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"Bait" erzählt mit alter Film-Technik von modernen Problemen | BR24

© Bayern 2

Ein Film wie aus den Pioniertagen des Dokumentarkinos: "Bait" von Mark Jenkin erzählt in grobkörnigen Bildern von einem alten Fischerdorf, das zum Ferienort für reiche Städter wird. Ein Film-Kunstwerk über Gentrifizierung und soziale Ungerechtigkeit.

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"Bait" erzählt mit alter Film-Technik von modernen Problemen

Ein Film wie aus den Pioniertagen des Dokumentarkinos: "Bait" von Mark Jenkin erzählt in grobkörnigen Bildern von einem alten Fischerdorf, das zum Ferienort für reiche Städter wird. Ein Film-Kunstwerk über Gentrifizierung und soziale Ungerechtigkeit.

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"Dieser Film spiegelt meine Realität wieder: zerkratzt, schwarz-weiß und aufgenommen mit altem 16mm-Material." So Mark Jenkin über seinen Film "Bait" – für den der britische Regisseur eine historisch zu nennende Bolex-Kamera benutzt, die es in Second-Hand-Läden für ein paar Pfund zu kaufen gibt. Sie funktioniert noch manuell, was den Filmemacher ziemlich einschränkt: Man muss ständig einen Knopf gedrückt halten, um den Filmtransport nicht zu stoppen. Das bedeutet: Es bleibt nur eine Hand frei, um die Schärfe zu ziehen, die Belichtung zu korrigieren oder einen Schwenk auszuführen. Jenkin macht daraus eine handwerkliche Tugend – und erzählt seine Geschichte so ungewohnt wie meisterhaft: Form und Inhalt ergänzen sich perfekt.

Gentrifizierung an der englischen Küste

Schauplatz ist ein Fischerdorf an der Küste Cornwalls, das heftig unter der Gentrifizierung leidet. Reiche Menschen aus den Städten kaufen die alten Häuser, richten sie her und verbringen dort ihre Ferien. In ganzen Regionen verschwindet so die traditionelle Lebensweise der Fischer. Das bekommen auf paradoxe Weise auch die Eindringlinge zu spüren: Keiner fängt mehr die Fische, die sie dann eigentlich gerne abends im Pub essen würden.

Der Fischer Martin ist einer der wenigen, die tapfer dagegenhalten: Gleich zu Beginn sehen wir ihn, wie er mürrisch zu seinem Schuppen stapft, das Netz herausholt und was er sonst noch zum Küstenfischen braucht. Er besitzt kein Boot, dafür langt das Geld nicht. Abfällig betrachtet er seinen Bruder Steve, der den alten Kutter des Vaters nutzt, um Ausflugsfahrten für Touristen entlang der Küste anzubieten. Die Spannung zwischen den Geschwistern ist spürbar.

Zwischen Ken Loach und Sergej Eisenstein

Der Regisseur selbst frönt dem alten Handwerk des Fischens: In dynamischen Nahaufnahmen zeigt er, wie Netze geflickt und Köder vorbereitet werden. Das besitzt eine haptische Sinnlichkeit, die den Betrachter sofort fesselt. "Bait" erinnert an die Filme der großen Dokumentarfilmpioniere des Kinos, an jene Regisseure, die vor gut 100 Jahren mit einfachen Mitteln und kleinen Teams versuchten, die Lebenswirklichkeit einfacher Menschen einzufangen, direkt und authentisch. Die manchmal flackernden, grobkörnigen und mit Kratzern und Schlieren durchsetzten Schwarz-Weiß-Bilder verstärken diesen stimmungsvollen Realismus und entlocken ihm gleichzeitig eine überraschende Poesie.

Das verstärkt sich noch durch eine packend assoziative Montage, die stellenweise an alte Stummfilme erinnert und dann wieder an die kontrastierenden Schnitttechniken der sowjetischen Film-Erneuerer der 1920er Jahre. "Bait" ist ein kleines Filmwunder, wie man es so noch nicht gesehen hat – eine meisterhafte Mischung aus Sergej Eisenstein und dem britischen Working-Class-Regisseur Ken Loach. Aus zeitgenössischem Sozialdrama mit bissigem Witz und komplexer expressionistischer Formensprache.

Unaufdringliche Sozialkritik

Mark Jenkin, der mit seinem Langfilmdebüt "Bait" dieses Jahr auf der Berlinale für Aufsehen sorgte, ist ein Alleskönner: Er hat nicht nur das Buch geschrieben und Regie geführt, sondern auch die Kamera bedient, den Film geschnitten und die Musik eingespielt. Gedreht wurde ohne Ton, mit Laien und professionellen Schauspielern, das heißt, die wenigen Dialoge hat man in der Nachbearbeitung aufgenommen und synchronisiert, ebenso wie den Sound des Films mit Geräuschen und akustischen Naturstimmungen.

Einmal ist im Hintergrund ein Radiobericht über das Brexit-Referendum zu hören, aber der Film verzichtet klugerweise auf eine konkrete politische Aussage. "Bait" als vielsagender Titel bezeichnet nicht nur den Köder, sondern steht auch allgemein für Verlockung, Falle und Versuchung. Die ruppig strenge Ästhetik des Films beschönigt nichts. In dem Geflecht aus Zeitsprüngen, Rückblenden und auch magischen Momenten wird sowieso kein Zweifel gelassen an sozialen Ungerechtigkeiten und der zunehmenden Spaltung einer Gesellschaft in Arm und Reich. "Bait" öffnet die Augen, weit entfernt von jeglichem Kino-Eskapismus, auch wenn es am Ende scheint, als würden sich die beiden Brüder wieder annähern.

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