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Andreas Martin Hofmeir, deutscher Musiker, Kabarettist und Musik-Dozent

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    "Fiasko" für Künstler: Kult-Musiker kritisiert Bayerns Politik

    Vor der Verleihung des Bayerischen Staatspreises für Musik kritisiert der Tubist und LaBrassBanda-Mitbegründer Hofmeir den Umgang der Politik mit der Kultur in der Corona-Krise scharf. Große Firmen hätten profitiert, die Kunst habe ein Fiasko erlebt.

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    Von
    • Petr Jerabek

    Die nackten Füße sind geblieben: Wie seine Ex-Kollegen von LaBrassBanda tritt Andreas Martin Hofmeir gerne barfuß auf - egal ob er mit einem Klassik-Orchester auf der Bühne steht, bei einer Gala einen Preis entgegennimmt oder ein TV-Interview gibt. 2014 stieg der Tubist nach sieben Jahren bei der oberbayerischen Kultband aus, um mehr Zeit für seine Klassik-, Crossover- und Kabarett-Projekte zu haben. Der 42-Jährige ist Professor an der Universität Mozarteum Salzburg, mit seiner Tuba "Fanny" gefragter Konzertsolist, Kabarettist und Buchautor. 2013 gewann er den Echo Klassik als "Instrumentalist des Jahres".

    Heute Abend erhält er bei einem Festakt in der Philharmonie im Münchner Gasteig den Bayerischen Staatspreis für Musik in der Kategorie "Professionelles Musizieren". Kurz vor dieser Ehrung durch das bayerische Kunstministerium übt der Musiker im BR24-Interview deutliche Kritik an der Kulturpolitik im Freistaat insbesondere in der Corona-Krise - und warnt eindringlich vor langfristigen Folgen für die ganze Gesellschaft.

    BR24: Viele Künstler haben sich in der Corona-Krise von der Staatsregierung stiefmütterlich behandelt gefühlt. Wie ist ihr Eindruck vom Umgang der Politik in Bayern mit der Kulturbranche?

    Andreas Martin Hofmeir: Das ist aus eigener Erfahrung ganz schwer zu sagen, weil ich ja mittlerweile in Österreich wohne und der Willkür der österreichischen Politik unterliege, die sich aber von der bayerischen nur unwesentlich unterscheidet. Ich habe aber viele Kollegen, die ich gut kenne. Prinzipiell ist schon so, dass es für die Künstler eine ganz schwierige Zeit war. Man kann sagen, dass sie die Pandemie am schlimmsten getroffen hat – mit den längsten Schließungszeiten, den ganzen Unwägbarkeiten. Vor allem ist kein Ende in Sicht. Dabei ist es eine Branche, die auf langer Planbarkeit beruht. Die Veranstalter hat das in eine Riesenbredouille gebracht.

    Ich weiß von vielen Kollegen, dass sie bei den Hilfen leer ausgegangen sind und im Endeffekt eineinhalb leere Jahre hatten. Und wenn sie irgendeine Soforthilfe bekommen haben, war es ein Tropfen auf den heißen Stein. Außerdem merkt man jetzt in den Sommermonaten, da etliche Dinge bei Open-Airs wieder laufen: Die Leute kommen nicht. Die Leute bleiben zu Hause oder gehen in den Biergarten.

    Woran liegt das?

    Kultur ist etwas, was eine Gesellschaft durch guten Musikunterricht, durch Schulbesuche in den Theatern, durch verschiedenste Vermittlungsprojekte, durch ein gutes Abo-Angebot uns so weiter anerzieht. Da waren wir in Deutschland immer Spitzenreiter in der ganzen Welt. Aber die Leute gewöhnen sich das leider noch schneller wieder ab als sie es sich angewöhnen. Man merkt, dass diese eineinhalb Jahre, in denen die Menschen sich einfach nur hinter den Rechner gesetzt und sich irgendwelche Sachen im Internet angeschaut haben, ganz schön das Wasser abgegraben haben. Und ich fürchte, wenn man da nicht bald gegensteuert - und es schaut es im Moment nicht danach aus -, dann haben wir hier bald Zustände wie in den USA. Das will wirklich keiner.

    Bei der Fußball-EM durften 14.000 Menschen in die Münchner Arena, ein Teil von ihnen dicht gedrängt ohne Maske. Ein bestuhltes Open-Air-Konzert in Bayern durfte zum gleichen Zeitpunkt vor maximal 500 Menschen stattfinden. Wie passt das zusammen mit Beteuerungen von Politikern, Deutschland sei eine Kulturnation?

