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Wie Videos von Geflüchteten das Leben im Lager Moria zeigen | BR24

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Ein Mann zeigt im Flüchtlingslager Moria zwei kleinen Jungen, wie man Plastikflaschen entsorgt

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Wie Videos von Geflüchteten das Leben im Lager Moria zeigen

Die Lage im Camp Moria auf Lesbos ist katastrophal, Journalisten haben wegen Corona keinen Zutritt mehr. Die Initiative "Files from Moria" sammelt Video-Clips von Geflüchteten selbst – und gibt einen ungewöhnlichen Einblick in den Alltag des Lagers.

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Eine schwarze Rauchsäule steht über den Hängen Morias. Die Schule, die NGOs vor zwei Jahren für die Geflüchteten errichtet haben, steht in Flammen. Brandstiftung. Die Aufnahme ist verwackelt und nervös gefilmt. Ein Video, zwischen den Zelten gedreht, von einem der Tausenden Menschen, die in dem Flüchtlingslager in Moria gefangen sind.

Die Perspektive der Betroffenen zeigen

Dass es diese Perspektive eines Geflüchteten überhaupt ins Netz und damit an eine breitere Öffentlichkeit geschafft hat, liegt an Juno Meinecke. Sie sammelt zusammen mit Freunden Video-Clips, die von den Bewohnern des Lagers gedreht wurden und veröffentlicht sie auf der Seite "Files from Moria". Die Seite solle als Archiv funktionieren, sagt Meinecke, in dem "die Menschen, die selbst von dieser Situation betroffen sind, in diesen Open Air-Gefängnissen, von sich erzählen, von der Situation, in der sie leben. Das Lagerleben aus ihrer Perspektive zeigen und für sich selbst sprechen. Gerade jetzt, wo sie durch die Grenzschließungen eigentlich die einzigen Zeugen oder Zeuginnen ihrer Situation sind."

Eine dieser Zeuginnen ist die 17-jährige Afghanin Fereshte. Ihr Clip ist ein dringlicher Appell an die Außenwelt angesichts der drohenden Gefahr eines Covid-19-Ausbruchs im Camp: "Hallo. Das ist Fereshte vom Moria Corona Awareness Team. Wenn ihr etwas für uns tun wollt, dann evakuiert bitte unsere Eltern und Großeltern." Fereshte ist Teil von MCAT, dem Moria Corona Awareness Team. MCAT ist eine selbstorganieserte Gruppe von Geflüchteten, die gegen die katastrophale hygienische Situation im Lager in Moria kämpfen. Zum Beispiel haben sie eine Art Müllabfuhr organisiert, um die Berge an Abfall in dem völlig überfüllten Lager zu beseitigen.

Archiv eines unalltäglichen Alltags

Dabei haben sie angefangen, ihre Arbeit und das Leben im Camp zu dokumentieren. In Videoclips, die sie den Macher*innen von "Files from Moria" zukommen lassen. Denn das überhaupt solche Videos entstehen können, ist keine Selbstverständlichkeit, betont Juno Meinecke: "Das muss man natürlich auch berücksichtigen, wenn man die Videos ansieht, dass das keine gelangweilten Insta-Kids sind, die den ganzen Tag ihren Alltag im Lager dokumentieren können. Die haben sehr viel anderes zu tun, nämlich erstmal Leben zu schützen." Deshalb habe jedes Video, dass da geschickt wird, einen besonderen Wert. Auch weil es kaum funktionierendes Internet im Lager gibt und es gerade während der anarchischen Umstände vor einigen Wochen gefährlich war, sein Handy zu zücken. Denn Handys sind die wertvollsten Gegenstände im Lager.

Klickt man sich vor diesem Hintergrund durch die Videos auf der Seite, dann ist es besonders beeindruckend, wie die Menschen sich und ihren Alltag darstellen. Da demonstriert ein junger Mann einem Kind, das gerade seine Wasserration bekommt, wie es eine leere Flasche so zusammendrückt, dass möglichst wenig Müll entsteht. Oder man sieht einen Mann, der gerade das hohe Gras mäht, Teil einer Aufräumaktion.

© Juno Meinecke

Juno Meinecke

Selbstorganisation unter unmenschlichen Bedingungen

Die "Files from Moria" zeigen extreme Armut, Hunger, Elend, sie zeigen vor allem aber auch Menschen, die diesem Elend mit einer enormen Kraft begegnen. Beeindruckend an den Videos sei, zu sehen, wie tapfer die Menschen seien, sagt Juno Meinecke, wie sie versuchten, aus der Situation das Beste zu machen. "Aber es sind natürlich absolut unmenschliche Bedingungen, in denen die Leute da gehalten werden. Und deshalb wollten wir mit den Mitteln, die wir zur Verfügung haben, den Kontakten und der Reichweite, dass man diese Realität in den Corona-Klopapier-Stream einschleust."

"Files from Moria" will mehr Aufmerksamkeit für das, was sich gerade in diesem Moment in den Flüchtlingslagern an den europäischen Außengrenzen abspielt. Jeden Tag kommt ein neuer Clip hinzu. Schon jetzt ist dabei ein Archiv entstanden, das der anonymen Masse von Geflüchteten konkrete Gesichter und Erzählungen gibt. Ein eindrückliches Zeitdokument, an dem sich unser moralisches Selbstverständnis und unser Umgang mit dieser Ausnahmesituation in Zukunft werden messen lassen müssen.

"Files from Moria" finden Sie hier.

© filesfrommoria.de

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