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"Fantastische Frauen": Weibliche Kunstwelten des Surrealismus | BR24

© Kunstmuseum Solothurn / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Meret Oppenheim, Urzeit-Venus, 1962 (1933)

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"Fantastische Frauen": Weibliche Kunstwelten des Surrealismus

Göttin, Teufelin, Urmutter, Vamp, Traumwesen: Surrealistische Künstler haben viel ins Weibliche projiziert. Jetzt zeigt die Frankfurter Schirn, wie surrealistische Künstlerinnen selbst das Weibliche sehen - und die Projektionen aufs Korn nehmen.

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Das "Abendkleid mit Büstenhalter-Collier" von Meret Oppenheim sorgt für den verwirrenden erotischen Einstieg. Der nackte Oberkörper einer kopflosen Venus, mit abgebrochenen Armen, ein Halscollier ist mit Strumpfhaltern an den Spitzen der Brüste festgemacht, vom Abendkleid ist nur der Rock mit Pfauenmuster geblieben. Ist das nun ironisierte Männerfantasie oder weibliche Triumphgeste?

Meret Oppenheim und Louise Bourgeois und 32 surrealistische Künstlerinnen

Die Kuratorin Ingrid Pfeiffer jedenfalls hat die Sammlungen der Welt durchstöbert und eine unglaubliche Menge an Leihgaben nach Frankfurt gebracht. Im langen Korridor der Schirn-Galerie reihen sich Gemälde, Papierarbeiten, Skulpturen, Fotografien aneinander wie ein großer, Kunst gewordener Vorwurf: "Wie konntet Ihr das alles übersehen, Ihr Kunsthistoriker?". Einige der beteiligten Künstlerinnen sind inzwischen bekannt, akzeptiert und werden sogar bewundert. Die Schweizerin Meret Oppenheim gehört dazu, ihr ist ein Ehrenplatz gewidmet. Dort steht ihre Holzskulptur mit den abgebrochenen Armen, die "Genoveva", dort sieht man ihre freche malerische Aneignungsgeste: "Das Auge der Mona Lisa", wie herausgeschnitten aus dem Original von Leonardo da Vinci.

Meret Oppenheims Werk sei auf den ersten Blick vielleicht am heterogensten, sagt Ingrid Pfeiffer. Aber man sehe innere rote Fäden: "Die Auseinandersetzung mit Natur, mit Metamorphose, männlich/weiblich. Das thematisieren ganz viele: Was ist überhaupt männlich, weiblich? C.G. Jung, mit dem sich Oppenheim stark auseinander gesetzt hat, sagt: Wir sind beides, von der Grundlage her. Louise Bourgeois – sie spricht von präsexuellen Formen. Wir sehen zwar Schwellendes, aber das kann in alle Richtungen gehen".

Göttin, Teufelin, Urmutter: surrealistische Ideen des Weiblichen

Die Frankfurter Ausstellung ist souverän genug, sich jeder Männerfeindlichkeit zu enthalten. Im Gegenteil betont die Kuratorin die intellektuelle Offenheit des Surrealismus, der vielen Künstlerinnen die Ausgangsbasis für ihr individuelles Schaffen gab. Obwohl da zweifellos einiges an Projektion unterwegs war: "Der Surrealismus war die Kunstrichtung, die sich am meisten mit der Frau als Idee beschäftigt hat. Der weibliche Körper, auf den wurde alles projiziert: Göttin, Teufelin, Urmutter, Traumwesen, Vamp, Femme fatale. Nur keine richtige Frau ..." so Pfeiffer.

Künstlerinnen wie Meret Oppenheim, Louise Bourgeois, Leonor Fini oder Leonora Carrington verstanden sich durchaus nicht als Objekte von Männerfantasien, sondern entwickelten eigene, souveräne Bilder von Weiblichkeit. "Die Selbstporträts sind ironisch, sie sind spielerisch, sie setzen sich mit dieser Objekthaftigkeit auseinander, sie drehen die Rollen um. Zum Beispiel Leonor Fini, die zeigt nun, in Anlehnung an Tizians schlafende Venus, einen schlafenden Eros, der da hingegossen, verletzlich, nackt liegt, während die Frau über ihm angezogen, aktiv, hinausragt und den Betrachter auch noch anschaut", sagt Kuratorin Ingrid Pfeiffer.

© Weinstein Gallery, San Francisco and Francis Naumann Gallery, New York / VG Bild- Kunst, Bonn 2020

Leonor Fini, Erdgottheit, die den Schlaf eines Jünglings bewacht, 1946

© Banco de México Diego Rivera Frida Kahlo Museums Trust/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Frida Kahlo, Selbstbildnis mit Dornenhalsband, 1940

© The Estate of Dorothea Tanning/VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Foto: Jochen Littkemann, Berlin

Dorothea Tanning, Spannung, 1942,

© The Roger-Viollet Photoagency / VG Bild-Kunst, Bonn 2020 Schirn_

Toyen, Der Paravent, 1966

© Estate of Kay Sage/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Kay Sage, Zum vereinbarten Zeitpunkt, 1942

© bpk / RMN - Grand Palais / Dora Maar / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Dora Maar, 29 Rue d'Astorg, 1936, Photomontage,

© VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Jacqueline Lamba, André Breton, Yves Tanguy, Cadavre exquis, 1938

© Bridget Tichenor

Bridget Tichenor, Die Surrealisten/Die Spezialisten, 1956

Sollten nicht Kitsch und Kunst scharf und definitiv getrennt werden?

Nicht immer sind die weiblichen Statements so stark wie bei Oppenheim, Bourgeois, Lee Miller, Dora Maar oder Frida Kahlo. Wenn man meckern wollte, so könnte man anmerken, dass Bilder wie die von Bridget Tichenor, Remedios Varo, Jane Graverol oder Rachel Baes nicht zur stärksten Seite dieser Ausstellung gehören. Das Füllhorn des Empirischen auszuleeren, sorgt nicht immer für höchsten Kunstgenuss. Und muss es nicht im Interesse weiblichen Kunstschaffens liegen, Kitsch und Kunst scharf und definitiv zu trennen? Das Fazit zu "Fantastische Frauen" allerdings lautet: In der gewaltigen Menge der hier zusammengebrachten Werke funkeln genügend Edelsteine. Übrigens: vor Wänden in dunklem Pink und Lila.

Wie es zu der Farbgebung kam, erklärt die Kuratorin: "Es ist ein kalter und ein warmer Rotton, die hier aufeinander treffen, ich hab's übernommen von einem Katalog, den ich gesehen habe, von Leonor Fini. Und ich finde, dass die Farben sehr stark sind, sich dann aber auch wieder zurücknehmen. Und vielen schwarzweißen Grafiken sehr gut tun", sagt Ingrid Pfeiffer und fügt hinzu: "Wir machen in der Schirn gern Experimente."

Die Ausstellung "Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo" läuft vom 13. Februar bis 24. Mai 2020 in der Kunsthalle Schirn.

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