

© BR

Der rote Teppich ist ausgerollt, die 72. Cannes Filmfestspiele haben an der Côte d'Azur begonnen und zwar ungewöhnlich ... mit einem Zombiefilm von Jim Jarmusch.

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