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Europäische Kulturhauptstadt: Massive Kritik am Vergabeverfahren | BR24

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Jubel in Chemnitz: Feuerwerk nach Entscheidung

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Europäische Kulturhauptstadt: Massive Kritik am Vergabeverfahren

Machen immer dieselben Kulturmanager den prestigeträchtigen Titel einer Kulturhauptstadt unter sich aus? Nach Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" ist eine Debatte über mangelnde Transparenz und ein "Friends-and-Family-Netzwerk" entbrannt.

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Von
  • Peter Jungblut

Es geht um europaweites Ansehen und nicht zuletzt viel Geld: Seit 2009 werden jedes Jahr zwei Orte zu "Europäischen Kulturhauptstädten" gekürt und dürfen mit zahlungskräftigen Touristenströmen rechnen. Das Vergabeverfahren gerät aktuell jedoch massiv die Kritik: In einem Artikel der "Süddeutschen Zeitung" ist von "grotesken Interessenkonflikten" und "Filz" die Rede.

Am 28. Oktober war unter den deutschen Bewerberstädten für das Kulturhauptstadtjahr 2025 Chemnitz als Sieger der Jury-Entscheidung hervorgegangen, Nürnberg hatte neben Hildesheim, Hannover und Magdeburg das Nachsehen. Die Grundregeln, nach denen Kulturhauptstädte ausgewählt werden, sind einem Beschluss der Europäischen Union vom 14. April 2014 zu entnehmen. Mit der Umsetzung ist hierzulande die Kulturstiftung der Länder betraut.

SZ: Oftmals dieselben Berater bei Auswahlprozess

Der Autor des SZ-Artikels, der Wirtschaftskorrespondent Uwe Ritzer, recherchierte, dass oftmals immer dieselben Akteure den Auswahlprozess als "Berater" begleiten und damit quer über den Kontinent Geld verdienen. Gegenüber dem BR sagte Ritzer: "Das ist ein klassischer Filz, der in Teilen an Machenschaften beim IOC oder bei der FIFA [erinnert]. Es gibt Fälle, wo ein und derselbe Berater gleich für mehrere konkurrierende Städte arbeitet. Das ist ja ungefähr so, als würde ein Fußballtrainer mehrere Bundesligisten trainieren. In einem seriös geführten Wirtschaftsunternehmen würde die Compliance-Abteilung solche Zustände schnell beenden."

Sieht die Szene Interessenkonflikte "völlig schmerzfrei"?

Ritzer meint ein "Friends-and-Family-Netzwerk" aufgedeckt zu haben, das auf "ziemlich fragwürdige Weise" an den Entscheidungen über Kulturhauptstädte beteiligt sei, auch im Fall von Chemnitz: "Diese internationale Kulturhauptstadt-Szene ist in Sachen Interessenkonflikte völlig schmerzfrei, da herrscht null Problembewusstsein. Ich glaube, dass unterlegene Städte bislang deshalb nicht aufbegehrten, weil sie nicht als schlechte Verlierer dastehen wollen. In der jetzigen Form ist dieser Wettbewerb eine Farce."

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Bildrechte: Daniel Kamann/Picture Alliance

Kulturbürgermeisterin Julia Lehner ist zurückhaltend

Der bayerische Kunstminister Bernd Sibler, derzeit Vorsitzender der Kultusministerkonferenz (KMK), sagte zu den Vorwürfen: "Die Auswahl der Jurymitglieder für die Auswahl der Kulturhauptstadt liegt im Verantwortungsbereich der Europäischen Kommission. Ich habe hier keinen Einblick, daher kann ich das Verfahren nicht bewerten. Ich muss also darauf vertrauen, dass die Auswahl fair und gerecht getroffen wurde, denn das haben alle Bewerberstädte verdient."

Sibler: Auswahlverfahren wurde transparent begleitet

Das nationale Auswahlverfahren zur Kulturhauptstadt Europas 2025 orientiere sich am für alle EU-Mitgliedstaaten gleichermaßen geltenden EU-Regelwerk. Mit der Organisation des Wettbewerbsverfahrens in Deutschland habe die Kultusministerkonferenz die Kulturstiftung der Länder als sogenannte "Managing Authority" beauftragt, die das mehrjährige, zweistufige Auswahlverfahren in "transparenter Weise" begleitet habe. Dazu habe auch die Durchführung von mehreren thematischen Workshops gezählt, die "allen potenziellen Bewerberstädten zur Teilnahme offenstanden".

Die zwölfköpfige europäische Auswahljury setze sich aus zehn Persönlichkeiten zusammen, die von den EU-Organen ernannt wurden (Europäisches Parlament, Rat, Kommission und Ausschuss der Regionen), so der Minister.

