Arbeiter in der Nähe der Grenzstadt Belgorod
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"Drachenzähne": Russen errichten Panzersperren

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    "Es ist alarmierend": Russlands Medien kritisieren Kriegsführung

    "Es ist alarmierend": Russlands Medien kritisieren Kriegsführung

    Die Führung sei zerstritten, die Kriegsziele unklar, der Sieg ungewiss und außerdem drohe eine Massenmobilisierung: Selbst kremlnahe Meinungsmacher befürchten, dass Moskau Handlungsspielraum verliert: "Gesellschaftliche Dynamik ist unberechenbar"

    Von seinen Generälen hört der russische Präsident Wladimir Putin angeblich nur Schauerliches: Bei der letzten Videokonferenz habe der Generalstab darauf gedrängt, weitere besetzte Gebiete zu räumen, um sich auf "vielversprechende" Frontabschnitte konzentrieren zu können, heißt es in einem gewöhnlich gut unterrichteten Telegram-Kanal. Falls Putin mit dem Teil-Rückzug zögere, drohten "katastrophale Folgen" für die gesamte Armee. Schon jetzt sind manche Nachrichten aus Moskauer Sicht verstörend: So werden auch schon Einwohner vom linken Ufer des Dnepr evakuiert, nachdem das rechte aufgegeben worden war.

    Gleichwohl wollte sich der Präsident dieser Quelle zufolge nicht festlegen und soll die Besprechung nach fünfminütiger Diskussion abgebrochen haben. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Anekdote steht fest: Russische Medien rechnen durchweg nach Neujahr mit einer zweiten, massiven Mobilisierungswelle, was nicht dafür spricht, dass der Krieg aus der Sicht des Kreml erfolgreich verläuft. Eine aktuelle Sozialstudie ergab ebenfalls, dass die Russen derzeit "nicht optimistisch in Bezug auf ihre Zukunft und die Zukunft des Landes" sind. Unmut gebe es allerdings weniger als "Gleichgültigkeit und Apathie".

    "Die Leute gewöhnen sich an alles", soll dazu ein Kreml-Insider gesagt haben. Am Propaganda-Fernsehen haben die Russen allerdings überwiegend die Lust verloren, wie neueste Daten aus der Medienforschung deutlich machen. Demnach hält eine Mehrheit von 54 Prozent der Befragten Propagandasendungen für die "unangenehmsten" TV-Angebote.

    Hat sich Russland selbst "untergraben"?

    "Mit der Behauptung, dass es ein dauerhafter Machtfaktor ist, der globale Umwälzungen verursachen kann, hat sich Russland wirtschaftlich, militärisch und diplomatisch selbst untergraben", urteilt der US-Analyst Ali Wyne im Fachblatt "Foreign Affairs". Zur Begründung verweist er darauf, dass Putin beim Iran und Syrien Hilfe sucht, völlig veraltete Waffen einsetzen lässt und sich die "Dynamik" auf dem Schlachtfeld gegen die Russen gewandt hat. Im Übrigen seien 27 russische Waffensysteme auf die Lieferung westlicher Chip-Technologie angewiesen. Russland sei somit "beherrschbar", es könne aus westlicher Sicht nicht um einen "Triumph", sondern nur um ein "unbequemes Zusammenleben" gehen.

    "Ich finde das nicht sehr positiv"

    In der "Prawda" sagt Militärfachmann Alexej Sukonkin für Januar die nächste und für den Frühling die übernächste Aushebungswelle voraus, derzeit werde ein entsprechender "Vorrat an Granaten, Raketen und Patronen" hergestellt. Wegen der schlammigen Verkehrswege seien die Kampfhandlungen derzeit ohnehin weitgehend unterbrochen, mit dem Dauerfrost im Winter seien wieder "größere" Bewegungen möglich. In Telegram-Kanälen hatte es schon geheißen, Putin wolle nach Silvester bis zu zwei Millionen Soldaten mobilisieren, alles andere sei nur "Salamitaktik".

    Solche Prognosen ängstigen nicht nur den Chefkommentator Alexej Moschkow von den "VN-News". Wenn schon die erste Mobilisierung "solche Skandale und Verwirrung" ausgelöst habe, was sei dann für die kommenden zu erwarten? "Aus irgendeinem Grund finde ich das nicht sehr positiv", schreibt er: "An Popularität wird der Kreml dadurch nicht gewinnen." Die gesellschaftliche "Dynamik" sei unberechenbar.

    "Hört auf zu zweifeln"

    Außerdem fällt Moschkow auf, dass im Kreml und drumherum neuerdings jeder was anderes behauptet. Der eine fordere einen "Machtwechsel" in Kiew, der andere halte das nicht unbedingt für nötig - eine Anspielung auf Meinungsverschiedenheiten, die Kreml-Sprecher Dmitri Peskow ausgelöst hatte: "Im Allgemeinen scheint es, dass nicht nur unsere Machthaber keinen Standpunkt haben, sondern schlimmer noch, der Kreml hat sich nicht für Ziele der Spezialoperation entschieden." Ohne Tore allerdings könne es auch keinen Sieg geben, stellt der Kommentator ironisch fest.

