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Fallen wir durch Corona zurück in altes Rollenverhalten? | BR24

© Julia Müller BR / Audio BR

Auf welcher Stufe stehen wir gendertechnisch nach der Corona-Krise? Ist dann alles wieder beim Alten?

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Fallen wir durch Corona zurück in altes Rollenverhalten?

Bis zur Gleichberechtigung ist es ein weiter Weg – das zeigt auch die Corona-Krise, sagt die Berliner Soziologin Jutta Allmendinger. Im Interview erklärt sie, warum wir in Ausnahmesituationen gerne mal eine Rolle rückwärts machen.

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Kürzlich war wieder Muttertag, und man kann sich schon fragen, ob dieser Tag noch zeitgemäß ist – oder ob er nicht ein überkommenes Frauenbild zementiert: das von Mama, die sich um die Kinder kümmert und den Haushalt schmeißt? Man würde gerne annehmen, dass das mit der Realität des Jahres 2020 nicht mehr allzu viel zu tun hat, zumal über drei Viertel aller Frauen in Deutschland zwischen 20 und 64 erwerbstätig sind. 76 Prozent nämlich. Bei den Männern sind es 84 Prozent. Da fehlt eigentlich nicht mehr so viel. Dass es bis zur Gleichberechtigung trotzdem noch ein weiter Weg ist, macht gerade die Corona-Krise deutlich, sagt die Soziologin Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Christoph Leibold hat mit Ihr gesprochen.

Christoph Leibold: Das WZB hat im März eine Umfrage gestartet: Da ging es unter anderem um die Arbeitszufriedenheit im Zusammenhang mit der Umstellung bei vielen Menschen auf Home-Office. Da fallen die Antworten vor allem bei Frauen wenig erfreulich aus. Inwiefern? Und wieso ist das so?

Jutta Allmendinger: Zunächst einmal mussten wir feststellen, dass Frauen, die ja ohnehin sehr viel mehr in Teilzeit erwerbstätig sind als Männer, ihre Arbeitszeit noch weiter reduziert haben. Mittlerweile 24 Prozent der Frauen haben ihre Arbeitszeit reduziert, wesentlich weniger Männer. Und dann hatten wir die Frage gestellt: Wie geht's ihnen so? Dabei haben wir auf allen drei Dimensionen der Zufriedenheit – der Familienzufriedenheit, der Lebenszufriedenheit und der Arbeitszufriedenheit – deutliche Reduktion gesehen, bei Männern und Frauen. Aber bei Frauen war es dramatisch, am dramatischsten bei alleinerziehenden Frauen. Warum ist das so? Wir wissen, dass Frauen viel mehr zu tun haben. Sie haben nicht nur für die Bildung der Kinder, die nicht mehr in Kitas und Grundschulen waren, die Ersatz-Erzieherinnen zu spielen. Sie müssen mehr Essen kochen, müssen mehr einkaufen gehen, Freunde ersetzen. Das ist schon eine ganze Menge, was zu tun ist. Es geht hier nicht nur um das fehlende Geld bei Alleinerziehenden, sondern es geht auch um eine Verschnaufpause, um ein bisschen Zeit für sich selbst.

Um trotzdem auch auf’s Geld zu sprechen zu kommen: Ich nehme an, auch der Gender Pay Gap spielt eine Rolle. Selbst bei guten Vorsätzen von Ehepaaren, sich die Arbeit im Haushalt und die Betreuung der Kinder zu teilen: Wenn der Mann mehr verdient als die Frau, läuft es vermutlich immer darauf hinaus, dass die Frau zurücksteckt, wenn es nötig sein sollte.

Ja, aber es ist ja nicht nur der Gender Pay Gap, das finde ich so schmusig, dieses Wort! Das bezieht sich auf den Stundenlohn, der ist auch unterschiedlich zwischen Männern und Frauen, in der Tat. Aber was doch den Hauptunterschied macht, ist das, was Männer und Frauen pro Monat, pro Jahr nach Hause bringen, und was sich eben widerspiegelt in der Rente aus eigener Erwerbsarbeit am Ende des Lebens.

© WZB David Ausserhofer

"Die Krise zeigt wie ein Brennglas, was wir Jahrzehnte lang vernachlässigt haben", sagt die Soziologin Jutta Allmendinger

Inwiefern spielen auch eingefahrene Denkmuster eine Rolle – der Vater ist der Ernährer, die Mutter die Kümmerin – die wir aus den Köpfen eigentlich verbannen müssten?

Das ist genau richtig. Wir haben in solchen Krisen immer eine Situation, die wie ein Brennglas zeigt, was wir zu tun vernachlässigt haben, über die letzten Jahrzehnte. Und wenn wir auf Deutschland schauen, da haben wir immer noch mit dem Ehegattensplitting, mit der Mitversicherung, mit der unterschiedlichen Verteilung der Elternzeit zwischen Männern und Frauen nach der Geburt von Kindern etc… ein ganzes Ensemble, wo die Gleichberechtigung noch gar nicht erreicht ist. Das sieht man auch an der Teilzeitarbeit von Frauen, die mittags nach Hause kommen, die Kinder meistens abholen und sowieso schon sehr viel mehr Hausarbeit leisten, nicht nur in der Betreuung von Kindern, sondern auch von pflegebedürftigen Angehörigen. Und wenn in so einer Situation wie jetzt die Frau ganz zu Hause ist, dramatisiert sich das.

Was hätte man seitens der Politik anders organisieren müssen? Und was muss jetzt passieren, um das zu korrigieren?

Man hätte eine ganze Menge anders machen müssen. Man hätte das ganze systemisch Denken müssen und sich fragen müssen: Welche Hygiene-Konzepte hätten wir – wie beispielweise die Bundesliga – aufsetzen und langfristig vorbereiten können für eine Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten. Etwa, dass die Kinder kommen und mit Hygiene-Vorschriften vertraut gemacht werden. Es wird ihnen geholfen, die Hände zu waschen, den Rucksack, die Schuhe zu desinfizieren. Man hätte kindgerechte Masken vorbereiten können, wo sie besser durchatmen können, ohne dass die Brille beschlägt. Man hat Kinder, finde ich, dümmer gemacht als sie sind. Man sagt immer, Kinder können das nicht. Ich glaube, sie sind sehr wohl sozialisierbar. Insofern: Mehr acht auf alle Gesellschaftsschichten, auch auf die, die keine große Lobby haben – das wäre etwas gewesen, was wir von Anfang an hätten mitdenken müssen. Noch finde ich es nicht zu spät, aber dann sollte das jetzt auch wirklich auf den Tisch kommen und primär bearbeitet werden.

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