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Eine Ordensschwester bei der Bundestagswahl 2017

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    Katholiken wählen CSU - gilt das noch?

    Christen wählen CSU oder CDU, Muslime die SPD und Konfessionslose die Grünen. So plakativ, wie es früher einmal war, ist es heute nicht mehr. Die Religionszugehörigkeit spielt kaum noch eine Rolle für die Wahlentscheidung - dafür ein anderer Faktor.

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    Von
    • Julia Mumelter
    • Martin Jarde

    "Ich glaube manche C-Parteien haben sich immer gedacht, die Ordensfrauen sind die treuen Wählerinnen - ich glaube das stimmt nicht so ganz", sagt Schwester Karolina Schweihofer von den Missionarinnen Christi in München. Ordensfrauen würden sehr wohl hinhören und hinschauen, welche Partei sich wirklich für die Würde der Menschen, den Klimawandel oder die Flüchtlingsfrage einsetzt.

    Beziehung zwischen Katholiken und CSU in Bayern bröckelt

    Ihre Aussage bringt das auf den Punkt, was sich in den letzten Jahren in der Forschung auch schon herauskristallisiert hat. Die Selbstverständlichkeit, dass vor allem Katholiken eine der beiden Unionsparteien wählen, die gibt es nicht mehr. Untersucht hat das auch die Politikwissenschaftlerin Viola Neu für die unionsnahe Konrad Adenauer Stiftung. Ihr Fazit: Früher gab es einen recht engen Zusammenhalt von Katholiken und Unionsparteien, doch diese Bindung sei "über die Jahrzehnte sehr sehr brüchig geworden".

    Dies betrifft aber nicht nur die Unionsparteien. Insgesamt stelle man in der Wählerschaft fest, dass die sozialstrukturellen Merkmale - egal ob Arbeiter, Gewerkschafter, Katholiken - für das Wahlverhalten über die Jahrzehnte an Bedeutung verloren hätten. Die alten Klischees funktionierten also nicht mehr, so die Wahlforscherin. 

    Drei Viertel der Wahlberechtigten sind Wechselwähler

    Gründe dafür seien der gesellschaftlicher Wandel - die erhöhte Mobilität der Menschen, die Individualisierung, die Pluralisierung der Lebensstile - man fühle sich nicht mehr so an eine Gruppe gebunden, erklärt Viola Neu. "Die Mehrheitsgesellschaft hat ihr Wahlverhalten komplett geändert. Wir haben ja mittlerweile drei Viertel der Wahlberechtigten, die Wechselwähler sind, und früher hatten wir extrem viele Stammwähler." Diese Veränderungen, die struktureller Natur seien, würde man in allen Bereichen sehen, wenn es um politische Entscheidungen gehe.  

    In ihrer Studie hat die Politikwissenschaftlerin auch untersucht, ob die Intensität, mit der der Glaube gelebt wird, einen Einfluss auf das Wahlverhalten hat. Die befragten Christen wurden konkret danach gefragt, wie häufig sie in die Kirche gehen. Die Erkenntnis: Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Kirchgang und der Wahlentscheidung. 

    "Diejenigen, die katholisch sind und wöchentlich in die Kirche gehen, die wählen zu zwei Dritteln die Unionsparteien, also zumindest bei der letzten Bundestagswahl und je seltener man in die Kirche geht, desto geringer ist der Anteil, den die Unionsparteien haben." Politikwissenschaftlerin Viola Neu

    Und wie sieht es bei Muslimen und Juden aus? 

    Ähnlich wie bei den Christen lässt sich für die Wahlforscherin beobachten, dass auch die Muslime in Deutschland ihr Wahlverhalten individualisiert haben. Früher seien sie eine sichere Bank für die Sozialdemokraten gewesen, nun könne man das nicht mehr so pauschalisieren. 

    Der Nürnberger Kommunalpolitiker Ümit Sormaz mit türkischen Wurzeln passt auf keinen Fall in diese Schublade. Der bekennende Muslim war zunächst Mitglied der CSU und ist dann zur FDP gewechselt.  Die CSU sei mit ihren Werten seiner Religion zwar näher, jedoch finde er die FDP viel offener, weil sie aus seiner Sicht ein anderes Denken eher akzeptiere.  

    Im Kleinen ist das für den Kommunalpolitiker bei politischen Stammtischen deutlich geworden. Bestes Beispiel Schweinefleisch: "Als Moslem isst man ja kein Schweinefleisch, dann ist es so in der CSU, da gibt es ja die Stammtische, bei denen man auch mal Schäufele oder dergleichen isst, und dann ist das Verständnis dafür, dass man als Moslem das jetzt nicht isst, zwar irgendwie gegeben, aber nur bedingt", sagt Sormaz. Bei den Liberalen hingegen, sage man dazu, "das ist deine Weltanschauung, das ist ok, das passt".

    Wichtiger als christliche Werte: die Offenheit einer Partei

    Auch Marian Offman ist Kommunalpolitiker. Lange Jahre war der Münchner für die CSU im Stadtrat, 2019 wechselte er zur SPD. Sein jüdischer Glaube ist für ihn maßgeblich für seine politische Arbeit. Als Jude könne er sich auch gut mit christlichen Werten identifizieren, doch wichtiger sei ihm die Offenheit seiner Partei.

    Entscheidend sei, dass seine Partei zu allen Religionen gleichermaßen offen sei und den Religionen mit Empathie begegne, sagt Offman. "Weil wir sehen, wenn wir die Weltgeschichte anschauen, wenn wir auch unsere heutige Geschichte anschauen, dann sind es oftmals die Religionen, die zu Kriegen und Auseinandersetzungen und zu Verwerfungen in der politischen Landschaft geführt haben."

    Stärkste Wählergruppe der Grünen: die Protestanten

    Fehlen noch die Erkenntnisse zum Wahlverhalten der Konfessionslosen. Auch bei dieser Wählergruppe kann man keine festen Parteipräferenzen mehr erkennen, weiß Viola Neu. Aus der Analyse der letzten Bundestagswahlen kann man jedoch ablesen, dass die Konfessionslosen eher als die konfessionell gebundenen die AfD und die Linke wählten.

    Bei den Grünen waren die Konfessionslosen lange Zeit die stärkste Wählergruppe, doch seit rund zehn Jahren überwiegen sie dort nicht mehr. Die stärkste Wählergruppe der Grünen sind mittlerweile die Protestanten. 

    Religion nicht entscheidend für Wahlausgang

    Doch trotz all dieser Erkenntnisse, entscheidend für den Wahlausgang sei die Religionszugehörigkeit nicht mehr, so die Politologin. Die Einstellungen, die ein Wähler habe, seien viel wichtiger als die Sozialstruktur. "Das heißt: Klischees, die anfangen mit Arbeitnehmer, Muslime, Katholiken, Protestanten, Arbeitgeber und so weiter - diese Klischees funktionieren nicht mehr."

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