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© Audio: BR / Foto: SF/Armin Smailovic
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100 Jahre Salzburger Festspiele – das bedeutet auch 100 Jahre Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ auf dem Salzburger Domplatz. Zum Jubiläum hat jetzt der Schweizer Regisseur Milo Rau mit einer Replik reagiert. Ihr Titel: "Everywoman".

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"Everywoman": Die Antwort auf den Salzburger "Jedermann"?

100 Jahre Salzburger Festspiele – das bedeutet auch 100 Jahre Hugo von Hofmannsthals "Jedermann". Zum Jubiläum hat jetzt der Schweizer Regisseur Milo Rau mit einer Replik reagiert. So war die Uraufführung von "Everywoman".

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Von
  • Sven Ricklefs

Nun konnte sie doch zu der Premiere kommen: diese Everywoman namens Helga Bedau, obwohl sie die Lebenserwartung ihrer Krebsdiagnose schon seit mehreren Monaten überschritten hat. Es ist berührend, wie sie da steht mit Hut und Maske und den Applaus zusammen mit der Schauspielerin Ursina Lardi entgegennimmt. Es ist berührend, weil es diese 71-Jährige ist, die im Mittelpunkt dieses Abends steht, mit ihrem Leben und mit ihrem bevorstehenden Sterben, das der fortgeschrittene Bauchspeicheldrüsenkrebs so unausweichlich macht. Es ist berührend, weil sie sich uns als Spiegelbild und Referenz, als Everywoman zur Verfügung gestellt hat. Weil wir in ihr tatsächlich die Einsamkeit des Sterbens erfühlen konnten und ihr und uns zugleich eine Gemeinsamkeit geschenkt haben.

Genderwechsel ohne identitätspolitische Botschaft

"Everywoman" haben Milo Rau und Ursina Lardi ihr Projekt genannt, dass natürlich als eine Art Antwort gedacht ist auf Salzburgs ultimatives Knitteldrama vom Sterben des reichen Mannes, den Blockbuster "Jedermann". Doch auch wenn nun mit Helga Bedau und Ursina Lardi zwei Frauen im Mittelpunkt stehen, so ist der Genderwechsel von Jedermann zu Everywoman in diesem Fall nicht wirklich als identitätspolitische Botschaft zu verstehen. Everywoman das kann jede und jeder von uns sein.

Everywoman als 68erin

In der Salzburger Uraufführungsinszenierung von Milo Rau ist diese Tafelgesellschaft auf einer Videoleinwand zu sehen. In ihrer Mitte: Everywoman in ihrem schönen hellgrünen Kleid. Und von dort herab wird sie ihre Dialoge führen mit der bühnenpräsenten Ursina Lardi, die sie all die letzten Fragen fragen wird, die sich im Angesicht des Todes stellen, die sie aber auch nach ihrem Leben fragt, nach dem: wie es – und was wichtig war. Und manchmal wird die Schauspielerin in Monologen auch den Part dieser Everywoman übernehmen, wird in die Erinnerungen hineinfühlen, in die Biographie einer lebensfrohen und politisch aktiven Frau, die 1968 nach Berlin ging und die dort noch immer lebt. Und sie wird die Hilflosigkeit formulieren, die die Unausweichlichkeit des Todes bedeutet.

Die Ungeheuerlichkeit des individuellen Todes

Während Hugo von Hofmannsthals Jedermann ja bekanntlich die letzte Ausfahrt Glaube nimmt und damit auf dem katholischen Erlösungsticket im Grunde den Tod vermeidet, konfrontiert das Stück "Everywoman" mit der Ungeheuerlichkeit, die der Tod für jeden Menschen eigentlich bedeutet. Dabei stellen Ursina Lardi und Milo Rau zugleich die berechtigte Frage, was im Angesicht dieser Ungeheuerlichkeit überhaupt verhandelt werden kann auf dem Theater. Und noch einmal darüber hinausgehend, was wir im Zeitalter von Klimawandel und Pandemie nicht noch alles verdrängen.

Und so wächst dieser so sensible und leise Abend, der uns auf so beeindruckende Weise mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert und dabei sein pathetisch auftrumpfendes Pendant "Jedermann" weit in den Schatten stellt, zugleich mit diesen letzten Fragen an sein eigenes Medium noch einmal über sich hinaus.

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