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Traditionell-religiöse Frau trifft auf säkulare Großstadtpsychologin: nur eine der vielen Begegnungen, die Berkun Oyas "Ethos" zu einer höchst sehenswerten Serie machen.

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"Ethos" und "50M2": So angesagt sind türkische Netflix-Serien

Türkische Netflix-Serien liegen im Trend: Während sich "50M2" schnell als oberflächlich und vorhersehbar erweist, bietet "Ethos" einen Querschnitt der türkischen Gesellschaft – und legt den Finger in jede der offenen Wunden des zerrissenen Landes.

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Von
  • Moritz Holfelder

Ein Mann läuft nachts durch die Altstadt Istanbuls. Offenbar wird er verfolgt. In einer Sackgasse steckt er fest – und sein Jäger steht plötzlich vor ihm. So beginnt "50M2" – und schon da ahnt man, dass die Serie nach einem formalen Baukastensystem konstruiert ist. Kameraführung und musikalische Untermalung funktionieren anfangs nach den Mustern des Thrillers: Schnelle Schnitte. Der rasche Wechsel von Nahaufnahmen und Halbtotalen. Von Licht und Schatten. Danach folgt eine Dialogszene, die ein anderes Thema aufmacht – nun geht es um Herkunft und Familie.

Der mysteriöse Auftragskiller Gölge ist als Waise aufgewachsen und möchte endlich wissen, wer seine Eltern waren, deren Namen er nicht mal kennt. Nur ein altes Foto besitzt er. Als kleines Kind hat ihn ein mafiöser Unternehmer gefunden und aufgezogen. Der Mann, für den er jetzt die Drecksarbeit verrichtet, ist sein Ersatzvater. Zwischen den beiden kommt es zum Bruch. Gölge muss untertauchen – und da will es der Zufall, dass er für den Sohn eines kürzlich verstorbenen Schneiders im Viertel Güzelce gehalten wird.

Mordender Waisenknabe mit schrulligen Nachbarn

Gölge erbt die 50 Quadratmeter große Schneiderei und findet dort Zuflucht. Die Serie wird nun zu einer leicht nostalgischen Nachbarschafts-Komödie mit netten schrulligen Charakteren. In der Folge mischen sich diese unterschiedlichen Elemente munter weiter – "50M2" will es vielen denkbaren Zielgruppen Recht machen. Ein bisschen Thriller, ein bisschen Gentrifizierung, auch ein bisschen Politik – und dazu die tragische Familiengeschichte. Die stilistischen Versatzstücke und die arg vorhersehbare Handlung enttäuschen.

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Erschießt Leute und sucht seine Eltern: Gölge, der Mann aus der Schneiderei

Dagegen ist die achtteilige Serie "Acht Menschen in Istanbul" sensationell – im Netflix-Angebot heißt sie "Ethos". Ausgehend von der Putzfrau Meryem, die unter Ohnmachtsanfällen leidet und deshalb zu einer Psychologin geschickt wird, eröffnet uns Drehbuchautor und Regisseur Berkun Oya ein breites Spektrum der türkischen Gesellschaft quer durch alle sozialen und kulturellen Schichten. Auch hier geht es um viele Themen – um Religion und Islamophobie, um Moderne und Tradition, um die Schere zwischen Arm und Reich, um Sex und Einsamkeit, Kurden und Zensur, um gefühlt konträre Planeten, auf denen Menschen leben.

Oya schafft es, durch lange Dialoge und eine nüchterne, bisweilen fast schon dokumentarische Art der Inszenierung die verwirrende Vielschichtigkeit einer Gesellschaft darzustellen. Die säkulare Psychologin Peri muss in den Therapiesitzungen ihren Widerwillen gegenüber einer Kopftuchträgerin wie Meryem unterdrücken – und die Putzfrau, der die Methoden der Psychoanalyse vollkommen fremd sind, meint, sie müsse erst den Imam in ihrem Dorf fragen, ob sie weiter zur Therapie kommen dürfe.

Ist die Serie ein Angriff auf den Islam?

Weil der Regisseur allen gesellschaftlichen Seiten den Spiegel vorhält, ohne selbst moralisch zu urteilen, wird seine Serie in den sozialen Medien ungemein lebhaft diskutiert. Die einen, eher aufklärerischen Zuschauer, werfen "Acht Menschen in Istanbul" vor, dort würden die Ungläubigen verspottet – und die anderen, eher traditionellen Beobachter, sehen einen niederträchtigen Angriff auf die Werte des Islam.

Die erste Staffel ist ein Publikumshit, weil mit großartigen Schauspielern die Zerrissenheit der türkischen Gesellschaft beeindruckend nachvollziehbar abgebildet wird. Keine offene Wunde, in die man den Finger legen könnte, wird ausgelassen. Stilistisch eher für ein Arthauspublikum gemacht, elektrisiert die Serie im Moment den gesamten Orient. Auch in Ägypten, Jordanien, Katar, Libanon, Marokko, Oman und Saudi-Arabien gehört "Acht Menschen in Istanbul" zu den Netflix-Top-10.

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Die gesamte Bandbreite der türkischen Gesellschaft: Standbild aus der Serie "Bir Başkadır", in Deutschland zu sehen unter dem Titel "Ethos"

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