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Feridun Zaimoglu wagt sich an „Die Geschichte der Frau“ | BR24

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Kühn für einen Mann - und nominiert für den Leipziger Buchpreis: Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu komponiert in seinem neuen Roman einen zehnstimmigen Chor der Frauen, der die Weltgeschichte aus weiblicher Perspektive erzählt.

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Feridun Zaimoglu wagt sich an „Die Geschichte der Frau“

Kühn für einen Mann – und nominiert für den Leipziger Buchpreis: Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu komponiert in seinem neuen Roman einen zehnstimmigen Chor der Frauen, der die Weltgeschichte aus weiblicher Perspektive erzählt.

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"Worüber herrschst du denn, König? Über Abschabsel und Abschnitzel. Über die zahmen Ratten mit Schnurrbärten aus Frostperlen. (...) In den Nächten klafft dein Maul vor Angst. Die Sauferei, sie hilft nicht. Die beschworene Mannbarkeit, sie trügt. Du reißt aus dem Fleisch den besten Bissen. Man lässt es dich tun, weil du der König bist. Es hilft nichts: Du schreist. Du flehst herab das Heil: Du schreist. Kehricht aus den vier Winkeln der Herrscherhalle, darüber bist du König. Gefrorene Pfützen sind deine Augen. Du siehst nicht: Du schreist." So wütet Brunhild in Feridun Zaimoglus neuem Roman "Die Geschichte der Frau". Zähmen ziemt sich nicht für die hünenhafte, wilde Kriegerkönigin aus Island, die, der Nibelungensage nach, von Siegfried und König Gunter betrogen, verschleppt und vergewaltigt wurde; festgehalten im Dreck des Hofes von Burgund. "Ich habe eine Mordswut in mir", rast sie und verachtet Männer wie Hagen, der sich alle Tage am Schweinetrog reibt. Brunhild, eisengeschnürt in der Brünne, ihrem Panzerhemd; eine von zehn Frauen, mit denen Feridun Zaimoglu "Die Geschichte der Frau" schreibt.

Kühner Titel, gewagtes Thema

"Es ist kühn, es ist unverschämt, es ist unverfroren", so Feridun Zaimoglu selbst, "und es ist natürlich eine große Herausforderung, wenn das Ganze eingeleitet wird als der große Gesang der Frauen, der die Lügen der Männer tilgt – aber der, der das schreibt, ist ein Mann. Ich glaube, dieses Paradoxon kann ich nicht auflösen und will ich auch nicht auflösen. Es sind zehn Frauen – aber ganz sicher keine Summe. Ich habe nicht über zehn Frauen geschrieben, sondern ich habe in jeder Geschichte – angefangen mit Zippora 1460 v. Chr. bis zur militanten Feministin Valerie Solanas – Wert darauf gelegt, die Frau zu sein, als die Frau in ihrer besonderen Geschichte zu sprechen".

Man trifft ein paar alte Bekannte aus Zaimoglus Arbeiten: Biblische Figuren infolge seines Luther-Romans "Evangelio"; Leyla, die Gastarbeiterin aus Anatolien aus dem gleichnamigen Buch; Brunhild aus "Siegfrieds Erben", dem Theater-Spektakel in Worms. Und dort, in Worms, mit der Wiederentdeckung Brunhilds, gab es auch den Impuls zu diesem zehnstimmigen Chor der Frauen, der die andere, die weibliche Seite der Weltgeschichte erzählt – zumindest der abendländischen.

Die Geschichte Zipporas etwa, der dunkelhäutige Gefährtin von Moses; oder von Judith, einer Jüngerin Jesu‘, selbst unter Verdacht, als ihr Mann Judas den "Rabbi Jesu" verrät. Es gibt Antigone und Prista, eine Heilerin, die 1540 als Hexe angeklagt wird; die Magd Lore Lay, bedrängt und bedichtet vom Dichter Clemens Brentano – ein Fall von #MeToo 1799. Eine Bürgerstochter als Revolutionärin tritt auf 1849; eine Trümmerfrau im bombardierten Kiel 1945, die Gastarbeiterin Leyla und die New Yorker Feministin Valerie Solanas 1968 – sie alle kommen als "Ich" zu Wort und rebellieren (innerlich zumindest) gegen den "ranzigen Maskulinismus" und männliche Ideologien.

Zehn Rebellinnen aus dreieinhalbtausend Jahren

"So etwas kommt nicht einfach so daher", sagt Feridun Zaimolu, "das hat seinen Anfang genommen über lügnerische Geschichten. Über eine bestimmte Art, eine Geschichte zu erzählen, nämlich die Lügen der Männer. Dagegen will ich andere Geschichten setzen, Geschichten von Frauen, die nicht gewillt sind, die ihnen zugewiesenen Plätze einzunehmen".

Zehn Frauen-Schicksale aus dreieinhalbtausend Jahren kommen zur Sprache, alle Heldinnen, alle Rebellinnen leben in einer düsteren, derben, brutalen Welt, voller Dreck und Schmerz, über die Feridun Zaimoglus Sprachmacht hinwegträgt; dieser hohe Gesang, ungestüm, drastisch und radikal, eine eigene Figur eigentlich, die alle Stimmen der Frauen übertönt und poetisiert, den Erzähler selbst mitreißt, der zum Sänger geworden scheint. Und Zaimoglu bekennt: "Ich glaube, das Hohelied ist stärker als Gestammel. Ich würde mich als einen großen Freund des Hohelieds ansehen, als einen, der versucht, gegen die Hohn-Gesänge in der Welt in Hoheliedern die Geschichten aufs Papier zu bannen. Erzähler und doch einer, dem vor allem in der deutschen Sprache Sang und Klang sehr sehr wichtig sind, und das wird auch bleiben".

Die Frauen wandeln sich, das zeigen Lisette etwa, die Bürgertochter und Revolutionärin, und Valerie Solanas, die dreimal auf Andy Warhol schoss, weil sie sich vom Star der Factory betrogen sah. Die Frauen werden mutiger, aber die Machtstrukturen bleiben. Auch das zeigen Zaimoglus zehn Erzählungen, die lose zum Roman verbunden sind. Sie zeigen es urwüchsig sinister wie bei Brunhild, keck wie bei Lore Lay, ironisch bei Lisette, zitatreich und radikal feministisch bei Valerie Solanas – und immer sehr körperlich, sehr deftig, sehr direkt. Feridun Zaimoglu schreibt keine Schonkost für sensible Leser, dafür eine mitreißend sprachgewaltige Hommage an starke Frauen.

Feridun Zaimoglu: "Die Geschichte der Frau" ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Der Roman ist in der Kategorie Belletristik im Rennen für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse.

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