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Bildrechte: Uwe Zucchi/Picture Alliance

Documenta-Aura: Besucher in einer Ausstellung über die Kunstschau

Per Mail sharen

    Fake-Einladungen zur documenta: "Man kann drauf reinfallen"

    Noch ist nicht klar, ob es eine mutwillige Irreführung ist oder nicht doch eine "Kunstaktion": Offenbar bekamen Künstler gefälschte Aufforderungen, an der nächsten Documenta teilzunehmen – die Organisatoren sprechen von "Verwirrung".

    Per Mail sharen
    Von
    • Peter Jungblut

    Es ist für die meisten Künstler wohl die größte Ehre, die ihnen beruflich widerfahren kann: Eine Teilnahme an der alle fünf Jahre in Kassel stattfindenden documenta gilt weltweit als besondere Auszeichnung und künstlerischer "Durchbruch". Doch jetzt sind offenkundig gefälschte Einladungen im Umlauf. Per Mail bekamen mindestens 33 Kunstschaffende jedenfalls die Aufforderung, Werke für die nächste "documenta fifteen" vom 18. Juni bis 25. September 2022 einzureichen. "Wir haben wirklich herzzerreißende Briefe erhalten, in denen die Angeschriebenen ihrer Freude Ausdruck verleihen", sagte die Geschäftsführerin Sabine Schormann der "Süddeutschen Zeitung". Umso enttäuschender wird dann wohl die Aufklärung gewesen sein, dass es sich um einen Fake handelte.

    Professionell gefälschte Texte

    Wie eine Sprecherin der documenta dem BR sagte, wurde zwar inzwischen ein auf den ersten Blick der documenta zugehöriger Mail-Account gesperrt, von dem die Aufforderungen abgeschickt wurden, das sei jedoch keine Garantie dafür, dass nicht weitere Einladungen versendet würden. Erstens sei die Mail-Adresse "relativ gut" verschlüsselt gewesen und zweitens seien die Einladungen sehr gut gefälscht gewesen: "Es ist schon auffällig, dass die Person, die dahinter steckt, relativ genau auf den Lebenslauf des Angeschriebenen eingeht. Es wird sehr dezidiert auf zurückliegende Ausstellungen und Arbeiten eingegangen. Da muss sich jemand wirklich mit den Personen auseinandergesetzt haben." Es handelte sich demnach also nicht um "Serienbriefe", sondern um persönlich und mit viel Hintergrundwissen formulierte Texte. "Man kann wirklich drauf reinfallen", so die Sprecherin.

    © Nicolas Wefers/documenta
    Bildrechte: Nicolas Wefers/documenta

    Vorbereitungen zur nächsten documenta

    In Kunstkreisen wurde schon spekuliert, ob die gezielte Verwirrung im Vorfeld der kommenden documenta nicht selbst eine Kunstaktion ist. Museumsleiter, Kuratoren, Galeristen und Künstler sind jedenfalls gewarnt: Die documenta bittet auf ihrer Homepage darum, sich bei etwaigen "Einladungen" direkt mit den Planern in Verbindung zu setzen. In den letzten Tagen hätten sich sowohl Künstler gemeldet, die irrtümlich davon ausgingen, eingeladen zu sein, so die documenta-Sprecherin gegenüber dem BR, als auch solche, die von vorneherein wussten, dass es sich um Fakes handelt und darauf hinweisen wollten. Prinzipiell sei es nicht "ganz ausgeschlossen", dass sich die documenta per Mail an Künstler wendet.

    "Reis-Scheune" als Thema für 2022

    Seit einigen Jahrzehnten ist es so, dass die jeweiligen Kuratoren der documenta über das Schwerpunktthema entscheiden und dann in aller Welt die dazu passenden Werke aussuchen. 2022 ist damit das indonesische Künstlerkollektiv ruangrupa betraut. Nach eigenen Worten wollen die Kuratoren die "Grundsätze von Kollektivität, Ressourcenaufbau und gerechter Verteilung" in den Mittelpunkt ihrer documenta stellen: "Wir wollen eine global ausgerichtete, kooperative und interdisziplinäre Kunst- und Kulturplattform schaffen, die über die 100 Tage der documenta fifteen hinaus wirksam bleibt. Unser kuratorischer Ansatz zielt auf ein anders geartetes, gemeinschaftlich ausgerichtetes Modell der Ressourcennutzung – ökonomisch, aber auch im Hinblick auf Ideen, Wissen, Programme und Innovationen."

    Worum es geht, wird demnach im indonesischen Begriff "lumbung" deutlich, direkt übersetzt "Reis-Scheune". Das Wort bezeichnet einen in den ländlichen Gebieten Indonesiens gemeinschaftlich genutzten Bau, in dem die Ernte einer Gemeinde als gemeinsame Ressource für die Zukunft zusammengetragen, gelagert und nach gemeinsam bestimmten Kriterien verteilt wird, so ruangrupa: "Als Modell für die documenta fifteen ist lumbung als eine Art kollektiver Ressourcenfundus zu verstehen, der auf dem Prinzip von Gemeinschaftlichkeit beruht."

    Obwohl das formale Auswahlprinzip der documenta seit langem unverändert ist, bewerben sich dennoch alle fünf Jahre hunderte von Künstlern aus eigenem Antrieb. Es gab sogar welche, die versucht haben, sich gerichtlich "einzuklagen".

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