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Inszenierter Dokumentarfilm: Der Fall Lovemobil | BR24

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Elke Lehrenkrauss, Regisseurin des Films "Lovemobil"

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    Inszenierter Dokumentarfilm: Der Fall Lovemobil

    Große Teile des Dokumentarfilms Lovemobil sind nicht echt. Er hat nachgestellte Szenen, inszenierte Situationen und Laienschauspieler. Wie geht der Sender NDR und die Branche damit um?

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    Von
    • Dieter Wulf

    Der Erstlingsfilm von Regisseurin Elke Lehrenkrauss schlug ein wie eine Bombe. 2019 fertiggestellt, lief er auf Festivals, kam zu Beginn des Corona-Lockdowns noch ins Kino und begeisterte die Jurys. Gezeigt wird die Arbeit von Prostituierten, die sich in Wohnmobilen an einer Bundesstraße in der Nähe vom niedersächsischen Gifhorn anbieten. Das mit dem Film irgendwas nicht stimmte, merkte erst mal niemand.

    Laiendarstellerinnen als Prostituierte

    Doch genau das fanden Journalisten des NDR heraus. In dem Format Strg_F entlarvten sie den Dokumentarfilm als Fake. Offenbar hatte Elke Lehrenkrauss zuerst versucht, die dort arbeitenden Prostituierten vor die Kamera zu bekommen, aber die wollten nicht. Also fand sie Darstellerinnen, die sich im Film dann als Prostituierte ausgeben. Mariam Noori von Strg_F recherchierte den Enthüllungsfilm: "Im Nachhinein ist man ja immer schlauer ich habe den Film auch zweimal gesehen. Einmal ohne zu wissen, dass alles gestellt ist in diesem Film oder fast alles, und einmal mit dem Wissen."

    Begonnen hatte alles mit einer E-Mail, die bei der Redaktion schon im letzten Jahr einging, erinnert sich Mariam Noori von Strg_F: "Und in der E-Mail ging es gar nicht explizit um Lovemobil, sondern allgemein über Manipulation im Dokumentarfilmbereich und ich habe dann aus dieser E-Mail herausgelesen, dass es sich um Lovemobil handeln muss."

    "Wie konnten wir das alle übersehen?"

    Vieles kam ihr dabei merkwürdig vor. Also machte sich ein Team von Strg_F an die Arbeit. Noori erklärt: "Wir wissen ja selber auch als Journalisten, als Filmemacher, wie unfassbar schwer es ist, bestimmte authentische Szenen einzufangen, und jede Szene ist bei ihr einfach authentisch und jede Szene ist bei ihr einfach eine Szene, auf die man zum Teil Monate wartet, um sie zu finden und natürlich fragt man sich dann im Nachhinein: Wie konnten wir das alle übersehen?“

    Wie sie das denn geschafft habe, dass sie die Prostituierten, Freier und Zuhälter so habe filmen können, wurde die Filmemacherin Elke Lehrenkrauss auch in der Vergangenheit immer wieder gefragt. Ihre Antwort, wie jetzt im Enthüllungsvideo zu sehen, war eindeutig: "Wir hatten kein Skript. Das waren keine Schauspieler. Deshalb liebe ich den Dokumentarfilm, weil man auf Menschen trifft, die man sich eigentlich nicht ausdenken kann."

    Aber genau das war passiert. Natürlich gebe es Prostitution, meint Anja Reschke, die Leiterin im Programmbereich Dokumentation beim NDR Fernsehen: "Es gibt diese Prostituierten, jeder von uns hat die sicher schon mal an irgendeiner Landstraße stehen sehen."

    Ein weiterer Fall Relotius?

    Trotzdem sieht sie Ähnlichkeiten mit dem Fall Claas Relotius, der als Reporter beim Spiegel systematisch betrogen hatte: "Claas Relotius hat seine Redakteure angelogen und hat ihnen falsche Protagonisten und falsche Geschichten untergeschoben. Diese Autorin hat unserem Redakteur auch nicht die Wahrheit erzählt und hat ihn nicht davon in Kenntnis gesetzt, dass sie gar keine echten Prostituierten in dem Film hat, sondern Schauspielerinnen. Das ist vergleichbar."

    Dass vieles in dem Film inszeniert sei, habe man doch schon vorher erkennen können, heißt es jetzt in der nun entstandenen Debatte. Natürlich gebe es auch im Dokumentarfilm Aspekte, die man inszenieren kann, das müsse man dann aber kennzeichnen, meint Anja Reschke. Überhaupt gehe es hier um etwas ganz anderes: "Niemand, niemand, niemand auf diesen Festivals hat die Frage gestellt, ob die beiden Hauptfiguren in dem Film, die beiden Protagonistinnen, die beiden Prostituierten echt sind. Keiner hat geglaubt, dass sie nicht echt sind, und das ist der Kern, um den es geht."

    Autorin gesteht Fehler ein

    Die Autorin des Filmes, Elke Lehrenkrauss, räumt in dem Beitrag von Strgr_F ein, dass sie Fehler gemacht hat. Sie habe den Moment verpasst, ihren Redakteur einzuweihen und die nachgestellten Szenen als nicht-dokumentarisch zu kennzeichnen. Es habe Zeitdruck gegeben, sagt sie, und sie habe Angst gehabt, dass die Redaktion das unauthentische Material nicht akzeptieren würde.

    Bis zur Enthüllung, dass ihr Dokumentarfilm kein Dokumentarfilm ist, hatte Lehrenkrauss immer behauptet, dass es für die Szenen kein Skript gegeben und sie mit echten Menschen gedreht habe.

    In dem Beitrag von Stgr_F hält sie allerdings daran fest, dass sie durch die nachgestellten Szenen "eine viel größere Realität" geschaffen habe, als das mit realen Personen möglich gewesen wäre. "Ich kann mir auf jeden Fall nicht vorwerfen, die Realität verfälscht zu haben", sagt sie.

    Preise zurückgegeben

    Mittlerweile wurde die Nominierung für den Grimme Preis zurückgezogen und der SWR gab bekannt, dass die Regisseurin erklärt habe, den Deutschen Dokumentarfilmpreis samt Preisgeld zurückzugeben.

    Der NDR wiederum wollte jetzt den Film mit einer entsprechenden Kenntlichmachung wieder in die Mediathek stellen, meint Anja Reschke: "Damit sich Menschen einen eigenen Eindruck darüber verschaffen können." Reschke zufolge sollte der Film mit Hinweisen versehen werden, dass er zum "großen Teil nachgestellte Szenen und nachgestellte Protagonisten enthält". Dafür habe man die Person, die sich falsch dargestellt sieht, der den Zuhälter gespielt hat, befragt, ob er damit einverstanden sei. Doch er sei damit nicht einverstanden gewesen, so Reschke: "Er möchte das nicht und daraufhin können wir den auch nicht online stellen."

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