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So verschieden erscheint "Der Schlaf in Kunst und Literatur" | BR24

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Schlafender Satyr: Skulptur in der Münchner Glyptothek Eine Kritik des Buches "Der Schlaf in Kunst und Literatur“ von der ungarischen Germanistin Eva Kocziszky

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So verschieden erscheint "Der Schlaf in Kunst und Literatur"

Schlaf ist, das wussten schon die alten Griechen, der Bruder des Todes. Fasziniert und immer neu stellten Denker*innen und Künstler*innen diese "Pause des Lebens" dar. So nennt Eva Kocziszky den Schlaf und widmet ihm ein Buch.

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"Es ist möglich, dass die heutige Welt eine ohne Schlaf und ohne Wachen ist. Im Stehen schlafend, verschlafend wachend. Schlafwandlerisch und schläfrig. Eine Welt, der der Rhythmus genommen ist." Das schreibt der französische Philosoph Jean-Luc Nancy. Und die ungarische Germanistin Eva Kocziszky versammelt in ihrem Buch "Der Schlaf in Kunst und Literatur" Philosophen wie ihn, auch Literaten und bildende Künstler, kurz: Denker und Kulturschaffende, die sich dem Schlaf hingeben. Diesem geheimnisvollen Zustand, in den wir uns Abend für Abend hineinbegeben, ohne zu verstehen warum.

Der natürliche Rhythmus ist unserer Welt verloren gegangen

Aber was heißt es, wenn – wie Jean-Luc Nancy es schreibt – die heutige Welt "verschlafen wacht"? Kocziszky sagt: Unsere Lebensweise hat eine Konsequenz – der Versuch, immer erreichbar zu sein, die Sehnsucht, unentwegt produktiv zu sein, verträgt sich nicht mit dem natürlichen Rhythmus aus Schlafen und Wachen. Und wem der Schlaf verloren geht, der verliert auch den Scharfsinn, wie Eva Kocziszky erklärt: "Ohne Schlafen gibt es eigentlich kein Wachsein: Die Sinne, das Gehirn und überhaupt die intellektuelle Verarbeitung der Umgebung verliert an Wachsamkeit. Und das ist das Schlafwandlerische, denke ich."

Kocziszky folgt poetischen Positionen – denn natürlich waren Dichter immer schon fasziniert von dem geheimnisvollen Aspekt der Nacht, von der Frage zum Beispiel, ob das Wesen, das nachts schläft, dasselbe ist wie das, das am nächsten Morgen aufwacht? Natürlich lassen die Dichter ihre wachen Liebenden den schlafenden Geliebten beobachten.

Schlaf, politische Verantwortungslosigkeit?

Aber gerade für heutige Fragen ist die politische Dimension des Schlafs viel spannender: Kocziszky folgt modernen Philosophen, die den Schlaf als Sinnbild politischer Verantwortungslosigkeit verstehen: Wer kann schlafen, wenn er von Konzentrationslagern weiß? Wer will dem körperlichen Bedürfnis nach Ruhe nachkommen, wenn das heißt: sich der Verantwortung zu entziehen, auf ein Morgen zu verschieben, was keinen Aufschub duldet?

Man muss da an heutige Romane denken, an das "Archiv der verlorenen Kinder" von Valeria Luiselli zum Beispiel – die Protagonistin dokumentiert das Schicksal unbegleiteter Flüchtlingskinder, sie spürt eine politische Verantwortung, die sie Tag und Nacht fordert, überfordert – und kann nicht mehr schlafen. Aber Schlaf, weiß Eva Kocziszky, kann auch das Gegenteil sein. Nicht der verantwortungslose Rückzug ins Private, sondern: der letzte Akt politischen Widerstands.

Schlaf, ein letzter Akt politischen Widerstands?

In Diktaturen, in totalitären Diktaturen gebe es kaum einen Raum für ein wahres und verantwortungsvolles soziales Engagement, führt Kocziszky aus. In dieser Hinsicht sei der Schlaf eine Form der Resistenz. "Und diese Form der Resistenz hat insbesondere russische Dichter sehr fasziniert als eine Möglichkeit, aus falschen politischen Rollen herauszutreten. Und zu sagen: Nein, ich bin ein Schlafender, ich bin kein wacher Mensch, mich kann man in diese Dinge nicht hineinziehen."

Der Schlaf zeigt auch Grundsätzliches: In welche Richtung entwickelt sich eine Gesellschaft, welche Werte hält sie hoch? Ist Schlaflosigkeit – wie in der Romantik – Sinnbild für die Leidenschaft? Für die Liebe, die einen in Bewegung hält? Oder dient der Schlaf als Kriterium, das der Gesellschaft hilft, ihre Mitglieder zu kategorisieren – in produktive und unproduktive etwa. Es gibt heute einige Geschichten, die Schlafende vor allem als Faulpelze inszenieren, als – für den Kapitalismus – nur schwer zu ertragende Masse, die nicht ununterbrochen Wert generiert und trotzdem auf die eigene Würde pocht.

Der Schlaf hat heute keinen guten Ruf, glaubt Eva Kocziszky, und auch deshalb ist dieses Buch eine wertvolle Ausnahme: ein Buch, das nicht dem Traum, dem kreativen Moment des Schlafes gewidmet ist, sondern es wagt, auf dieses unheimliche Nichts zu schauen, das wir Schlaf nennen: "Ich denke" sagt Eva Kocziszky, "bis heute ist es Common Sense, dass eigentlich der Schlaf ein Nichts ist. Eine verlorene Zeit. Und deshalb soll man sich mit diesem Thema nicht beschäftigen, denn es ist ein Nichts, ein Loch, eine Pause im Leben."

Eva Kocziszky, "Der Schlaf in Kunst und Literatur" ist im Reimer Verlag erschienen.

© Reimer Verlag/ Montage BR

Cover: Eva Kocziszky: "Der Schlaf in Kunst und Literatur"

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