Darüber hinaus seien zwei Experten durch nationale Stellen entsandt worden: "Alle Experten haben zu Beginn ihrer Jury-Tätigkeit ein 'Statement for Non-Conflict of Interest' unterzeichnet. Die zehn europäischen Jurymitglieder sind nicht nur mit dem deutschen Wettbewerb, sondern auch mit weiteren, aktuell laufenden Auswahlverfahren in anderen EU-Mitgliedstaaten befasst."

"Wir können es ja nicht ändern"

Die Nürnberger Kulturbürgermeisterin Julia Lehner hielt sich mit ihrer Einschätzung gegenüber dem BR zurück. Sie merkte lediglich vorsichtig an, der Artikel der SZ werfe "große Fragen" auf und sei ein Grund, bei den Entscheidungsgremien nachzufragen: "Wir sind hier unseren sehr eigenen Weg gegangen, eigentlich so, wie es den Vorschriften entspricht."

Den Einwand, Nürnberg stehe als "schlechter Verlierer" da, wenn es Nachforschungen zum Vergabeverfahren anstelle, lässt Lehner, die Ministerpräsident Markus Söder seit diesem Jahr als persönliche Beraterin in Kulturangelegenheiten verpflichtet hat, nicht gelten: "Man muss sich fragen was ist ein guter und was ist ein schlechter Verlierer. Wir müssen das Ergebnis zur Kenntnis nehmen, das tun wir auch, wir können es ja nicht ändern."

"Ja, wir haben gewonnen"

Ein Sprecher der Stadt Chemnitz sagte dem BR, jede Stadt, die am Vergabeverfahren für 2025 teilgenommen habe, habe die Möglichkeit gehabt, Berater zu beschäftigen. Der von Uwe Ritzer in der SZ erwähnte und bestens vernetzte Mattijs Maussen, der an vielen erfolgreichen Bewerbungen beteiligt war, sei von Januar bis Oktober beschäftigt worden.

Darüberhinaus will sich Chemnitz zum "Filz"-Vorwurf nicht weiter äußern. Von Insidern hieß es lediglich: "Ja, wir haben gewonnen und wir schämen uns dafür nicht". Im Übrigen habe Nürnberg "deutlich mehr Geld" für seine Bewerbung ausgegeben als Chemnitz. Hinter den Kulissen wird gemutmaßt, dass die neueste Kritik am Vergabeverfahren auch mit den hohen Kosten zu tun hat, für die sich speziell die unterlegenen Städte rechtfertigen müssten.

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Chemnitz jubelt: Sekunde der Entscheidung

Maussen arbeitet als "strategischer Berater für Europäische Kulturhauptstädte" von Prag aus und wirbt auf seinem Linkedin-Profil mit dem Satz: "Ich schaffe, unterhalte und profitiere von einem Netzwerk aus miteinander verbundenen Denkern in der europäischen Politik-Arena auf dem Gebiet der Kultur, Bildung und städtischen Entwicklung."

Dass er bereits zahlreiche Städte erfolgreich beraten hat, war nie ein Geheimnis und das Hauptargument von Chemnitz, ihn anzuheuern. Julia Lehner hatte der SZ gesagt, auch sie habe Kontakt mit Maussen gehabt, ihm aber keinen Vertrag angeboten.

Kriterien der Jury im Netz

Reformbedarf beim Vergabeverfahren sieht allerdings auch der österreichische Kulturmanager Gottfried Wagner, der Nürnberg beraten hatte. Er war selbst in früheren Jahren Jury-Mitglied und wurde in den "Nürnberger Nachrichten" mit dem Satz zitiert: "Es braucht eine inhaltliche Erneuerung, mehr Transparenz, mehr Qualitätskontrolle. Und vielleicht ganz neue Formate. Das Votum ist für mich nicht nachvollziehbar. Ich glaube, dass es schon vor der Entscheidung in der Jury eine Sympathie für den Underdog aus Ostdeutschland gab."

Welche Kriterien bei der Auswahl der Europäischen Kulturhauptstadt 2025 den Ausschlag gaben, hat die Jury übrigens öffentlich gemacht. Nürnberg wurde im abschließenden Report wegen zu wenig konkreter Pläne herbe kritisiert, auf "nordbayern.de" war sogar von einer "vernichtenden" Kritik die Rede.

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Geht bei der Wahl zur Europäischen Kulturhauptstadt alles mit rechten Dingen zu? Nach Recherche der Süddeutschen Zeitung gibt es ein "internationales Friends-and-Family-Netzwerk", das am Bewerbungsverfahren verdient.

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