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"Ferienmüde": Valentin Groebner über unsere Reiseunlust | BR24

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"Ferienmüde": Valentin Groebner und sein Buch über unsere Reiseunlust

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"Ferienmüde": Valentin Groebner über unsere Reiseunlust

Anders reisen bedeute seit den Siebzigern nichts anderes als noch mehr reisen, sagt der Historiker Valentin Groebner. Er zieht zwei Schlussfolgerungen aus der Geschichte des Tourismus und stellt fest: Das Schönste am Urlaub ist nicht die Reise.

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Ferienbeginn – diesem Wort wohnte auch schon mal mehr Magie inne als in diesen Zeiten. Corona trübt die Reiselust der Deutschen – man könnte fast meinen, der Reiseweltmeister ist ferienmüde geworden. "Ferienmüde. Als das Reisen nicht mehr geholfen hat", so nennt der Historiker Valentin Groebner ein schmales Buch, das er rechtzeitig zum Ferienbeginn vorgelegt hat. Knut Cordsen hat mit Valentin Groebner, der Professor für Geschichte an der Universität Luzern ist, gesprochen.

Knut Cordsen: Als ich Sie vor einigen Tagen für dieses Interview anfragte, antwortete mir Ihr Verlag, Sie seien im Urlaub. Sind Sie selbst noch nicht ferienmüde?

Valentin Groebner: Es war kein richtiger Urlaub. Ich musste aus familiären Gründen nach Wien und habe daraus eine kleine Reise gemacht. Da ist man einen Tag unterwegs. Ich habe zwei Tage draus gemacht.

"Ferien sind imaginäre Stillstellungen der Zeit durch Bewegung", lese ich bei Ihnen. Bis vor kurzem galt der Tourismus mit den Worten des Italieners Marco d’Eramo als die Schwerindustrie des 21. Jahrhunderts. Die Zahlen belegen es: Fast anderthalb Milliarden Menschen waren 2019 als Touristen unterwegs weltweit. Braucht es wirklich nur eine Pandemie, eine "große Stillstellung", wie Sie sie nennen, um diesen schwerindustriellen Komplex zum Einsturz zu bringen?

In der Schweiz in der Mitte des 19. Jahrhunderts Sie sehen, ich antworte als Historiker da hieß die Branche "Fremdenindustrie". Es war von Anfang an eine Industrie. Die Industrie der Anti-Industrie, des Verschwindenlassens von Arbeit in einer Welt, in der im industrialisierten Europa Arbeit überall war, Arbeit und Dreck und große, dunkle Fabriken, da war das Entkommen aus der Arbeit dann eine Wachstumsbranche. Aber diese Wachstumsbranche hat eine bewegte Geschichte mit ganz vielen Aufs und Abs und plötzlichen Groundings, wie man in der Schweiz so schön sagt, also mit Stillstellungen. Denn das ist nicht die erste große Stillstellung des Tourismus. Das ist nur die erste, die wir als Zeitgenossen das 21. Jahrhunderts erleben.

Längst ist das Zeitalter des Post-Tourismus ausgerufen worden. "Detourism" ist auch so ein Schlagwort: ein sich anti-touristisch gebender Alternativ-Tourismus, der aber nicht verbergen kann, dass er auch nur eine Variante des klassischen Tourismus ist.

Aber das waren doch alles Wachstumsschübe. "Anders reisen" heißt seit den 70er-Jahren, seit den 90er-Jahren nichts anderes als noch mehr reisen. Der Tourismus ist die Branche wie die Autoindustrie , die ihren Kunden ununterbrochen ein Entkommen vor dem eigenen Erfolg versprechen muss. Denn auf der einen Seite will ich an all diese berühmten Orte fahren. Auf der anderen Seite will ich dort ja eigentlich nicht viele andere Touristen treffen, obwohl das gar nicht anders geht bei Wachstumsraten wie in den letzten 50 Jahren.

© dpa/pichture-alliance

Der Historiker Valentin Groebner

Ich habe nochmal parallel in eine sehr frühe luzide Theorie des Tourismus von Hans Magnus Enzensberger geschaut. In diesem Essay von 1958 zitiert Enzensberger den heute nahezu vergessenen konservativen Kulturkritiker Gerhard Nebel, der 1950 schrieb, "der abendländische Tourismus" sei "eine der großen westlichen Seuchen ... , die an bösartiger Wirksamkeit kaum hinter den Epidemien der Mitte und des Ostens zurückbleiben, sie aber an Heimtücke übertreffen". Welche Ironie: Der als Seuche verteufelte Tourismus wird 70 Jahre später durch eine reale Seuche, durch Covid-19, erledigt. Oder sieht das nur so aus?

