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Fake - Die Fälschung der Welt | BR24

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Bildrechte: C.H. Beck

Dieses Cover ist echt - und keine Fälschung

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    Fake - Die Fälschung der Welt

    Längst nicht nur Gemälde können gefälscht werden. Vermeintlich wahre Meldungen im Netz entpuppen sich oft genug als Hoaxes - als Falschmeldungen. Höchste Zeit für eine kleine Historie des Fakes. Peter Köhler hat sie geschrieben. Von Marie Schoess.

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    Der wahre Zuhälter eines Buches ist ein schöner Titel. An diese Weisheit erinnerte der französische Literaturwissenschaftler Gérard Genette, und er warnte Autoren damit vor der Kraft des Titels. Es gäbe Bücher, erklärte er, die habe er nur deshalb nicht gelesen, weil ihn der Text nach einem allzu lockenden Titel zu schnell enttäuschen würde. Der Titel dürfe also niemals verführerischer daherkommen, als es der Text selbst sein kann. An diese Warnung denkt man, wenn man das Buch von Peter Köhler liest. Der Einband kommt wundervoll ältlich daher. Wie ein alter nachgemachter Geldschein oder ein aufwendig verzierter Bilderrahmen aus früheren Zeiten wirkt er – und damit wie eine erste spielerische Annäherung an die Fälschung. In der Mitte dann, in Großbuchstaben, lockt das Wort "Fake" den Leser an. Das nächste Versprechen, der Untertitel: "Die kuriosesten Fälschungen aus Kunst, Wissenschaft, Literatur und Geschichte". Diese Anziehungskraft von der optischen Aufmachung und vom Titel ist es, hinter der der Text am Ende zurückbleibt. Aber zuerst zum Anfang und damit in die Steinzeit.

    "Wie viel der steinzeitliche Mensch gefälscht hat, weiß man nicht. Dass er es aber getan hat, schon: Eine hübsche Schummelei hat sich aus dem Neolithikum erhalten, eine Schmuckkette aus 183 Hirschzähnen, von denen allerdings 65 aus Knochen täuschend echt nachgemacht waren." Peter Köhler

    Wirklich kurios liest sich der historische Beginn der Fälschung zugegeben noch nicht. Vom Neolithikum geht Köhler dann aber flink durch die Geschichte, die Fälle aus der jüngeren Zeit überwiegen deutlich. Und: Seine historische Vorgehensweise ist aufschlussreich. 

    Von Konrad Kujau ...

    Die Stärke von Köhlers Kulturgeschichte ist es, dass er die Fälschung nicht als ein moralisches Problem behandelt. Stattdessen beweist er, dass Fälschungen historisches Wissen bergen. Jede Zeit bringt ihre eigenen Fälscher hervor. Und deshalb verraten die in der Rückschau einiges über die Ängste und Sehnsüchte verschiedener Epochen. Ein Foto von Robert Doisneau ist da nur ein Beispiel. Ein verliebtes Paar hat er fotografiert, das mitten in Paris einen Kuss austauscht. Ein Sinnbild für die Leichtigkeit des Lebens, ein Plädoyer für Zärtlichkeit. Verkauft wurde das Bild 1950 als authentischer Schnappschuss. Aber das war es nicht, das Paar wurde von Schauspielern gemimt. Aufschlussreich bleibt das Foto trotzdem, erzählt es doch von der Sehnsucht, nach dem Krieg das private Glück zu feiern. Ein weniger harmloses Beispiel sind die Hitler-Tagebücher, herausgegeben vom "Stern". Eigentlich hätte diese lieblose Fälschung sofort auffallen müssen, erklärt Köhler. Nur: Was in den Tagebüchern stand, entsprach zu genau den Bedürfnissen der damaligen Gesellschaft.

