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Debatten in Deutschland: "Es gibt immer weniger Schutzräume" | BR24

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Christian Illies, einer der Erstunterzeichner des Appells für freie Debattenräume" im Gespräch über Kontaktschuld und die hiesige Debattenkultur.

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Debatten in Deutschland: "Es gibt immer weniger Schutzräume"

Der Bamberger Professor Christian Illies hat einen Appell "für freie Debattenräume" unterschrieben. Nun steht sein Name neben Unterzeichnern aus dem rechten Spektrum. Wie er das bewertet und warum er den Aufruf für richtig hält.

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Von
  • Knut Cordsen

Seit Wochen wird im deutschsprachigen Raum über einen Aufruf berichtet und diskutiert, der sich "für freie Debattenräume" ausspricht. Initiiert vom Schweizer Publizisten Milosz Matuschek und vom deutschen Autor Gunnar Kaiser. Nun wurde die endgültige Unterzeichner-Liste veröffentlicht, auf ihr finden sich Kabarettisten wie Vince Ebert, Andreas Rebers und Dieter Nuhr, so vollkommen unterschiedliche Journalisten wie Günter Wallraff, Matthias Bröckers, Hans-Ulrich Jörges und Marianne Bäumler, Schriftsteller wie Monika Maron, Hans Christoph Buch, Ralf Bönt und Uwe Tellkamp – letzterer seit längerem einer, der die Existenz von "Gesinnungskorridoren" beklagt. Zu den Erstunterzeichnern des "Appells für freie Debattenräume" gehört auch der in Bamberg lehrende Philosoph Christian Illies, der vielen Lesern bekannt sein dürfte aus den Bestsellern seines jüngeren Bruders Florian Illies, in denen er gelegentlich als "mein Bruder, der Philosoph" vorkommt. Knut Cordsen hat mit Christian Illies gesprochen.

Knut Cordsen: Der Name des britischen Komikers John Cleese steht nun neben Ihrem Namen auf der Unterzeichner-Liste des Appells. Überrascht Sie das?

Christian Illies: Ja, es mag mich überraschen, aber es ist, denke ich, ein Anliegen, was viele Menschen heute bewegt, dass es nichts Wichtigeres gibt als dass wir die Freiheit des Denkens und des Geistes behalten. Dass das Menschen sehr unterschiedlicher Art mit unterschiedlichen Auffassungen zusammenführt, zeigt, dass es hier doch ein ernstes Problem gibt.

Bedarf es demnach eines Appells für freie Debattenräume, um eine Sache, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, noch einmal zu unterstreichen?

Wenn Selbstverständlichkeiten fraglich werden, sollte man darauf hinweisen. So ein Appell ist ein kleines Mittel, ein solches Problem ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.

Was läuft denn schief an unseren Debatten derzeit? Ist es die Angst, für das, was man sagt, Zustimmung von unerwünschter Stelle zu ernten? Dazu hat Hans Magnus Enzensberger schon 1962 geschrieben: "Die Angst vor dem 'Beifall von der falschen Seite' ist nicht nur überflüssig. Sie ist ein Charakteristikum totalitären Denkens." Enzensberger meinte schon damals: "Jeder, der sich überhaupt öffentlich äußert", werde diesen "Vorwurf", Beifall von der falschen Seite zu erhalten, "zu hören bekommen; kaum einer, der nicht dann und wann versucht wäre, jenem Beifall aus dem Wege zu gehen, Rücksicht auf ihn und auf alle die zu nehmen, die ihm zur Last legen, wofür er nicht haften kann: die Meinung seiner Zuhörer. Leicht zu sehen, daß Kritik sich unter ihren heutigen Bedingungen taktisch verhalten, oder verstummen muß." Soweit Enzensberger. Hat er damals etwas beschrieben, was heute in den sozialen Netzwerken gang und gäbe ist?

Ich denke, er hat etwas wirklich sehr gut auf den Punkt gebracht, konnte aber damals noch nicht ahnen, wie sich die Rezeptionsbedingungen – die Weise, wie Überzeugungen weitergetragen werden – durch die neuen Medien umfassend radikalisieren würden. Es gibt immer weniger Schutzräume privaten Auseinandersetzens beim Debattieren und Diskutieren. Die Universität, der ursprünglich geschützte Raum, ist längst mehr oder weniger in die Öffentlichkeit getragen. Das heißt, die Art, wie man sich gegen falsche Zustimmungen schützen kann, ist fraglich. Denn es gibt fast nichts, was nicht am nächsten Tag von jedem überall nachgelesen oder kommentiert werden kann.

