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Jüdisches Leben: Auftakt zum Festjahr in Bayern | BR24

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Seit 1.700 Jahren existiert jüdisches Leben in Deutschland. Das belegt eine Urkunde aus dem Jahr 321, die der römische Kaiser Konstantin der Stadt Köln ausgestellt hat. Dieses Jubiläum wird in diesem Jahr bundesweit gefeiert.

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Jüdisches Leben: Auftakt zum Festjahr in Bayern

Nachweislich seit 1.700 Jahren leben Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands - Anlass für ein großes, bundesweites Festjahr. Vom Auftakt der Feierlichkeiten in Bayern berichtet das BR Fernsehen ab 22 Uhr.

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Von
  • Sabine Winter

Tanja Roppelt hat gerade viel zu tun. Die Direktorin des Levi Strauss Museums im oberfränkischen Buttenheim bereitet eine Ausstellung vor – über fränkische Jüdinnen und Juden, die im 19. Jahrhundert in die USA ausgewandert sind:

"Wir haben viele Top-Promis: Die Blumenthals, Goldman und Sachs, die die Investmentbank gegründet haben, genauso wie die Lehman Brothers, Levi Strauss, dem wir die Jeans zu verdanken haben." Tanja Roppelt, Direktorin des Levi Strauss Museums

Die Biographien dieser Promis und auch die von weniger bekannten Auswanderern sollen im Sommer in Buttenheim vorgestellt werden. Die Ausstellung ist der Beitrag des Museums zum Festjahr "1.700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland".

Schriftsteller und Fußball-Funktionäre

Grund für das Jubiläum ist eine historische Wegmarke: Der römische Kaiser Konstantin erließ im Dezember 321 ein Edikt, mit dem er Juden erlaubte, Ämter in der Kölner Stadtverwaltung zu übernehmen. Eine Handschrift des Edikts ist der älteste Nachweis für jüdisches Leben auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Die älteste bayerische Quelle stammt aus Regensburg, aus dem Jahr 981.

Heute gibt es 13 jüdische Gemeinden in Bayern, beispielsweise in Würzburg, Erlangen und München. Zu den bekanntesten Juden, die in Bayern gelebt und gewirkt haben, zählen der erste Ministerpräsident des Freistaats Bayern, Kurt Eisner, der in München geborene Schriftsteller Lion Feuchtwanger oder der einstige Präsident des FC Bayern München, Kurt Landauer.

Zum Auftakt des Festjahres "1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" zeigt das BR Fernsehen ab 22 Uhr eine Zusammenfassung der bayerischen Eröffnungsfeier. Danach folgt ein Schwerpunkt mit drei weiteren Sendungen.

"Nicht mit dem UFO eingeflogen"

Bayern beteiligt sich mit mehreren hundert Veranstaltungen in allen Regierungsbezirken am bundesweiten Festjahr. Der Antisemitismusbeauftragte der Staatsregierung, Ludwig Spaenle, will vor allem zeigen, dass Jüdinnen und Juden in Bayern tief verwurzelt sind.

"Das ist eigentlich die Hauptbotschaft, dass jüdisches Leben nichts Außergewöhnliches ist, dass das keine gesellschaftlichen Gruppen waren, die mit dem UFO eingeflogen sind, sondern dass sie hier ihren Weg durch die Geschichte mit der Mehrheitsgesellschaft seit über 1.000 Jahren gehen." Ludwig Spaenle

Konzerte & Hebräisch für Anfänger

Seit Monaten organisieren in allen Ecken Bayerns Museen, Schulen, Bibliotheken, Künstler und jüdische Gemeinden ihre Veranstaltungen. Ob ein Vortrag zur Jüdischen Kultur in der Fränkischen Schweiz, ein "Hebräisch für Anfänger"-Kurs in Würzburg oder Konzerte des Münchner Jewish Chamber Orchestra – sie alle wollen einen möglichst einfachen Zugang zur jüdischen Kultur schaffen.

Bei einem großen Teil der Veranstaltungen wird es darum gehen, Einblicke in die jüdische Geschichte zu geben und die Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland und Bayern zu zeigen – auch die Vielfalt des heutigen jüdischen Lebens. Die Gräueltaten der Naziherrschaft stehen diesmal nicht im Vordergrund, sagen Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, und Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Jüdisches Leben ist mehr als die Shoah

Josef Schuster erlebt es immer wieder, dass jüdisches Leben automatisch mit der Zeit zwischen 1933 und 1945 in Verbindung gebracht wird. "Das ist ein Zeitraum, den man nicht vergessen darf, aber jüdisches Leben ist viel mehr, viel älter als die Shoah und jüdisches Leben gibt es auch wieder nach der Shoah", so Schuster. Auch Charlotte Knobloch sieht Nachholbedarf in puncto Wissen: "Ich sehe, dass es sehr wichtig ist, dass Sie wissen, wie viele Jahrhunderte Juden schon in unserem Bereich gelebt haben und Teil der Gesellschaft waren."

Auch wenn der Fokus ein anderer ist: Das Festjahr kann auch dabei helfen, Judenhass entgegenzuwirken, sagt der bayerische Antisemitismusmusbeauftragte Ludwig Spaenle.

"Der Antisemit sucht Schuldige und Sündenböcke für etwas, das er als negativ empfindet, was mit jüdischem Leben gar nichts zu tun hat. Insofern ist der Ansatz, über die Vermittlung von Wissen die Menschen gegen antisemitische Dummheit resistenter zu machen." Ludwig Spaenle

Auswanderer stiften Kindergarten

Corona-bedingt muss vieles digital stattfinden. Auch Museumsdirektorin Tanja Roppelt hat einen Plan B, falls die für Juli geplante Ausstellungseröffnung der Pandemie zum Opfer fällt: Sie würde dann auf virtuelle Musemsführungen setzen. Lieber wären ihr aber Besucherinnen und Besucher vor Ort, in Buttenheim. Ihnen hat sie viel zu erzählen: von jüdischen Menschen, die ihre Wurzeln in Franken hatten und den amerikanischen Traum gelebt haben.

"Zum einen möchten wir zeigen, warum diese Leute ausgewandert sind und zum anderen, dass viele von ihnen Gutes getan haben, sich sozial engagiert haben, dass sie sich auch in Sachen Infrastruktur engagiert haben." Museumsdirektorin Tanja Roppelt

Und manche Amerika-Auswanderer haben auch an ihre alte Heimat Franken gedacht: So hat zum Beispiel die Familie Seligmann einen Kindergarten in Baiersdorf gestiftet – eine Einrichtung, die bis heute als Kindertagesstätte besteht.

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