    Im Übrigen irritieren Gerüchte über Verhandlungen mit den USA russische Nationalisten. In einem ultra-patriotischen Telegram-Portal wird schon misstrauisch beobachtet, dass die vom Kreml gesteuerte TV-Propaganda darauf vorbereite, dass sich "Friedensgespräche" und die "russische Idee" nicht gegenseitig ausschlössen: "Unsere Ideologie beruht auf dem Sieg. Bis zuletzt, für das Vaterland, ohne Hin und Her. Wir hoffen, dass das keine beliebige Bemerkung ist, sondern eine begründete. Hört auf zu zweifeln."

    "Es ist schwer zu beurteilen"

    Verhandlungen mit Kiew könnten "ungeheuerliche Konsequenzen" für Russland haben, droht der rechtsextreme Oligarch und Medienzar Konstantin Malofejew. Er fordert die "vollständige und bedingungslose Kapitulation" der Ukraine. Der in seinen Diensten stehende Militär-Experte Konstantin Siwkow von der russischen Akademie für Raketen-Forschung wittert hinter den Kulissen "Versuche, strittige Fragen diplomatisch zu lösen" und ist darüber alles andere als glücklich : "Unsere politische Führung hat offenbar entschieden, die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen und beschlossen, Truppen abzuziehen, einen Teil des russischen Territoriums zu opfern, um eine größere Invasion von NATO-Truppen in die Ukraine mit einer möglichen Ausbreitung dieses Krieges auf das Territorium Russlands zu verhindern. Es ist schwer zu beurteilen." Solche Äußerungen zeigen einmal mehr: Wahrnehmbare Opposition gibt es in Russland derzeit nur noch von ganz rechts.

    Dort hadern sie nach wie vor mit dem Getreideabkommen, das der Kreml verlängert hat. Und dass Putin darauf drängt, eine Ammoniak-Pipeline durch ukrainisches Gebiet wieder in Gang zu bringen, befremdet Nationalisten ebenfalls. "Wir werden auch mit der UN zusammenarbeiten, mit Kollegen aus der Organisation. Mal sehen was passiert", wird Putin zitiert.

    "Zeichen von Schwäche"

    "Es ist ganz offensichtlich, dass alle unsere Klagen darüber, dass Kiew nicht mit uns verhandeln will, von unseren westlichen Gegnern ziemlich eindeutig interpretiert werden. Als Zeichen von Schwäche, mangelndem Selbstvertrauen", fasst "News"-Autor Michail Schkipanow die Lage düster zusammen. Er überwindet sich sogar zu schreiben, die gegenwärtigen Positionen der Ukraine an der Front seien "stark". Der "Jüngste Tag" sei für Kiew jedenfalls noch nicht gekommen.

    Vom russischen Verteidigungsministerium dementierte Meldungen, wonach die USA insgeheim mit dem russischen Generalstab vereinbart haben, im Schwarzen Meer bei Marine-Manövern gegenseitig "auf Abstand" zu gehen, damit es nicht zu unliebsamen Zwischenfällen kommen kann, haben auf russische Nationalisten auch nicht gerade beruhigende Wirkung. Russland sei neuerdings "extrem vorsichtig" bei Schiffsbewegungen, werden NATO-Quellen zitiert, und Washington setze auf "Mäßigung". Doch gerade das ist das Letzte, was Russlands Ultras erwarten: "Wir befinden uns nicht im Krieg mit Brüdern, sondern mit blutrünstigen Irren", schreibt Blogger Andrej Medwedew (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen russischen Ex-Präsidenten).

    "Entweder Identität oder Dünger"

    Demoralisierung gehe an der Front stets mit mangelnder Information einher, meint ein anderer Blogger. Die Militärführung bereite die russischen Soldaten zu wenig auf das vor, was sie erwarte, etwa Drohnen- und Artillerieangriffe: "Jeder Soldat muss wissen, womit er es zu tun hat, und dass eine Kapitulation seinen unrühmlichen Tod zur Folge hätte." Und ähnlich panisch heißt es auf einem weiteren populären Propaganda-Kanal: "Entweder sind wir eine Nation mit eigener nationaler Identität oder Dünger, auf dem andere Nationen wachsen werden. Sie kommen nicht drumherum. Jetzt wird entschieden, ob es für Russland weiter gehen wird oder nicht."

    Nicht alle prominenten Blogger zeigen sich angesichts solcher Perspektiven zuversichtlich. Selbst Kremlfans sehen sich mit Zweifeln konfrontiert: "Jetzt gibt es viele verschiedene negative Gerüchte und Prognosen, die auf die eine oder andere Weise in die Öffentlichkeit sickern. Ich sage dir meine Meinung dazu. So logisch sie auch sein mögen, sie sind nichts weiter als Gerüchte. In unserer Realität kann niemand etwas mit Sicherheit wissen: kein bekannter Oberst der Armee, kein bekannter Geheimdienst-Major."

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