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"Extrem irrationale Risikoabwägung": Kultur-Lockdown unnötig? | BR24

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Bildrechte: Georg Wendt/Picture Alliance

Das Publikum kauft schon wieder Karten, allerdings im Ausland: Bei einer Online-Debatte des Musicals-Veranstalters Stage Entertainment klagen Experten darüber, mit Argumenten für Lockerungen nicht mehr durchzudringen. Ist die Debatte zu aufgeheizt?

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"Extrem irrationale Risikoabwägung": Kultur-Lockdown unnötig?

Das Publikum kauft schon wieder Karten, allerdings im Ausland: Bei einer Online-Debatte des Musicals-Veranstalters Stage Entertainment klagen Experten darüber, mit Argumenten für Lockerungen nicht mehr durchzudringen. Ist die Debatte zu aufgeheizt?

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Von
  • Peter Jungblut

Die einen geben es offen zu, andere schämen sich etwas dafür, aber der Gedanke, irgendwann wieder dicht an dicht im Theater- oder Konzertsaal zu sitzen, lässt bei nicht wenigen doch mulmige Gefühle aufkommen. Was ist, wenn der Sitznachbar hustet? Was bedeutet es, wenn er schwer atmet? Ist das Unwillen über die Aufführung oder schon ein Krankheitssymptom? Soweit ist es gekommen mit uns im Pandemie-Stress, und Uschi Neuss, die Chefin von Deutschlands größtem Musicalveranstalter Stage Entertainment weiß bei einem Online-Symposion ihrer Firma unter dem Titel "Kultur ohne Mindestabstand" noch andere "Merkwürdigkeiten" aufzuzählen: "Mindestabstand! Was ist das überhaupt für ein Wort! Noch klarer wird es natürlich, wenn man sich das englische Äquivalent, das gerade benutzt wird, anschaut: Social Distancing. Das ist der gelebte Widerspruch zur Menschlichkeit, und damit auf jeden Fall unvereinbar mit Kultur."

"Kontakte nicht verhindern, sondern sichern"

Mit dreißig Prozent Auslastung, mit vielen freien Sitzen können die privaten Veranstalter nichts anfangen, das rechnet sich nicht, sie brauchen möglichst volle Säle – was für Uschi Neuss keineswegs so utopisch klingt, wie manch einer meinen mag: "400 Kubikmeter Luft sind in einem Flieger, in dem 200 Passagiere sitzen. Dort herrscht keine Angst, es ist wissenschaftlich verbrieft, dass das sicher ist. 27.000 Kubikmeter Luft sind in einem Theatersaal – und das ist ein gefährlicher Ort?"

Nein, sagt der Lüftungs- und Aerosol-Experte Christian Kähler von der Universität der Bundeswehr in München, in großen, modernen Sälen sei die indirekte Ansteckungsgefahr über Erreger in der Luft sehr gering – und er kritisiert, dass die Politik trotzdem ausschließlich auf Kontaktvermeidung setzt: "Der Lockdown ist höchst schädlich, und zwar für den Staat, für die Wirtschaft, für die Gesellschaft und auch für die Demokratie. Man darf den Lockdown daher aus meiner Sicht nicht zu sehr überspannen und deshalb muss das Ziel sein, dass wir nicht versuchen, die Kontakte über einen Lockdown teuer zu verhindern, sondern dass wir die Kontakte mit Technik sicher machen."

© Axel Heimken/Picture Alliance
Bildrechte: Axel Heimken/Picture Alliance

Blick auf das Musicaltheater in Hamburg

Und das sei zweifellos möglich. Überhaupt beklagt der Philosoph und Risikoforscher Julian Nida-Rümelin, ehemals Bundeskulturstaatsminister und an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität tätig, dass jeder Öffnungsschritt von Fernsehmoderatoren gleich als "falsches Signal" bezeichnet wird, ohne zu fragen, ob der jeweilige Schritt als solcher überhaupt Gefahren birgt oder nicht: "In der Pandemie-Krise fallen wir auf antikulturelle, Antibildungs-Reflexe zurück. Was schließen wir? Das, was am wenigsten weh tut: Schulen, Hochschulen, Kindergärten, Kunst, Kultur. Das ist, glaube ich, eine verheerende Botschaft gewesen, und ich hoffe, dass wir uns nach dem Ende der Pandemie-Krise davon wieder gründlich erholen, und uns allen klarmachen, ohne Kultur, ohne Kunst, ohne das Existentielle, was damit auch verbunden ist, ist alles andere nichts. Ich meine, die guten oder schlechten ökonomischen Werte sind ja weitgehend irrelevant, wenn sie nicht zu einem Leben, das lebenswert ist, beitragen, und das ist nun einmal gebunden an kulturelle Aktivitäten."

