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Demonstrantin in Minsk

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    Eurovision-Wettbewerb: Belarus endgültig disqualifiziert

    Zunächst war ein regierungsfreundlicher Propaganda-Song der belarussischen Band Galasy ZMesta von den Veranstaltern zurückgewiesen worden, jetzt wurde entschieden: Belarus wird in diesem Jahr überhaupt nicht am Wettbewerb in Rotterdam teilnahmen.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Auch im zweiten Anlauf blitzte Belarus bei der European Broadcasting Union (EBU), die den Eurovision Song Contest organisiert, ab: Nachdem eine erste Version des Songs "Ich bringe dir bei, der Linie zu folgen" als zu politisch abgelehnt worden war, fiel jetzt auch eine neue Lied-Fassung durch, die den Titel "Kleines Lied" gehabt haben soll. In einer Stellungnahme der EBU hieß es, sie habe den Song "sorgsam geprüft", jedoch festgestellt, dass er ebenfalls den Regeln des Wettbewerbs widerspreche. Es geht vor allem darum, eine politische Instrumentierung zu verhindern und das Ansehen des Musikevents zu bewahren. Damit wird Belarus in diesem Jahr nicht in Rotterdam präsent sein.

    Es hätte auf jeden Fall mächtig Randale gegeben, wenn die Band Galasy ZMesta tatsächlich zum ESC-Finale nach Rotterdam gefahren wäre. Nicht wenige Fans des Wettbewerbs sahen im Beitrag "Ya nauchu tebya" eine Verhöhnung der Demokratie und der Demonstranten gegen Diktator Alexander Lukaschenko, heißt es im Text doch sinngemäß, es werde jemandem beigebracht, "nach der Melodie zu tanzen": "Ich werde dir beibringen, der Linie zu folgen. Du wirst zufrieden und mit allem glücklich sein." Die Band Galasy ZMesta, die vor zehn Jahren gegründet wurde, hat sich erklärtermaßen gegen die Demonstranten gestellt, was ihrem Song aus der Sicht von Kritikern eine deutlich politische Schlagseite gibt, auch, wenn er womöglich nur Satire ist.

    Klatschen mit bizarrer Botschaft

    Mit Comedy nämlich haben sich die fünf Band-Mitglieder Dmitry Batukov, Evgeny Kardash, Maksim Ponomarenko, Evgeny Artyukh und Irina Sorgovitskaya in ihrer Heimat Belarus einen Namen gemacht. Sie kommen aus der Stadt Baranawitschy im Westen des Landes und wurden mit Parodien anderer Bands bekannt. In Rotterdam wollten die Künstler auf Russisch singen. Der Midtempo-Rocksong gibt sich als Stimmungsmusik zum Mitklatschen - eine oberflächliche Ausgelassenheit mit bizarrer Botschaft. Seit Dienstag war der Beitrag nach Angaben des "Spiegel" auf der offiziellen YouTube-Seite des ESC zu hören – bei über einer halben Million Abrufen soll es 5800 Likes und 40.000 gesenkte Daumen gegeben haben. Inzwischen wurde der Song dort entfernt.

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    Bildrechte: Ulf Mauder/dpa-Bildfunk

    Polizeieinsatz gegen Demonstranten in Minsk

    Noch bevor der weißrussische Staatssender BTRC, wohl auf Druck der Behörden, sich für diesen ESC-Beitrag entschieden hatte, forderte die regierungskritische "Stiftung für kulturelle Solidarität" die European Broadcasting Union (EBU), die den Eurovision-Wettbewerb veranstaltet, dazu auf, Belarus nicht teilnehmen zu lassen. Organisatoren dieses Protests waren der Kulturmanager und Produzent Sergei Budkin und die Aktivistin Marina Shukurova, die die Stiftung gemeinsam leiten. Beide schrieben an die EBU einen Brief, wonach BTRC kein unabhängiger Sender, sondern ein Instrument des politischen Drucks und der Propaganda sei, die Gesellschaft spalte und den Hass schüre. Nicht zuletzt soll der Senderchef an der Fälschung der letzten Präsidentschaftswahlen beteiligt gewesen sein, jedenfalls steht sein Name auf der Sanktionsliste des Europarates.

    Sender BTRC: "Bei uns ist nichts kaputt"

    Mitte März hatte die europäische Rundfunkunion (EBU) tatsächlich entschieden, den Song "Ya nauchu tebya" zu disqualifizieren. In einer Mitteilung der EBU heißt es damals, sie habe den Inhalt sorgfältig geprüft und festgestellt, dass er die "nicht-politische Natur des ESC in Frage" stelle. Außerdem sei die Reputation des ESC in Gefahr gewesen, wäre die mit Lukaschenko sympathisierende Band damit aufgetreten. Das hätten "zahlreiche Reaktionen nach der Songveröffentlichung gezeigt". Weltweit hätten Fans die EBU aufgefordert, den Song zu disqualifizieren, weil sie in ihm eine Verhöhnung der laufenden Proteste und der Opposition in Belarus sehen. Die EBU hatte die belarussische Rundfunkanstalt BTRC informiert, dass sie eine neue Version des Titels oder einen neuen Song einreichen müsse.

    Verschärft wurde der Streit dadurch, dass der Vorjahresteilnehmer von Weißrussland, die Band VAL, nicht mehr zum Vorentscheid antreten durfte. Die Mitglieder Vladislav Pashkevich und Valerija Gribusova hatten sich auf die Seite der Demokratiebewegung gestellt. VAL hatten sich beklagt, dass man ihnen verboten habe, mit nicht genehmigten Medien zu sprechen. Zudem würde der Sender sie zwingen, bei Konzerten für den Staat aufzutreten. In einer Stellungnahme von BTRC hatte es martialisch geheißen: "Die Gruppe VAL wird nicht zum ESC 2021 fahren, und das nicht, weil bei BTRC etwas 'kaputt' ist oder weil die Zensur tobt, sondern weil die Künstler von VAL kein Gewissen haben."

    ESC-Zoff auch in Zypern

    Ärger gab es im Vorentscheid übrigens auch um den Song von Zypern. Das Lied "El Diablo" der griechischen Pop-Sängerin Elena Tsagrinou sei für Christen nicht hinnehmbar, hatte die orthodoxe Kirche mitgeteilt, es handle sich vielmehr um Gotteslästerung und Satanismus. Vor dem Gebäude des staatlichen Rundfunks in Nikosia hatte es nach der Nominierung Demonstrationen gegeben. Tsagrinous Lied sei eine «Hymne auf dunkle Mächte", hatten jugendlichen Demonstranten in einem Protestschreiben geschimpft. Es gab auch Festnahmen. Auf Youtube hat der Song bisher rund 16.000 positive Reaktionen, etwa 1.800 Fans waren damit nicht einverstanden.

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