Nun stehen Sie auf der Unterzeichner-Liste zusammen mit Norbert Bolz, einem Professor, den viele als eindeutig rechts markieren und der sich selbst wohl auch als rechts verorten würde. In dem Zusammenhang gibt es den Begriff "Kontaktschuld", der sehr populär geworden ist. Gibt es so etwas wie eine Kontaktschuld?

Diese Kontaktschuld selbst gibt es ja schon länger: die Gefahr, sich mit jemandem zusammen zu stellen, der aus irgendwelchen Gründen in der Öffentlichkeit nicht gut geduldet ist. Es gibt sie heute sicher in einem verstärkten Maße. Extrem kennen wir das etwa aus China, das ja in jüngster Zeit ein eigenes Punktesystem eingeführt hat für das Wohlverhalten seiner Bürger. Und da ist auch ein zentraler Minuspunkt, wenn Sie mit Menschen Kontakt haben, die selber kritisch gegenüber dem System sind oder in irgendeiner Weise negativ aufgefallen sind. Das wird elektronisch überwacht und Sie sind sofort durch den Kontakt zu einer solchen Person in Ihrer eigenen Punkte-Wertung heruntergestuft. Das ist gewissermaßen die extreme Karikatur dessen, worüber wir reden, in einem recht brutalen Überwachungsstaat. Aber es gibt sie natürlich auch in weicher oder anderer Form in unserem Debatten-Raum.

Gleichwohl darf sich ja de facto ein Uwe Tellkamp genauso äußern wie jeder andere. Womit er hadert, ist die seiner Meinung nach unverhältnismäßig harte Kritik an seinen Äußerungen. Fehlt nicht vielen heutzutage das dicke Fell, das man in öffentlichen Debatten braucht? Man kann es ja auch mit Timothy Garton Ash in seinem Buch "Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt" die "robuste Zivilität" nennen.

© Christian Illies, privat
Bildrechte: Christian Illies, privat

Der in Bamberg lehrende Philosoph Christian Illies – einer der Erstunterzeichner des "Appells für freie Debattenräume"

Ja, da ist die Frage, wie robust das Fell ist oder ob es wirklich so ist, dass man sich schon für jede freie Meinungsäußerung auf dieses robuste Fell verlassen muss. Der Geist lebt davon, dass wir frei unsere Meinungen austauschen. Dass wir uns positionieren, dass wir Gedanken haben und äußern und auch Kritik äußern dürfen, ohne jedes Mal deswegen gewissermaßen mit allen möglichen Sanktionen rechnen zu müssen. Das gilt auch für aberwitzige Gedanken. Das gilt auch für Positionen, die sehr schnell verschwinden, wenn sie im Debatten-Raum überhaupt ernst genommen, diskutiert und zurückgewiesen werden. Aber wir brauchen das. Wir brauchen dieses Forum für die Freiheit des Denkens. Damit die verschiedenen Positionen immer weiter in einen Prozess der Findung, der Klärung und der Kritik zu besseren Antworten führen können.

Haben wir unter Umständen verlernt, die gute alte Heterogenität auszuhalten?

Das ist gleichsam eine sozialpsychologische Frage. Es gibt sicher Prozesse, bei denen man sich nur noch wundert, was nicht mehr ertragen wird. Denken Sie daran, dass Christian Lindner nicht mehr an der Universität Hamburg auftreten durfte für einen Vortrag. Da wurde nachher gesagt, das seien rein formale Gründe gewesen, weil der Raum nicht als wissenschaftliche Veranstaltung angemeldet gewesen sei. Aber de facto wurde ihm das Podium und die Diskussion verweigert, weil es offensichtlich nicht mehr erträglich ist für Studenten, sich mit seiner Position auseinanderzusetzen. Das wäre ein Beispiel dafür eine Überempfindlichkeit, die vollständig destruktiv ist, weil sie verunmöglicht, dass man sich mit Positionen auseinandersetzt und um bessere Antworten ringt.

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