"Argumente haben es in aufgeheizter Atmosphäre schwer"

Die zunehmend verbissene, ideologische Debatte über die Corona-Politik, die kaum noch zugänglich sei für Fakten, schade nicht nur der Kultur und den Veranstaltern, so Nida-Rümelin. Er selbst sei Taucher und nehme das Risiko in Kauf, so der Philosoph, ein Beispiel für persönliche Gefahren-Abwägung. Rund 75.000 Patienten würden in Deutschland jährlich Opfer von Blutvergiftungen – viele ließen sich verhindern, aber darüber rede kein Mensch: "Man sieht ja, wie schwierig es ist, in dieser aufgeheizten Atmosphäre überhaupt Argumente vorzubringen. Wenn das nicht völlig ins Bild passt, geht es schon los und die Leute sind nicht bereit, sich auf solche Argumente überhaupt einzulassen, und trotzdem ist das dringend erforderlich. Wir haben wirklich kollektiv eine extrem irrationale Risikoabwägung."

Dieser Haltung schloss sich der prominente Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit weitgehend an: "Ich sehe mit Sorgen, wie sich unsere Gesellschaft in dieser Pandemie verändert hat, wie die Polarisierung zugenommen hat und ich hoffe, dass wir diesen kritischen Zustand bald überwinden und die Kultur hat natürlich dabei eine entscheidende Funktion, dass hoffentlich zu bewerkstelligen, dass wir da wieder besser zusammenkommen können und dass die vielen Narben, die entstanden sind, letztendlich wieder gut verheilen können."

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Bildrechte: Georg Wendt/Picture Alliance

Premiere-Glamour: Zwei Mal "Tina"

Mit Unwägbarkeiten werden die Kulturveranstalter und die Gesellschaft leben müssen. So ist die Frage, wie lange die Impfungen wirken, derzeit nicht abschließend zu beantworten. Schmidt-Chanasit wollte schon weit ausholen und diesbezüglich auf die Mutationen zu sprechen kommen, bezweifelte auch, ob in absehbarer Zeit wirklich eine "Herdenimmunität" herzustellen ist. Das sei aber für Öffnungsschritte auch gar nicht zwingend nötig, vielmehr müsse die Politik entscheiden, welches Risiko sie bereit sei, einzugehen: Da machten 0,1 Prozent oder 0,01 Prozent Ansteckungswahrscheinlichkeit eben einen Unterschied. Einige Stunden nach einem PCR-Test sei die Gefahr fast bei null, sich bei der getesteten Person im Theater oder Konzert anzustecken, das Risiko steige dann nach etwa 36 Stunden allmählich wieder an. Für Risikopatienten gelte: "Die Impfstoffe wirken sicher länger als ein Jahr und bieten einen guten Schutz vor Tod oder schwerer Erkrankung."

Ticketvermarkter spürt im Ausland bereits Marktbelebung

So, wie es aussieht, gibt es bei allen Bedenken ein großes Bedürfnis des Publikums nach Live-Kultur, konnte Alexander Ruoff vom Ticketvermarkter CTS Eventim aufgrund einer aktuellen Umfrage mitteilen. Neunzig Prozent der Befragten wollen demnach in den ersten sechs Monaten nach dem Wiederanfahren des Kulturlebens Karten kaufen, sechzig Prozent sogar sofort nach Vertriebsstart. Die Übrigen trauen den Hygienekonzepten nicht, wollen Menschenmengen vermeiden oder haben schlicht Angst, sich anzustecken. Dort, wo Live-Kultur jetzt schon wieder absehbar ist, etwa in Israel und Großbritannien, spürt CTS nach Angaben von Ruoff bereits wieder eine Marktbelebung: "In den betrachteten Ländern können wir bereits heute einen deutlichen Anstieg der Nachfrage nach Veranstaltungsangeboten verzeichnen, was belegt, dass viele Menschen unmittelbar ihrem Wunsch nach einer Rückkehr der Live-Veranstaltungen durch entsprechende Ticketkäufe umsetzen."

"Goldgräberstimmung in der Pandemie"?

Wann private Veranstalter tatsächlich wieder volle Säle bespielen können, diese Frage wurde auch diesmal nicht beantwortet. Allerdings war doch zu spüren, dass es ein großes Bedürfnis gibt, die Debatte in neue Bahnen zu lenken. So verwies Aerosol-Fachmann Christian Kähler fast schon sarkastisch auf die unterschiedliche Behandlung von Luftfahrtgesellschaften und Theatern, wenn es um Ansteckungsgefahren geht und sah in vielerlei Hinsicht einen aggressiven Lobbyismus am Werk: "In der Pandemie herrscht Goldgräberstimmung, da verdienen jetzt einige richtig viel Geld mit den verschiedenen Maßnahmen und natürlich haben wir eine sehr, sehr gute pharmazeutische Industrie, die beste Kontakte zur Politik hat. Und natürlich bekommen die alles kurzfristig umgesetzt, ohne dafür lange werben oder diskutieren zu müssen."

Das legt nahe, dass damit zu rechnen ist, dass im gebührenden Abstand nach der Pandemie noch so manche Entscheidung und wohl auch die Medienberichterstattung sehr kritisch hinterfragt werden wird, und zwar auch und gerade, was die drastischen Einschränkungen für die Kultur betrifft. Vielleicht ein Grund, doch jetzt schon weniger pauschal zu urteilen und die tatsächlichen Gefahren im Auge zu behalten.

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