    Im Fußball ist wahnsinnig viel Geld zuhause. Es gibt einen internationalen Druck, und den haben wir bei den Künstlern nicht. Die Künstler sind seit jeher ohne große Lobby, eher Einzelkämpfer. Wir sind keine zusammengefasste Industrie wie die Autoindustrie. Man muss jetzt mal ehrlich sagen: Die Automobilindustrie hat sich in der Corona-Zeit komplett saniert. Die hätte eh die Bänder stillstehen lassen und Neuinvestitionen tätigen müssen. Das Kurzarbeitergeld haben sie mit Handkuss genommen. Die großen Unternehmen haben fast ausnahmslos von der Pandemie profitiert. Bei der Kunst kann man durchaus sagen: Es war ein Fiasko für alle Beteiligten. Und das ist es immer noch.

    Wie groß ist der Schaden, der für die Kultur entstanden ist?

    Künstler haben den Schaden, dass sie Einnahmeausfälle hatten und sich auch jetzt kreativ nicht so betätigen können, wie sie es vielleicht wollten. Kreativität setzt ja auch ein bisschen die Freiheit voraus, dass man nicht unbedingt ganz schnell einen bestimmten Betrag verdienen muss. Sobald man das muss, sind der Kreativität Grenzen gesetzt.

    Der größte Schaden ist aber ein anderer. Früher sind Kinder rausgegangen, haben sich mit Freunden getroffen, haben in Vereinen etwas gemacht oder waren beim Fußball-Spielen. Und dann kam Corona und sie durften das nicht. Sie sind dann in ihre Zimmer gegangen, vor ihre Computer. Irgendwann durften die Kinder wieder raus, sie sind aber nicht mehr raus. Weil sie sich schon so daran gewöhnt haben, dass man das Zimmer eigentlich überhaupt nicht mehr verlassen muss.

    Welche Folgen fürchten Sie?

    Der Mensch strebt nicht von sich aus einfach in einen Konzertsaal oder in ein Theater, sondern das ist etwas, was eine Gesellschaft - wie gesagt - in gemeinsamen Anstrengungen weckt. Das machen wir auch deswegen, damit sich so etwas wie der Nationalsozialismus nicht wiederholt. Wir wissen: Eine künstlerisch gebildete Gesellschaft mit viel Individualismus, mit viel Diversität – das ist eine Gesellschaft, die weniger Gefahr läuft, für solche schlimmen Dinge missbraucht zu werden. Wenn wir so weitermachen wie jetzt und die Leute quasi sich selbst überlassen, dann kann bei uns auch das passieren, was in den USA passiert ist mit Donald Trump. Es kann natürlich sein, dass das im Interesse von manchem Politiker ist.

    Inwiefern könnte das so sein?

    Deutschland hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Land entwickelt, in dem man den Eindruck hatte: Wir laufen hier weniger Gefahr als alle anderen Länder der Welt, wieder im Nationalismus zu versinken. Vieles davon, was dazu beigetragen hat, wurde schon vor der Corona-Pandemie fahrlässig zusammengestrichen: Man hat den Musikunterricht an den Schulen radikal gekürzt, hat die Musiklehrer nicht mehr eingestellt, an den Schulen gab es fast keine Theatergruppen mehr.

    Jetzt wird über den Sommer schnell ein bisschen Geld ausgeschüttet für die Kultur, man macht medienwirksam Kultursommer in den Städten. Aber in Wirklichkeit hat man den Kulturämtern ab dem nächsten Jahr die Budgets gekürzt. Man sägt an einem Ast, der ganz gefährlich stürzen wird. Das ist gut für Politiker, die keinen Individualismus in der Bevölkerung wünschen. Ein Populist steuert ein Volk am liebsten, wenn es gut steuerbar ist. Ein Volk, das gebildet ist, das kulturbeflissen ist, das sich mit den verschiedensten Varianten des menschlichen Daseins beschäftigt, ist einfach weniger anfällig für so etwas.

    Sie selbst Planen für die nächsten Monate diverse Konzerte und Kabarettabende. Können Sie in der Corona-Krise überhaupt für den Herbst planen?

    Ja, ich bin Optimist. Ich gehe einfach mal davon aus, dass man im Herbst die Schulen nicht wieder schließt und dass auch Kultur möglich ist.

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