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Bestsellerautor John le Carré ist tot | BR24

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Der Meister des Spionagethrillers ist tot: Der britische Schriftsteller John le Carré, der selber früher als Geheimagent tätig war, ist im Alter von 89 Jahren verstorben.

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Bestsellerautor John le Carré ist tot

Spionage und Schriftstellerei seien wie füreinander geschaffen, sagte John le Carré einmal. Er musste es wissen. Denn er war eben nicht nur ein Schriftsteller, der sich auf Spionage-Thriller spezialisiert hatte, sondern er war auch selbst mal Spion.

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Von
  • Jens-Peter Marquardt

John le Carrés Agenten waren keine Helden, keine James Bonds in schnellen Autos, umgeben von schönen Frauen. In le Carrés Werken verschwammen die Grenzen zwischen Gut und Böse. Seine Welt der Geheimdienste war eine Grauzone mit gebrochenen Gestalten.

"Für was hältst Du Spione eigentlich? Moralphilosophen, die über ihrem Glaubensbekenntnis meditieren, an Gott denken oder Karl Marx?" Ließ er seinen bekanntesten Spion einmal sagen. Und weiter: "Wir sind nicht Heilige. Bei uns gibt es alles: Kriminelle, Narren und Verräter, alles, was man erpressen und kaufen kann, verrückte Idealisten wie mich, infantile Männer, die ihr Leben lang Räuber und Gendarm spielen."

Mit diesem Alec Leamas, dem Spion, der aus der Kälte kam, hatte John le Carré 1963 seinen internationalen Durchbruch als Bestsellerautor. Autoren seien eigentlich immer auch Spione, sagte er in "Der Taubentunnel", dem 2016 erschienenen Werk mit Geschichten aus einem eigenen Leben.

Agent für den britischen Geheimdienst

"Spionieren und Schriftstellerei sind wie füreinander geschaffen. Beide erfordern sie ein waches Auge für menschliche Verfehlungen und die vielen Wege hin zum Verrat", so John le Carré, der eigentlich David Cornwell hieß. Er muss es wissen, denn er war nicht nur Schriftsteller, er wurde im Alter von 25 Jahren auch Agent im Geheimdienst ihrer Majestät. "Ich war mit großen Erwartungen in den Dienst eingetreten. Meine Führungsoffiziere hatten mein Gefühl geweckt, für diese Aufgabe bestimmt zu sein, und mein Pflichtbewusstsein als gescheiterter Privatschüler wiederbelebt. Aber eine vor dem Zerfall stehende britische kommunistische Partei auszuspionieren, mit gerade einmal 25.000 Mitgliedern, die allein von MI5-Spitzeln zusammen gehalten wurde, entsprach dann doch nicht meinen Vorstellungen."

Also wechselte le Carré schließlich vom Inlandsgeheimdienst MI5 zum Auslandsgeheimdienst MI6 und landete, des Deutschen mächtig und als großer Liebhaber deutscher Literatur, an der britischen Botschaft in Bonn und im Konsulat in Hamburg. Hier wurde er zum Chronisten des Kalten Krieges. Doch mit dem Fall der Mauer fiel nicht der Vorhang für den Autor le Carré.

Er fand neue Schauplätze, in der "Libelle" zum Beispiel den Nahen Osten, oder im "Ewigen Gärtner" die dunklen Machenschaften multinationaler Pharmakonzerne in Afrika, in den "Marionetten" den Anti-Terror-Kampf des Westens. All diese Bücher sind immer auch eine zornige und unerfüllte Suche nach Moral in Politik in Wirtschaft und Gesellschaft gewesen.

Zerrissenheit der Akteure spiegelt le Carrés Persönlichkeit wider

Und in der Zerrissenheit seiner Akteure steckte immer auch ein Stück Persönlichkeit des Autors, am deutlichsten in der "Der blendende Spion" von 1986. Dort tauchte ein Hochstapler und Betrüger namens Rick als Vater des Protagonisten auf. Diesen Vater gab es wirklich: John le Carrés Vater Ronnie, einen rücksichtslosen Gauner, der Zeit seines Lebens Menschen um den Finger wickelte, sie betrog und ins Unglück stürzte, einschließlich seiner eigenen Familie. Le Carré sagt heute über seinen Vater: "Es wird Sie nicht überraschen, wenn ich Ihnen verrate, dass ich mich in schwachen Augenblicken frage, welcher Teil von mir noch immer Ronnie gehört und wie viel von mir mein Eigen ist. Liegt da wirklich ein so großer Unterschied zwischen dem Mann, der an seinem Schreibtisch sitzt und sich auf dem leeren Blatt Papier alle möglichen Schwindeleien ausdenkt (ich), und dem Mann, der sich jeden Morgen ein frisches Hemd anzieht und mit nichts in der Tasche als seiner Vorstellungskraft loszieht, um seine Opfer reinzulegen (Ronnie)?"

Ohne diesen zwielichtigen Vater, ohne die weit über dessen Tod hinaus andauernde Auseinandersetzung mit dessen menschenverachtender Rücksichtslosigkeit, wäre le Carré wohl nie der Erfolgsautor der Thriller geworden, in denen Spione keine Helden sind.

© Audio: BR/Foto: pa/dpa/Julie Edwards

Kriminelle, Narren, Verräter: John le Carré hatte eine sehr spezielle Sicht auf die Welt der Geheimdienste

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