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"Wehrhafte Lyrik" hilft, Fremdheit zu üben | BR24

© Audio: BR / Bild: Gunter Glücklich

Ein Gespräch mit dem Berliner Essayisten und Lyriker Max Czollek über "wehrhafte Lyrik" und den jüdischen Dichter Hirsch Glik.

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"Wehrhafte Lyrik" hilft, Fremdheit zu üben

Der Dichter und Essayist Max Czollek wehrt sich gegen die Vereinnahmung von jüdischen Gedichten durch eine post-nationalsozialistische Romantik. Er kämpt für eine "wehrhafte Poesie" - am Beispiel des jüdischen Dichters und Partisanen Hirsch Glik.

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Von
  • Judith Heitkamp

In der Reihe "Zwiesprachen" des Lyrikkabinetts in München werden Dichter oder eine Dichterinnen eingeladen, in Zwiesprache zu treten mit einer Stimme aus dem großen Universum der Lyrik, über geographische und zeitliche Trennungen hinweg. Der Berliner Essayist und Lyriker Max Czollek hat sich den jüdischen Dichter Hirsch Glik ausgesucht. Sein Vortrag ist unter dichterlesen.net zu finden. Judith Heitkamp hat mit Max Czollek über Hirsch Glik und das Konzept "wehrhafter Lyrik" gesprochen.

Judith Heitkamp: Wer war Hirsch Glik?

Max Czollek: Hirsch Glik war ein jiddischer Autor, der in Wilna geboren wurde, in den 20er-Jahren, der im Ghetto Wilna eingeschlossen wurde und Gedichte geschrieben hat. Gleichzeitig war er Partisan und Teil der FPO, der "Fareinikte Partisaner Organisatzije", die in Wilna gegründet wurde, der ersten jüdischen Partisanen-Organisation. 1944 wurde er im Hochwald in Estland von Nazis erschossen.

War das ein Autor, der in Ihrem Leben eine Rolle gespielt hat?

Ja, tatsächlich bin ich zu den Liedern und vertonten Gedichten von Hirsch Glik in den Schlaf gesungen worden. Mich verbindet eine lange Geschichte mit Hirsch Glik, seit ich denken kann.

Sie sehen Hirsch Glik als Vertreter 'wehrhafter Poesie'. Was verstehen Sie unter diesem Begriff?

Der Begriff 'wehrhafte Poesie' ist einer, den ich gerade gemeinsam mit Jo Frank entwickle, meinem Lyrik-Verleger. Er ist entstanden aus dem Eindruck heraus, dass sich in den letzten Jahren der Druck auf die Kulturproduktion im Allgemeinen und auf Lyrik im Besonderen erhöht hat, durch rechte Parteien, durch verstärkte Diskussionen über Kultur und ihre Grenzen. Wehrhafte Poesie ist der Versuch, sich ein anderes Archiv zu erschließen. Ich würde behaupten, dass die Geschichte voll ist mit Beispielen von Lyrik, die auf unterschiedliche Weise wehrhaft war: weil sie verbunden war mit einem politischen oder realen Kampf, aber auch, weil sie sich einer bestimmten Aneignung entzieht. Weil sie widerständig ist in ihrer Form und in ihrer Struktur.

Hirsch Glik kämpfte einen sehr realen und fast aussichtslosen Kampf, soweit die eine Seite. Wie ist es mit der Aneignung? Seine Lieder wurden später wiederentdeckt, in der Zeit, als alle sich für Klezmer-Musik begeisterten. Das finden Sie zwiespältig - warum?

Genau. Zwiespältig und Zwiesprachen - Eine Frage, die ich mir gestellt habe: wird eine Person, mit der ich in einen Dialog trete, die aber so weit von mir entfernt ist wie Hirsch Glik, sowohl zeitlich als auch vom Ort her - wird so eine Person nicht viel besser erfasst, wenn ich sie nicht im Rahmen von Klezmer-Romantik verstehe als "das, was wir verloren haben" - sondern in ihrer Differenz? In der Art und Weise, wie sie mir fremd bleibt? Diese Widerständigkeit jüdischer Literatur im Allgemeinen, und von Autoren wie Hirsch Glik, Nelly Sachs oder Paul Celan im Besonderen, scheint mir zentral zu sein. Wehrhafte Poesie widersteht einer Aneignung durch eine post-nationalsozialistische Romantik - zum Beispiel Romantisierung Osteuropas oder jüdischen Lebens in Osteuropa.

