BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Beirut: "Katastrophenporno" oder konstruktive Berichterstattung? | BR24

© dpa Bildfunk

Proteste nach der schweren Explosion in Beirut im Libanon.

8
Per Mail sharen

    Beirut: "Katastrophenporno" oder konstruktive Berichterstattung?

    Julia Neumann ist vor zwei Jahren nach Beirut gezogen, um als freie Journalistin Klischees abzubauen. Das Land soll nicht nur als Krisenregion wahrgenommen werden, sie berichtet über Kultur, Entwicklungshilfe, Erfolge. Und jetzt: die Katastrophe.

    8
    Per Mail sharen

    Am Dienstag erschütterte ein Explosion kaum vorstellbaren Ausmaßes die Hauptstadt des Libanon. Über 150 Menschen verloren ihr Leben. Tausende wurden verletzt, Hunderttausende verloren ihr Obdach. Die deutsche Journalistin Julia Neumann war vor Ort und spricht im Interview mit dem BR darüber, was sie erlebt hat und worauf es ihr bei ihrem Umgang mit der Katastrophe ankommt.

    Als wir Sie für dieses Interview angefragt haben, haben Sie sofort zugesagt, aber gleichzeitig auch Nachdenkliches durchblicken lassen, was Ihre Arbeit vor Ort angeht. Sie haben konkret von "Katastrophenporno" gesprochen. Was meinen Sie damit?

    Julia Neumann: Mit diesem Wort meine ich, dass diese Videos um die ganze Welt gegangen sind, vor allem von dieser großen, pilzförmigen Explosion, die das Land erschüttert hat. Dieser orangefarbene Rauch und dann eben die ganzen Bilder von zerstörten Häusern, Glasscherben auf den Straßen, Möbelstücken, die durch die Luft geflogen sind, von blutüberströmten Menschen.

    Die Menschen in Deutschland haben diese Bilder eher gesehen als ich, die ich hier vor Ort war und das Ganze erst einmal verarbeiten musste. Ich bin dann zuerst ins Krankenhaus gefahren um zu gucken, ob ich dort Blutspenden kann, weil dringend zu Blutspenden aufgerufen wurde.

    Und mit "Katastrophenporno" meine ich, dass die Leute ein gewisses Interesse, einen Drang haben, diese Bilder sehen zu wollen. Und gleichzeitig kam dann auch die Nachfrage aus den Redaktionen, dieses ganze Ausmaß der Katastrophe in Bildern festhalten zu wollen. Also, dass ich mich als Reporterin eben vor diese zerrütteten, zerstörten, eingefallenen Gebäude stelle, mit den Menschen vor Ort spreche, wie betroffen sie jetzt sind. Daran möchte ich Kritik üben. Und ich muss mich auch selbst als Journalistin fragen, was da meine Rolle ist, ob ich zu diesem Katastrophenporno - ich kann es nicht anders sagen –, zu dieser Clickbait-Maschine beitrage und was ich daran auch ändern kann.

    Viele Journalistinnen und Journalisten kommen in den Libanon, um über die vielen Krisen und Konflikte in der Region zu berichten: Hisbollah, Israel, Syrien. Aber Ihr Schwerpunkt ist ein anderer. Sie berichten über Street-Art, über Probleme in der Entwicklungshilfe oder Fridays for Future in Beirut. Würden Sie sagen, dass sich ihre Berichte jetzt auch unterscheiden von denen der Kolleginnen und Kollegen, die auf Krisen spezialisiert sind?

    Ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Ich bin nach Beirut und in den Libanon gekommen, um Stereotype abzubauen, um einen anti-rassistischen Journalismus zu betreiben. Um zu zeigen, dass diese Region mehr ist als Krisen und Konflikte und Katastrophen, die es natürlich durchaus gibt. Aber mein Ansatz ist es, konstruktiv und lösungsorientiert über Erlebnisse und Ereignisse zu berichten.

    Aber wenn jetzt so eine Katastrophe passiert, dann ist es nicht einfach, das alles persönlich emotional zu verarbeiten. Die Anfragen aus Deutschland kommen auch zu Recht, es gibt ja ein Interesse an Informationen und die möchte ich auch liefern. Da bin ich im Zwiespalt: Denn es ist jetzt nicht mehr so einfach, sich zurückzulehnen und Gedanken darüber zu machen, wie ich jetzt konstruktiv über die Situation berichten kann, was es eventuell an positiven Geschichten gibt. Aber ich versuche zumindest eine gewisse journalistische Ethik zu bewahren und auch immer wieder kritisch zu reflektieren, was ich in meiner Arbeit tue und wie ich es tue.

    Haben Sie ein Beispiel, wie Sie versucht haben, in den letzten Tagen konstruktiv über die Katastrophe zu berichten?

    Zunächst einmal habe ich versucht, die Menschen nicht als Opfer darzustellen. Ich habe viele Freundinnen und Bekannte, deren Wohnungen komplett zerstört sind. Ich habe diese Menschen nicht gefragt, ob sie mir noch einmal erklären, wie sie diese Situation erlebt haben, was genau passiert ist bei dieser Explosion, wie zerstört ihre Wohnung ist. Ich wollte die Menschen nicht noch einmal in dieses Trauma befördern.

    Ein anderes Beispiel ist eine Krankenpflegerin. Ich habe diese Frau erst einmal gefragt, wie es ihr geht, ob sie sich in einer guten Lage befindet und ob sie Zeit hat, mit mir zu sprechen. Denn ich möchte natürlich ihre wichtige Arbeit nicht behindern. Als sie dann zugesagt hat, haben wir natürlich auch darüber gesprochen, wie es ihr in der Nacht ging, in der sie in der Notaufnahme gearbeitet hatte und auch darüber, wie überwältigt sie von dieser Situation war.

    Ich hätte jetzt diese Zitate nehmen können, in der mir die Frau detailliert beschrieben hat, wie schrecklich das Ganze war, und hätte da aufhören können. Das fände ich einen sensationellen Journalismus, denen ich nicht machen möchte. Deshalb habe ich sie auch gefragt, wie es ihr jetzt geht, ob sie selbst Hilfe und mentale Unterstützung hat. Und dann hat sie mir erzählt, wie sie sich davor schützt, wie sie sich mental um sich kümmert, und hat auch gesagt, dass es in Ordnung ist, dass sie selbst Emotionen hat, die sie eigentlich am liebsten wegdrücken wollte.

    Und da finde ich, ist es dann nicht mehr meine Rolle, objektiv und neutral zu sein, sondern da ist es auch einfach menschlich, dieser Frau zu sagen, welch tolle Arbeit sie leistet und dass es ganz normal ist, auch Angstzustände zu bekommen oder einmal überfordert zu sein. Wir sind alle Menschen, wir haben alle Gefühle, ob wir helfen oder ob wir berichten.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!