    "Es ging um Geschichtspolitik. Über eine wenigstens partielle Rehabilitierung Hitlers sollten jene reingewaschen werden, die ihm gefolgt waren. 'Wenn das der Führer gewusst hätte!', wäre angeblich vieles nicht geschehen. 'Sind diese Leute denn verrückt geworden?', zeigt sich Kujaus Hitler am 10. November 1938 entsetzt über die "Reichskristallnacht"; […] ja, Hitler plant später die Gründung jüdischer Siedlungen im Osten, 'wo sich diese Juden selbst ernähren können', was suggeriert, der Führer habe wie die deutsche Bevölkerung von der Judenvernichtung nichts gewusst, so dass der Holocaust allein aufs Konto des 'hinterhältigen', übergeschnappten Himmler ginge." Peter Köhler

    Mit solchen Analysen wie dieser zu den Hitler-Tagebüchern zeigt Köhler eindrucksvoll, dass die Täuschung nicht nur ein Phänomen ist, das Wissen verschleiert oder zerstört, sondern das Wissen voraussetzt. Wer erfolgreich täuschen will, der braucht ein feines Gespür für seine Umwelt, der muss die Wünsche und Befindlichkeiten seiner Zeitgenossen kennen. Und geschickte Täuscher, Manipulierer oder Betrüger findet Köhler zu jeder Zeit, an jedem Ort. 

    ... bis hin zu Wolfgang Beltracchi

    "Im Privat- wie im öffentlichen Leben, im persönlichen Alltag wie in Politik und Wirtschaft, in der Kunst und den Massenmedien, in der Wissenschaft und im Sport wird mit böser Absicht oder guten Gewissens manipuliert. Gefälschte Bilder in der Galerie, retuschierte Fotos in der Zeitung, getürkte Reportagen im Fernsehen, Falschmeldungen im Internet, Plagiate in der Literatur, der Musik und der Wissenschaft, unechte Urkunden, fingierte Kriegsanlässe, aber auch falsch deklarierte Lebensmittel… Die Liste ist lang." Peter Köhler

    Doch die Länge der Liste wird Köhler zum Verhängnis. Und das nicht, weil die Beispiele nicht interessant sind oder nicht gut zu lesen. Sondern weil Köhler alles, was irgendwie falsch, irgendwie unwahr oder gelogen, irgendwie fingiert oder nachgemacht ist, mit dem Begriff Fälschung belegt. Was dem Buch dadurch bei aller Freude am Anekdotischen fehlt, ist eine Klärung, was die Fälschung auszeichnet. Köhler grenzt die unterschiedlichen Phänomene, die er hier zusammenstellt, kaum voneinander ab und dadurch verliert er manchmal die besondere Aura von Fälschern aus dem Blick. Nur ein Beispiel: Ein Kunstfälscher wie Wolfgang Beltracchi auf der einen Seite und auf der anderen ein Doktorand, der seine Arbeit nicht mit eigener Schaffenskraft, sondern mit geklauten Zitaten erfüllt. Beltracchi ist bei allem, was er vorgetäuscht hat, eine geheimnisvolle, spannende Figur. Er brauchte für seine Fälschungen fundierte Kenntnisse über den Kunstmarkt und dessen Eigenarten, er brauchte das eigene Können und Erfindungsreichtum. Der Plagiator ist dagegen eine blasse, ja, eine traurige Gestalt. Er schafft selbst gar nichts, und sein einziger Ausweg ist es, Fremdes unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen. Ein gut gemachter Fälscher kann einer Gesellschaft den Spiegel vorhalten, er kann ein Milieu zum Narren halten. Er kann bei aller Paradoxie Aufklärung betreiben. Ein Plagiator hat diese Kraft nicht. Nur ist bei Köhler all das, das Dopen beim Sport, das Fälschen von Kunst und Literatur und das platte Plagiat, einfach gefälscht, einfach nur ein „Fake“ neben anderen. 

    Peter Köhler: "Fake". C.H. Beck 2015. 12.95 Euro