© Hanser Verlag

Buchumschlag zu Max Czolleks Buch "Gegenwartsbewältigung", erscheint im August im Hanser-Verlag.

Also führt Hirsch Glik uns zum Umgang mit jüdischer Lyrik in der Nachkriegszeit und der Bundesrepublik überhaupt.

Hirsch Glik ist ein Beispiel, aber vielleicht nicht das Beste oder Brisanteste. Wenn wir uns eine Autorin wie Nelly Sachs anschauen, dann sehen wir ganz deutlich, wie Nelly Sachs nach dem Zweiten Weltkrieg zur Stimme einer versöhnlichen Perspektive von jüdischer Seite gemacht wird. Und damit positioniert wird gegen die Position etwa von Theodor W. Adorno, der sagt, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei barbarisch. Dagegen schreibt Hans Magnus Enzensberger in den 50er-Jahren eine Rezension, nach der die Lyrik von Nelly Sachs beweise, dass man nach den Nazis Gedichte schreiben könne. In ihrer Lyrik findet sich kein Wort des Hasses - und damit, sozusagen, läuft das ganze auf Versöhnung hinaus. Dabei ist dieser Topos der Versöhnung, so möchte ich behaupten, ganz und gar nicht das, was Nelly Sachs im Kopf hatte, als sie Gedichte schrieb. Sie selbst sagte an unterschiedlichen Stellen, es sei ihr darum gegangen, irgendwie einen Überlebensmodus zu finden, obwohl ihre Freunde, ihre jüdischen Mitmenschen gerade umgebracht wurden. Wichtig ist, diese Differenz stark zu machen. Das würde ich unter wehrhafter Lyrik verstehen, besonders in Bezug auf jüdische Texte. Klar zu sagen, dass es eine Tendenz der Aneignung jüdischer Literatur nach 1945 gibt, im Sinne eines deutschen Begehrens nach Entlastung und Normalisierung.

Dennoch ist es ein Charakteristikum von Lyrik, dass sie bei jedem auf einen individuellen Resonanzraum stößt…?

Ich glaube, dass das so nicht ganz richtig ist. Wir sind beeinflusst durch eine vielleicht von Roland Barthes stammende Vorstellung von der Autonomie der Interpretation. Ich würde argumentieren, dass diese Interpretation ganz und gar nicht so autonom ist. Sondern dass sie stark auf bestimmte Strukturen der Interpretation zurückgreift, darunter die, dass Autorinnen und Autoren, die unter anderem auch jüdisch sind, vor allem über die Kategorie ihrer Jüdischkeit wahrgenommen werden. Wehrhafte Poesie ist in diesem Sinne auch eine Lektüre-Strategie. Sie sucht den Text an den Stellen auf, wo er fremd bleibt, wo er nicht das ist, was ich erwarte. Und Hirsch Glik ist ein Autor, der in der Verbindung von Schreiben und politischem Kampf ein Beispiel widerständiger Lyrik darstellt.

Das könnte man vielleicht Einübung in Fremdheit nennen?

Ja, vielleicht Übung in Fremdheit. Man könnte auch sagen, es ist eine praktische Übung in Nicht-Wissen.

Sie haben, Max Czollek, vor zwei Jahren den viel gelesenen Essay "Desintegriert Euch!" verfasst. Jetzt im August wird ein Anschlusstext folgen unter dem Titel "Gegenwartsbewältigung". Die These ist, dass die bundesrepublikanische Vorstellung von Integration zu sehr die Dominanz einer bestimmten Kultur aufrechterhält. Ist Hirsch Glik für Sie bei diesem Thema auch ein Zwiesprache-Gegenüber?

Absolut. Das ist einer der Gründe, warum ich Hirsch Glik für die Zwiesprache ausgewählt habe. Sicher auch, weil er nicht Teil eines lyrischen Kanons ist - wenn überhaupt, ist er Teil eines Klezmer-Gedächtnistheaters. Die Suche, auf die ich mich bei "Gegenwartsbewältigung" begebe, ist die nach Positionen, an denen Minderheiten anders bleiben. Ich glaube, dass wir darüber viel näher an das herankommen, was Kultur und Gegenwart heute bedeuten, nämlich eine Praxis der radikalen Vielfalt. Und nicht eine Praxis der Leitkultur.

"Gegenwartsbewältigung" von Max Czollek erscheint am 17. August im Carl Hanser Verlag.

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