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"Europa gegen die Juden": Das neue Buch von Götz Aly | BR24

© S. Fischer Verlage

Götz Aly Europa gegen die Juden

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    "Europa gegen die Juden": Das neue Buch von Götz Aly

    Antisemitismus war kein deutsches Phänomen, sondern wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts europaweit mit der sozialen Frage verknüpft: Reiche Juden gegen die Armut des eigenen Volkes. Das begünstigte die Kollaboration, so Aly. Von Niels Beintker

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    Es ist eine fatale und ebenso schreckliche Behauptung: Die Juden seien eine Gefahr für die Gesellschaft. Aber sie ist keine ausschließlich deutsche Erfindung. Man kann diese und ähnliche Formulierungen lange vor dem Beginn der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik finden, überall in Europa. Roman Dmowski etwa, einer der Gründerväter des unabhängigen polnischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg – und im heutigen Polen als Nationalheld verehrt – schwadronierte in seinen perfiden Schriften unablässig über die – Zitat – "Befreiung von jüdischen Einflüssen". Der Antisemitismus war kein Minderheiten-, sondern ein Massenphänomen. Er wurde von den gesellschaftlichen Eliten getragen, wie Götz Aly immer wieder zeigt.

    "Das war populär. Und die Politiker haben gewusst, wenn sie die ‚Judenfrage‘ mit ins Programm aufnehmen – und zwar verbunden mit sozialen Fragen der Gegenwart – dass das erfolgreich ist." Götz Aly

    Die Geschichte des modernen Antisemitismus im gesamten Europa ist in ihren Grundzügen gut dokumentiert worden, zumal nach 1989. Dennoch ist die Vielzahl der Beispiele, die Götz Aly versammelt, zutiefst verstörend – zumal in einer Zeit, in der antijüdische Hassparolen wieder zirkulieren, in der es Bombendrohungen gegen jüdische Einrichtungen gibt und Friedhöfe – darunter in den USA – geschändet werden. Götz Aly schreibt mit seinem neuen Buch die eigenen, jahrelangen Forschungen zum Holocaust fort. Die Tatherrschaft der Deutschen steht im Zentrum dieser Geschichte.

    Alys Buch soll zur Diskussion anregen

    Götz Aly zeigt, wie die diskriminierende Politik gegenüber den Juden zur Grundlage werden konnte für die spätere Kollaboration mit den Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Am Ende des Buches "Europa gegen die Juden" steht keine These, wohl aber die Anregung einer wichtigen Diskussion. Götz Aly sieht einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Tiefpunkt des 20. Jahrhunderts, dem Holocaust, und der größten zivilisatorischen Leistung dieser unheilvollen Epoche: dem massenhaften sozialen Aufstieg. Eine eingehende Debatte über diese große Ambivalenz der Moderne wäre unbedingt zu begrüßen.

    Götz Aly. Europa gegen die Juden. 1880 – 1945. S. Fischer Verlag, 431 S. 26 Euro.

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    Autor
    • Katharina Altemeier
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