BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© DOV
Bildrechte: DOV

Streikbereit: Orchester in Bad Kissingen

Per Mail sharen

    "Es ist Wahnsinn": Streit um Orchester Bad Kissingen eskaliert

    Zoff um Arbeitszeiten, Arbeitsbelastung und mangelnde Wertschätzung: Im Staatsbad Bad Kissingen wollen die Musiker einen Tarifvertrag erstreiten, doch die Arbeitgeber beharren auf "individuellen Gesprächen". Ein Streik ist nicht ausgeschlossen.

    Per Mail sharen
    Von
    • Peter Jungblut

    Mangelnde Wertschätzung, zu hohe Arbeitsbelastung, kein Tarifvertrag, willkürliche Entlassungen ohne Begründung: Die Vorwürfe gegen die Stadt Bad Kissingen und die dortige Staatsbad Gmbh wiegen schwer, die Orchestermusiker und die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) erheben. "Es gab bisher null Entgegenkommen", so Intendant Burkhard Tölke gegenüber dem BR. "Nach außen hieß es, es werde mehr Geld und weniger Arbeitszeit geben, faktisch wäre es aber so, dass wir dieselbe Arbeit in weniger Stunden schaffen sollen. Das ist für uns nicht machbar." 13 Mal pro Woche müsse das Kissinger Kurorchester spielen, darunter an allen Feiertagen außer Karfreitag, was ein "Wahnsinn" sei. Für den kommenden Sonntagnachmittag kündigte Tölke eine öffentliche Solidaritätsaktion im Zentrum von Bad Kissingen an, deren Details demnächst bekannt gegeben würden.

    "Es geht der Stadt nur um Berieselung"

    "Unsere Arbeit ist ziemlich schwer, und ich habe gemerkt, wenn man hier zwei, drei Jahre spielt, hat man Berufskrankheiten, die man anderswo vielleicht nach 25 Jahren haben könnte. Es muss sich was ändern, damit wir das gesundheitlich durchhalten", so Tölke. "Es geht der Stadt nicht um musikalische Qualität, es geht ihr um Berieselung, und das möglichst oft und möglichst viel für die Gäste. Und die kommen vor allem wegen des Orchesters, vor allem diejenigen, die mehrmals im Jahr anreisen. Aber das sieht die Stadt nicht. Manche derjenigen, die über uns entscheiden, waren die letzten drei Jahre noch nie in einem Konzert." Bei seiner Einstellung sei dagegen noch die Rede davon gewesen, das Kurorchester bis 2024 auf ein "Spitzenniveau" zu heben.

    Zwei Musiker seien während der Probezeit ohne Angaben von Gründen entlassen worden, obwohl er ihnen "tadellose" Fähigkeiten bescheinigt habe, so Tölke. "Das war für uns auch mental entsetzlich, denn wir sind insgesamt nur 13 Kolleginnen und Kollegen, das ist wie bei einer Familie." Eine der Stellen sei derzeit unbesetzt.

    "Wir werden streiken, wenn es nötig ist"

    Früher seien in Krankheitsfällen Aushilfen geholt worden, auch das sei erheblich erschwert, wegen bürokratischer Hemmnisse, vor allem wegen der vertraglichen Anforderungen: "Wir wissen nicht, ob sie die auf die Bühne lassen." Im Übrigen seien die Musiker hochqualifiziert: "Eine Krankenschwester verdient ja auch nicht dasselbe wie ein Arzt." Von einem Arbeitsausstand ist bisher nicht die Rede, ausschließen will ihn Tölke jedoch nicht: "Es ist natürlich eine Option, auch, wenn wir das nicht wollen, weil die Gäste für uns zahlen und extra wegen uns kommen. Die wollen wir nicht vergraulen. Aber wir werden streiken, wenn es notwendig ist." Unterdessen sei eine "Arbeitsgemeinschaft" mit den Arbeitgebern vereinbart worden.