Erledigt ist er sicher nicht. Es gibt zwei Schlussfolgerungen aus der Geschichte des Tourismus. Zum einen: Die Branche ist ein Stehaufmännchen. In der Schweiz, in Italien ist der Tourismus in den 1860er-, 1870er- Jahren durch die Cholera respektive durch die Angst vor neuen Cholera-Epidemien ebenfalls schon praktisch zum Erliegen gekommen. 1914 wird der ganzen Branche der Stecker gezogen durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Das ist der große Bruch, und eigentlich ist das Wachstum des Tourismus seit dem 1950er Jahren eine gute Nachricht. Sie beruht aber nicht auf Neugier, sondern auf dem Verhältnis zwischen Löhnen und Transportkosten. Je mehr wir verdienen in Bezug auf die Kosten des Reisens, desto mehr reisen wir und nicht nur wir, sondern selbstverständlich auch die Asiaten und viele andere, die es sich plötzlich leisten können. Deswegen: Der Tourismus ist auch ein bisschen die Industrie des schlechten Gewissens. In den 1850er-Jahren, also vor gut 150 Jahren, beklagte der Engländer John Ruskin die endgültige Zerstörung der Alpen durch ihre vielen begeisterten Besucher. Selbstmitleid gehört Zeit von Anfang zum Reisen dazu.

Und heute lautet das Stichwort Flugscham.

Overtourism. In Luzern, wo ich wohne, wurde die letzten drei Jahre Overtourism diskutiert. Mit großer Aufgeregtheit. Jetzt wird mit derselben Aufgeregtheit Undertourism diskutiert, weil die chinesischen Touristen, die hier Uhren eingekauft haben, nicht mehr kommen. So sieht einfach Geschichte aus der Nähe betrachtet aus, würde ich sagen.

Sie nennen den Tourismus auch eine "globale Industrie des Als-Ob" – natürlich ist der Fremdenverkehr auch Teil der "Wohlfühlindustrie". Uns allen vertraut ist das Wort "Komfortzone", Sie definieren Ferien als "Belohnungszone" – gern heißt es, wir müssten mal raus aus unserer Komfortzone. Müssen wir auch raus aus der Belohnungszone und dem Denken, dass wir uns Ferien verdient haben?

Ach, die Deutschen arbeiten – wenn man die Jahresarbeitszeit und Lebensarbeitszeit in den Blick nimmt – deutlich weniger als die Griechen, die Türken, die Thailänder und viele andere. Deswegen: Wer was verdient hat, das lassen wir mal weg. Das ist aus der Nähe betrachtet ganz schön kompliziert. Ich würde eher sagen, dass der Tourismus eine Industrie der Fiktionen ist, die aber Wirklichkeit erzeugen. Die Fiktion vom unberührten Mittelmeerstrand erzeugt riesige Hotelkomplexe und volle Strände, die auf den Reisebüro-Prospekten dann wieder unsichtbar gemacht werden müssen. Reisen hat mit Sich-selbst-in-eine-spezifische- Variante-der-eigenen-Lebensgeschichte-Hineinträumen eine ganze Menge zu tun. Reisen zu Erholungszwecken wohlgemerkt. Und das heißt, ich komme mir dann jünger vor, knackiger, fitter, einfach deswegen, weil ich an den entsprechenden Gebirgs- oder Meeres-Ort fahre. Reisen ist eigentlich eine Möglichkeit zum Weitermachen-Können. Urlaubsreisen haben mit Veränderungen gar nichts zu tun, jedenfalls bei Leuten über 25, sondern sind einfach Selbstbelohnung, die man bestellen kann. Das Versprechen auf wiedergewonnene Lebenszeit. Rettung vor dem Büro, aber dann geht man natürlich zurück ins Büro.

Und Ferien leben ja auch von der Vorstellung einer Nah-Zukunft. Das machen Sie auch stark in Ihrem Buch, also die Planbarkeit und Vorfreude spielt eine große Rolle. Schon die Erwartungshaltung auf die Ferien hin ist ja quasi Teil der Ferien als solche. Wie sieht es denn jetzt aus mit der Zukunft der Feriengestaltung?

Ich bin doch Historiker. Ich habe von der Zukunft keine Ahnung. Ich bin Spezialist für die Vergangenheit. Da ich aber ununterbrochen die Zukunftsvorhersagen von früher lese, bin ich gegenüber Zukunftsvorhersagen sehr skeptisch. Wenn die Leute von der Zukunft reden, reden Sie entweder von ihren Wünschen oder von ihren Ängsten in ihrer eigenen unmittelbaren Gegenwart. Der Großteil des Buches ist vor Corona geschrieben worden, weil ich reisemüde, ferienmüde war. Jetzt habe ich eigentlich durchaus wieder Lust. Aber das Erlebnis, dass die Planbarkeit der eigenen Zeit, der eigenen Bewegung plötzlich wegfällt, ist doch ziemlich einschneidend. Wir hatten im Frühjahr auf einmal wieder Grenzregimes. Plötzlich ist die Selbstverständlichkeit gar nicht mehr selbstverständlich – und das finde ich natürlich interessant. Und plötzlich stelle ich fest, dass das Schönste an meinem eigenen Urlaub immer in Wirklichkeit das Planen war. Da waren nämlich die anderen Touristen noch nicht da. Ich konnte mich hineinträumen an wunderbare Strände und in wunderbare Berge, und die Wirklichkeit sieht ja dann doch sehr anders aus. Aber kaum waren die Grenzen zu, schon war die Debatte über Overtourism verschwunden, und schon waren die 1,5 Milliarden Touristen von 2019 vergessen. Das finde ich auch interessant.

Valentin Groebner, Ferienmüde. Als das Reisen nicht mehr geholfen hat, ist bei Konstanz University Press erschienen.

© Konstanz University Press/ Montage BR

Cover: Valentin Groebner, Ferienmüde. Als das Reisen nicht mehr geholfen hat.

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