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Warum das Internet keine Demokratie-Maschine geworden ist | BR24

© BR / Julia Müller

Symbolbild: veschiedene Socia Media Apps auf einem Handybildschirm

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Warum das Internet keine Demokratie-Maschine geworden ist

Alle dürfen mitreden – und alle haben Zugang: In den 90er-Jahren wurde das Internet als große Utopie gefeiert. Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Was bedroht den Netzdiskurs heute am meisten? Antworten von der Würzburger Soziologin Elke Wagner.

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Ein Like auf Facebook ist etwas Schönes, zu wenige Likes führen manchmal zu depressiven Zuständen. Aber so richtig heftig wird es erst bei Kommentaren: Statt sachlicher Auseinandersetzung finden sich da viel zu oft übelste Beschimpfungen, Drohungen, Zornausbrüche, Shitstorms. Die Würzburger Soziologin Elke Wagner hat ein Buch über die Facebook-Öffentlichkeit geschrieben, "Intimisierte Öffentlichkeit". Judith Heitkamp hat mir ihr gesprochen.

Judith Heitkamp: Frau Wagner, Sie sprechen von "intimisierter Öffentlichkeit" oder sogar "intimisierten Öffentlichkeiten". Ist ja auch eine komische Mischung aus privat und öffentlich bei Facebook …

Elke Wagner: Ja. Sie haben einerseits eine beschleunigte Öffentlichkeit, viel schneller getaktet, man hat keine Zeit für bessere Argumente, weil schon wieder der nächste Post auf der Timeline erscheint. Sie haben eine "Symmetrisierung" in dem Sinne, dass jeder und jede, der oder die einen Internet-Zugang hat, mitsprechen kann – es ist kein besseres Argument notwendig, um sich zu beteiligen. Gefühle reichen, es ist affektiver geworden – das betrifft zum Beispiel das Thema Hate Speech.

War das nicht immer schon so – dass wütende Menschen irgendwie ihrem Zorn freien Lauf gelassen haben?

Wütend waren Leute wahrscheinlich schon immer in der Geschichte … aber jetzt ist ein Speichermedium dazwischengekommen. Das ändert natürlich sehr viel. Sätze, die mal so "rausgehauen" werden, sind dauerhaft sichtbar – und adressiert an viel mehr Personen, als das früher in einer Interaktion unter Anwesenden der Fall war.

Gibt es den Unterschied zwischen privat und öffentlich auf Facebook eigentlich noch? Da sagt ein Facebook-Nutzer in einem Ihrer Interviews, richtige politische Meinung würde er auf Facebook lieber nicht äußern, das sei ihm zu privat …

Ja, das ist ein interessanter Effekt: Personen stellen ihre privaten Postings online, und wenn man richtig argumentieren will, ziehen sie sich wieder zurück. Begründet wird das damit, dass die Timeline auf Facebook zu schnelllebig ist, um ein Argument angemessen zu vertiefen, dass Sachargumente zu viel Zeit brauchen, um dort verstetigt zu werden, dass der Diskurs nicht abgeschlossen werden kann, weil immer wieder jemand doch noch etwas dazu addieren kann.

Erfüllt sich die einstige politische Utopie: dass alle einbezogen werden und alle zusammen zu einem Ergebnis kommen können?

Internet-Öffentlichkeiten sind in den 90er-Jahren gefeiert worden als Demokratisierungs-Maschine, endlich könnten sich Personen barrierefrei verbinden und vernetzen. Doch diese Chancen, die man damals formuliert hat, sind eigentlich enttäuscht worden. Es gibt eine starke Ökonomisierung der Öffentlichkeiten im Netz. Es gibt technische Beobachter, Algorithmen, deren Struktur für den User nicht einsehbar sind.

Was den Journalismus angeht, erinnert das ein bisschen an den alten Streit zwischen grellen Boulevardzeitungen und seriöser Abo-Presse. Ist das ein guter Vergleich?

Der Vergleich hinkt insofern, als es selbst bei der Sun oder bei der BILD-Zeitung ja immer noch Gatekeeper gab. Die haben Sie jetzt nicht mehr – und das ändert die Sache natürlich extrem.

© transcript Verlag

"Intimisierte Öffentlichkeiten" von Elke Wagner

Das Bundesverfassungsgericht hat uns, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, gerade im letzten Jahr ins Stammbuch geschrieben, er müsse einer anderen Entscheidungsrationalität folgen als der der meisten Klicks. Wie schätzen Sie das ein – wird das auf Dauer gehen?

Ich lese gerade sehr viele empirische Studien zur Veränderung des Journalismus im digitalen Zeitalter, und beobachtbar ist, dass es eine massive Orientierung an Klickzahlen gibt. Die Folge wird sein, dass sich die Produktion von Inhalten stark verschieben wird: weg vom Gatekeeper-Modell hin zu einem Modell der Verwaltung einer Community. Und dass man sich zum Beispiel überlegt, eine Überschrift eher an den algorithmisch ausgerechneten Klickzahlen auszurichten als daran, wie man es bisher gemacht hat. Dass der "Christkindlmarkt" dann "Weihnachtsmarkt" heißt, um ein ganz banales Beispiel zu nennen.

Warum?

Weil "Christkindlmarkt" eher eine regionale Reichweite hat und die Nutzer im Zweifelsfall nach "Weihnachtsmarkt" suchen.

Werden Themen zukünftig nur noch extrem polarisiert wahrgenommen?

Ich denke schon. Dass man ein affektives Medium hat, führt zu einer stärkeren Polarisierung von Diskursen.

Wie ist es im Umgang mit Hate Speech? Was ist die beste Strategie für eine demokratisch funktionierende Öffentlichkeit?

In Frankreich ist jetzt entschieden worden, dass Facebook die IP-Adressen der Hassredner an die Regierung herausgibt. Wie man in Deutschland darauf reagiert, wird man sehen. Das Problem bei der Definition von Hate Speech ist der enge Zusammenhang mit dem Kontext. Die politische Regulierung muss mit einbeziehen, wie etwas gemeint ist: Ist es vielleicht doch nur Ironie? Hat sich ein Kritiker geäußert, um sich gegen Hate Speech auszusprechen? Es ist relativ schwierig, da mit starken gesetzlichen Maßnahmen vorzugehen.

In Deutschland gibt es dafür das "Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken", und das Bundesamt für Justiz hat soeben ein Bußgeld gegen Facebook verhängt, zwei Millionen Euro, weil Facebook der Berichtspflicht zur Veröffentlichung von schwierigen Posts wohl nur sehr zurückhaltend nachgekommen ist. Was sagen Sie dazu?

Einerseits versucht man, etwas gegen den Hass im Netz zu unternehmen, und das ist auch politisch richtig, würde ich sagen. Aber es ist schwierig, Hate Speech vorab etwa mit einem algorithmischen Index zu definieren. Da trifft man dann auch manchmal die Falschen.

Der Band "Intimisierte Öffentlichkeiten. Pöbeleien, Shitstorms und Emotionen auf Facebook" von Elke Wagner ist im transcript Verlag erschienen.

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