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Jubiläum: 40 Jahre Fernsehserie "Holocaust" | BR24

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Der amerikanische Vierteiler "Holocaust" lief vor 40 Jahren zum ersten Mal im Deutschen Fernsehen. Eine Familiensaga, die halb-fiktiv erzählt, wie der Nazi-Terror die deutsch-jüdische Familie "Weiss" vernichtet. Jetzt wird die Mini-Serie wiederholt.

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Jubiläum: 40 Jahre Fernsehserie "Holocaust"

Der amerikanische Vierteiler "Holocaust" lief vor 40 Jahren zum ersten Mal im Deutschen Fernsehen. Eine Familiensaga, die halb-fiktiv erzählt, wie der Nazi-Terror die deutsch-jüdische Familie Weiss vernichtet. Jetzt wird die Mini-Serie wiederholt.

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Eigentlich sollte die Miniserie "Holocaust" 1979 im ersten Programm der ARD laufen. Doch die Programmdirektoren der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten stimmten damals nur sehr knapp dafür, und der Bayerische Rundfunk drohte sogar, sich aus der Ausstrahlung auszuklinken.

"Holocaust" lief in den dritten Programmen

Der Holocaust und die auf Deutschland lastende Schuld waren damals eben noch hochemotionale Themen, und viele Deutsche wollten sie lieber verdrängen. In Koblenz und im Münsterland wurden sogar Sprengstoffanschläge auf Sendemasten verübt, um die Ausstrahlung zu verhindern.

Die Sender legten ihren Streit jedoch bei und einigten sich darauf, den Vierteiler wenigstens in allen dritten Programmen zu senden und sie dafür erstmalig sogar zusammenzuschalten. In der DDR konnten die Menschen die dritten Programme allerdings nicht empfangen.

Der erste Teil von "Holocaust" beginnt im Jahr 1935. Inga Helms heiratet den jüdischen Maler Karl Weiss. Doch bald greift der nationalsozialistische Apparat nach ihnen.

Verriss der deutschen Presse - vor der Erstausstrahlung

Die deutsche Presse hatte die Fernsehproduktion, die in den USA 120 Millionen Zuschauer hatte, im Vorfeld stark kritisiert. Die Schlagzeilen von Münchner Abendzeitung, SZ, tz, FAZ und ZEIT lauteten damals:

"Brutaler Nazi-Horror nach Schnulzen-Vorbild", "Nur ein Cornflakes-Melodram?", "Das Geschäft mit dem Massenmord", "Die Judenvernichtung als Seifenoper", "Melodrama vom Massenmord".

Und der Spiegel schrieb am 15. Januar 1979:

Alles Unheil (…) steckt in einem Nazi, alles Grauen fällt über eine jüdische Familie: (...) "Holocaust" vertreibt Geschichte im Format eines Familienalbums, der Völkermord schrumpft auf "Bonanza"-Maße. Dazu Musik wie zur "Love-Story".

Der Erfolg gab den Machern aber recht

Bei den Diskussionssendungen im Anschluss an die Ausstrahlung riefen zehntausende vorwiegend bestürzte Zuschauer in den Studios der Sender an oder schrieben per Post. Darunter auch viele Menschen, die als Soldaten oder Angehörige von NS-Organisationen die Taten mitangesehen hatten und jetzt die Wahrhaftigkeit der dargestellten Szenen beglaubigten. Die Telefonisten mussten teilweise eine Art zeitgeschichtliche Telefonseelsorge leisten.

Das deutsche Fernsehen hatte zwar auch zuvor schon Fernsehspiele übers Dritte Reich gesendet, aber hier wurde erstmals die Geschichte der Opfer und der Täter hautnah dargestellt, sagt der Geschichtsprofessor Frank Bösch vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

"Dieses Runterbrechen von ganz großer Geschichte auf zwei Familiengeschichten, wo auf spannende Art und Weise die ganze Dramatik jener Jahre geschildert wird, das macht sicherlich den Erfolg aus. Das andere ist, dass die Serie überhaupt so kontrovers war, diese harten Diskussionen, die kanalisieren Aufmerksamkeit: Leute wollen mitreden, sie reden auch hinterher mit. Es gibt Umfragen, die sagen, dass 80 bis 90 Prozent danach bei der Arbeit, mit Freunden, in der Familie über die Serie gesprochen haben. Und um mitreden zu können, muss man einen Teil gesehen haben, also das verstärkt den Erfolg." Geschichtsprofessor Frank Bösch vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Anstoß für Fragen