    © Karl-Josef Hildenbrand/dpa-Bildfunk
    Bildrechte: Karl-Josef Hildenbrand/dpa-Bildfunk

    Geigenspieler in Bad Kissingen

    Die Sprecherin der Kissinger Staatsbad GmbH, Ines Hartmann, bestätigte dies dem BR: "Die Arbeitsgemeinschaft trifft sich und wird darüber beraten, wie die Kurkonzerte noch mitarbeiterfreundlicher, gästeorientierter und innovativer gestaltet werden können." So sei es am 27. September mit allen Beteiligten, darunter der Oberbürgermeister, die Bürgermeister und Vertreter der Stadtratsfraktionen, vereinbart worden. Sobald es Ergebnisse gebe, würden die auch öffentlich gemacht. Im Übrigen beharrten die Stadt Bad Kissingen und die Staatsbad GmbH auf ihrem bekannten Standpunkt, "individuelle Gespräche" mit den einzelnen Musikern zu führen und keinen Tarifvertrag anzustreben. Was die beiden Entlassungen im Kurorchester betreffe, äußerten sich die Arbeitgeber nicht, weil sie grundsätzlich nicht öffentlich zu Personalangelegenheiten Stellung nähmen.

    Arbeitgeber: "Individuelle und konstruktive Gespräche"

    In einer schriftlichen Äußerung seitens der Stadt Bad Kissingen ist zu lesen: "Der aktuelle Stand in Bezug auf die Gespräche mit den Musikerinnen und Musikern der Staatsbad Philharmonie Kissingen ist, dass am Donnerstag, 30. September, individuelle und konstruktive Gespräche mit den einzelnen Musikerinnen und Musikern geführt wurden, in denen diese einen entsprechenden Vertrag mit den einzelnen Eckpunkten erhalten haben."

    © DOV
    Bildrechte: DOV

    Warnstreik von Musikern

    Unterdessen haben sich nach den Nürnbergern auch die Coburger Orchestermusiker solidarisch mit ihren Kollegen in Bad Kissingen gezeigt. "Die fatale öffentliche Wahrnehmung und die unwürdige Behandlung" der Kur-Musikerinnen und Musiker seien "für die gesamte bayerische Kultur- und Orchesterlandschaft beschämend», heißt es in dem am Mittwoch veröffentlichten Brief. Von der Nürnberger Staatsphilharmonie hatte es im September geheißen: "Die hartnäckige Verweigerungshaltung und das intransparente Vorgehen der Geschäftsführerin der Bayer. Staatsbad Bad Kissingen GmbH, sind inakzeptabel."

    DOV: "Wir möchten maßgeschneidertes Angebot vorlegen"

    Ulrike Müller von der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) verweist gegenüber dem BR darauf, dass ihre Musikergewerkschaft in letzter Zeit bereits drei bayerische Klangkörper in "Tarifverträge überführt" habe, nämlich die Bad Reichenhaller Philharmoniker, das Georgische Kammerorchester in Ingolstadt und die Hofer Symphoniker. Das Kur-Orchester in Bad Kissingen sei das "letzte Orchester mit festangestellten Musikern, das noch nicht über einen Tarifvertrag" verfüge: "Wir möchten auch dort ein maßgeschneidertes Angebot vorlegen". Dafür sei die DOV per Unterschrift aller betroffenen Musiker bevollmächtigt.

    Nach Prüfung des vorliegenden Angebots der Arbeitgeber lehne es die DOV ab, so eine Pressemitteilung: "Es beinhaltet keinen Ansatz, der den etablierten Maßstäben von tarifgerechten Arbeitsverhältnissen entspricht. Jährliche Gehaltssteigerungen sind nicht vorgesehen und damit noch nicht einmal ein Inflationsausgleich. Zudem sieht die Stadt bislang keine höhere Vergütung vor. Enttäuschend ist ebenfalls, dass sich an den unfairen Arbeitsbedingungen kaum etwas ändern würde. Bislang gibt es zum Beispiel keine Aushilfskräfte während Krankheit oder Urlaubsabwesenheit. Auch Bühnenarbeiten gehören nicht zum Tätigkeitsspektrum von Orchestermusikern."

    "Wir schlagen einen Tarifvertrag in der niedrigsten Vergütungsgruppe vor, die es dafür gibt, den TVK D", so Müller. "Dann landet man bei langjähriger Betriebszugehörigkeit bei etwas über 4.000 Euro." Im Übrigen müsse in Bad Kissingen künftig auch das übliche "Rohr-, Blatt- und Saitengeld" bezahlt werden, also ein Zuschuss zu den Arbeitsmitteln der Musiker. Bisher müssten sie die Kosten aus der eigenen Tasche bestreiten: "Irgendwann muss sich jemand bewegen, das ist ja völlig klar."

    Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

    Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!