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Andrzej Stasiuk

    "Es wird schlimmer werden": Autoren tadeln EU-Migrationspolitik

    Mehrere osteuropäische Schriftsteller zeigen sich entsetzt über den Umgang mit Flüchtlingen an der Grenze zwischen Polen und Belarus. Ihr düsteren Befürchtungen reichen vom Zerfall Europas über die Stärkung von Diktatoren bis zur Kriegsangst.

    Von
    Peter JungblutPeter Jungblut

    "Wer weiß, ob die Zukunft Europas ein Krieg ist, in dem sich alles ändert", gab sich der polnische Autor Andrzej Stasiuk (61) angesichts der Geschehnisse an der polnischen Grenze und zahlreicher autoritärer Regime zutiefst fatalistisch. Europa sei "erschöpft und ideenlos". Und auch der ungarische Kollege László Földenyi (69) fürchtet "gefährliche Spannungen und soziale Katastrophen".

    Die spanische Zeitung "El Pais" hat sich die Mühe gemacht, einige prominente osteuropäische Autoren nach ihrer Meinung zum aktuellen Geschehen an der polnisch-belarussischen Grenze zu fragen.

    An der dortigen EU-Außengrenze hatten sich mehrere hundert Migranten versammelt, die von polnischen Sicherheitskräften teilweise gewaltsam zurückgedrängt wurden. Die Flüchtlinge mussten unter freiem Himmel oder in notdürftigsten Unterkünften ausharren. Einige wurden mittlerweile in den Irak ausgeflogen.

    Die Erpressung der EU

    Die Schriftstellerin Dorota Masłowska (38) berichtete von Bekannten in der Grenzregion, die bereits im vergangenen Sommer im Wald immer wieder ausgehungerte und kranke Migranten versorgt hätten.

    "Unsere zynische und populistische Regierung, die sich so sehr auf die Propaganda christlicher Werte beruft, ist gescheitert", so die Polin: "Sie drängen die Flüchtlinge zurück, obwohl es viele Aktivisten und Freiwillige gibt, die versuchen zu helfen. Angesichts einer Regierung, die sich weigert zu helfen und ihnen keine Überlebenschance lässt, fühlen wir uns alle schuldig. Und das sind wir wahrscheinlich auch."

    Die tschechische Autorin Monika Zgustova (64) zeigt sich ebenfalls tief pessimistisch: "Ich mache mir keine Illusionen: Diese Krise oder dieser hybride Krieg wird sich hinziehen und noch schlimmer werden."

    Der türkische Präsident Erdogan habe mit Hilfe von Flüchtlingsbewegungen mit der Erpressung der EU begonnen, Lukaschenko und Putin hätten die Idee dankbar aufgegriffen.

    "Es gab 2015 einen Testlauf"

    Die finnische Autorin Sofi Oksanen (44) erinnerte daran, dass Russland bereits 2015 Flüchtlinge an die EU-Außengrenze in Nordnorwegen gebracht hatte. Das sei eine Art "Testlauf" gewesen, um die Reaktionen der örtlichen Bevölkerung und der EU-Politiker zu prüfen.

    "Wenn wir damals anders reagiert hätten", so die Autorin "wären wir heute nicht in dieser Situation." Nur sei das Ergebnis gewesen, "dass der belarussische Diktator heute Litauen für die Aufnahme seiner Gegner bestraft und Russland europäische Werte untergräbt, indem es die Handlungsunfähigkeit der EU aufdeckt. Damit senden diese Länder eine ganz klare Botschaft: Schaut euch Europa und die EU an, sie sind keine bessere Alternative."

    Biermann würdigt Maria Kolesnikowa

    Unterdessen kündigte der Liedermacher Wolf Biermann (84) an, den an ihn verliehenen Ovid-Preis des deutschen Exil-PEN "im Handumdrehen" an die belarussische Oppositionelle Maria Kolesnikowa weiterzugeben: "Seit das Volk in Belarus endlich auf die Straßen ging, gegen Wladimir Putins Kanaille, den Diktator Alexander Lukaschenko, wurde Maria Kolesnikowa eine Ikone des zivilen und friedlichen Widerstands", so Biermann. Die Autorin war Anfang September in Minsk zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Tatvorwurf: "Illegale Machtergreifung".

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