Der Vierteiler "Holocaust" kam offenbar genau zum richtigen Zeitpunkt. Die Deutschen interessierten sich für Geschichte, der Abstand zu 1945 war groß genug und es machte eine neue Generation den Mund auf und stellte Fragen. Auch die vorher so skeptischen deutschen Journalisten vollzogen nach der Ausstrahlung eine Kehrtwende. Sogar der kritische Spiegel dreht zwei Wochen nach seinem Verriss bei:

"Es ist einfach fantastisch: Da haben sich nun unsere Zeitgeschichtler, Journalisten und Filmemacher jahrelang bemüht, (…) den ganzen Horror des deutschen Jahrhundertverbrechens zu vermitteln – und doch muss erst ein Konsumfilm Hollywoods kommen, um die Nach-Hitler-Deutschen aufzurütteln. Und er macht seine Sache gut, dieser vorher so vielgelästerte Rührfilm aus den USA: (…) Kein anderer Film hat jemals den Leidensweg von Millionen Juden in die Gaskammern so anschaulich, so nachvollziehbar gemacht."

Wiederholung der vier Teile im BR Fernsehen

Auch das Bayerische Fernsehen hat seinen damaligen Standpunkt natürlich längst revidiert. In der kommenden Woche wird nicht nur der Vierteiler "Holocaust" wiederholt, sondern auch eine Dokumentation gesendet, unter dem Titel: "Wie 'Holocaust' ins Fernsehen kam."

Die Autorin Alice Agneskirchner hat "Holocaust" als Zwölfjährige tief bewegt gesehen und gehörte dann zu denen, die Fragen an Eltern und Großeltern stellten. In ihren Augen stellt die Mini-Serie einen Wendepunkt im Umgang der Deutschen mit dem Dritten Reich dar.

"Sie hat das Nachdenken und das Miteinanderreden bewirkt. Es hat nach "Holocaust" kein Verleugnen mehr gegeben. Und zwar nicht nur von Historikern oder Menschen, die sich aufgeklärt fanden und darüber nachgedacht haben, sondern in der gesamten Bevölkerung." Autorin Alice Agneskirchner

Für die Historiker war die Ausstrahlung ein "Schwarzer Freitag", wie eine Zeitung titelte. Denn es gab damals kaum Forschung zum Völkermord an Juden. Diese begann so richtig erst in den 90er Jahren, also als die jugendlichen Zuschauer von 1979 erwachsen und zum Teil Historiker geworden waren, sagt der Geschichtsprofessor Frank Bösch.

"Nachdem mein Buch über die Zeitenwende 79 und das Kapitel zum Holocaust erschienen war, haben mich sehr sehr viele darauf angesprochen, dass sie damals als Jugendliche die Serie 'Holocaust' gesehen hätten und dass das für sie ein ganz entscheidender Moment gewesen sei, sich mit der jüngsten Vergangenheit zu beschäftigen. Also insofern kann ich aus diesen Gesprächen sagen, dass es für spätere Historiker oder auch Intellektuelle durchaus ein Anstoß war, sich kritisch mit einem Thema auseinanderzusetzen, das sie über den Schulunterricht in dieser Form nicht kannten." Geschichtsprofessor Frank Bösch vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Sendetermine von "Holocaust"

Montag, 15. Juli, 22.45 Uhr – Die hereinbrechende Dunkelheit

Mittwoch, 17. Juli, 22.45 Uhr – Die Straße nach Babi Yar

Montag, 22. Juli, 22.45 Uhr – Die Endlösung

Mittwoch, 24. Juli, 22.45 Uhr – Die Überlebenden

Dokumentation zur Serie: "Wie 'Holocaust' ins Fernsehen kam"

Mittwoch, 17. Juli 2019, 00.20 Uhr

Alle Folgen der Serie und die Dokumentation sind nach der Ausstrahlung noch sieben Tage lang in der BR Mediathek verfügbar.