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Jeden Tag versucht ein Mann, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu töten. Femizide, Morde an Frauen, geschehen auch in Deutschland, mehr als 300 pro Jahr. Romy Stangl ist Aktivistin und kämpft gegen Gewalt gegen Frauen.

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Femizide: Morde an Frauen, weil sie Frauen sind

Jeden Tag versucht ein Mann, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu töten. Femizide, Morde an Frauen, geschehen auch in Deutschland, mehr als 300 pro Jahr. Romy Stangl ist Aktivistin und kämpft gegen Gewalt an Frauen und Mädchen.

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Von
  • Elisabeth Möst

Romy Stangl war in ihrem Leben lange Zeit seelischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt. Sie wurde geschlagen, als Kind von ihrem Vater und ihrem Halbbruder. Später von ihrem Lebensgefährten, der sie klein machte, demütigte und einsperrte. Eine Spirale der Gewalt, aus der sie lange keinen Ausweg wusste.

"Das Schlimmste war für mich die seelische Gewalt. Mein Ex-Man hatte mich in eine Rolle gebracht, ohne dass ich es gemerkt habe. Ich habe mich ihm unterworfen und seine Wahrheit als meine Wahrheit gesehen." Romy Stangl

Die Kindergärtnerin ihres Sohnes bemerkte ihr Leid und ihre blauen Flecken. Sie half ihr, in ein Frauenhaus zu flüchten. Heute - 15 Jahre nach ihrer Befreiung - begleitet und unterstützt Romy Stangl von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und Menschen, die weiblich gelesen werden. Sie macht sich für deren Rechte stark: "Ich habe es selbst erlebt und kann sagen: Holt euch Hilfe und hadert nicht mit der Situation. Es gibt Möglichkeiten, begebt euch in Schutzeinrichtungen oder ruft die Polizei."

Weltweite Protestaktion "One Billion Rising"

Viele Frauen wissen nicht, wo sie Hilfe bekommen und schämen sich, über ihre Misshandlungen zu sprechen. Deshalb engagieren sich Romy Stangl und ihre Mitstreiterinnen bei der weltweiten Bewegung "One Billion Rising". Sie machen auf Gewalt aufmerksam und informieren über Hilfsangebote, wie Frauenhäuser, Frauennetzwerke und Notruftelefone.

"One Billion Rising" wurde im September 2012 von der New Yorker Künstlerin und Feministin Eve Ensler initiiert. Mittlerweile ist daraus eine weltweite Kampagne geworden, Millionen Frauen erheben sich gegen Gewalt, Diskriminierung, Femizide und Ausbeutung und setzen sich für ein Ende der Gewalt gegen Frauen und Mädchen ein. One Billion Rising München e. V. wurde 2017 von Aktivistinnen gegründet, seit 2018 ist Romy Stangl ehrenamtliche Vorstandsfrau.

Romy Stangl ist wieder verheiratet und hat mit ihrem Mann eine Tochter bekommen. Hauptberuflich arbeitet die 45-Jährige in der Kämmerei eines Rathauses. Das Problem "Gewalt gegen Frauen" will sie von Grund auf angehen, deshalb engagiert sie sich auch für Täterprogramme, Friedenserziehung und gewaltfreie Kommunikation in Kindergärten und Schulen, hält Vorträge und sucht immer wieder Verbündete wie zum Beispiel die Bäcker-Innung München und Landsberg. Auf Semmel-Tüten werden Hilfsangebote und Adressen gedruckt und über mehrere Tage verteilt. Die bundesweite Aktion "Gewalt kommt nicht in die Tüte" findet rund um den "Internationalen Tag der Gewalt an Frauen" am 25. November statt.

Jede dritte Frau in Deutschland erlebt mindestens einmal im Leben Gewalt

In Deutschland erlebt jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt. Meistens zu Hause, in einer Partnerschaft. Laut jüngster Statistik sind es fast 115.000 Frauen im Jahr. Jeden Tag versucht ein Mann, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu töten. Femizide, Morde an Frauen, weil sie Frauen sind, geschehen auch in Deutschland, mehr als 300 pro Jahr, in allen Gesellschaftsschichten und Kulturen. Auslöser ist häufig, wenn eine Frau ihren Partner verlassen möchte. Solche Morde werden im Sprachgebrauch meist als Trennungstötung, Partnerschaftsdelikt oder Ehrenmord bagatellisiert. Nicht immer werden Körperverletzung oder Mordversuche angezeigt, wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß niemand.

Für Romy Stangl ist es ein reines Machtspiel, wenn ein Mann meint, über eine Frau bestimmen zu dürfen. Oft würden sie auch die körperliche Schwäche ein Stück weit ausnutzen. "Und die Männer, ich sage es jetzt wirklich bewusst, wissen sich auch in Sicherheit. Der Staat und auch die Rechtsprechung erheben oft keine hohen Strafen. Somit wähnen sich die Täter auf der sicheren Seite."

"Man sollte begreifen, dass nicht die Frau sich schämen muss, wenn ihr Gewalt passiert, sondern der andere Mensch, der ihr das antut. Gewalt geht nicht erst bei der ersten Ohrfeige los, sondern schon, wenn ein Mensch einem mitgibt, dass man nichts wert ist, dass man schlecht ist, dass man eingesperrt wird. Dann muss ich raus." Romy Stangl

Der Begriff "Femizid" ist vor allem in Lateinamerika bekannt und bezeichnet einen Mord an einer Frau aufgrund ihres Geschlechts. In Deutschland werden Femizide wenig thematisiert, das Wort steht erst seit 2020 im Duden.

Literaturtipp und aktuelle Hintergründe zum Thema Gewalt an Frauen: "Alle drei Tage - Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen" von Laura Backes und Margherita Bettooni, Deutsche Verlagsanstalt 2021

Hilfetelefon - Gewalt gegen Frauen 08000 116 016

Weitere mutige Frauen sind am Mittwoch, 28. April 2021 in der Sendung STATIONEN im BR-Fernsehen zu sehen, und in der BR-Mediathek