BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© Sebastian Hoffmann/Theater an der Rott
Bildrechte: Sebastian Hoffmann/Theater an der Rott

Gefährliche Klinik: Wer ist hier verrückt?

Per Mail sharen

    Es endet mit Knochenteilen: "Die Physiker" in Eggenfelden

    Acht Monate ohne Theater - die kulturelle Durststrecke im niederbayerischen Rottal-Inn ist beendet: Auf der Theaterwiese wird über den Weltuntergang diskutiert, gegen den sogar die Polizei machtlos ist. Der Wahnsinn allerdings ist eher verhalten.

    Per Mail sharen
    Von
    • Peter Jungblut

    Sie hätten es sich leichter machen können am Theater an der Rott: Statt dem Freilicht-Publikum einen Boulevardschwank, eine Kammeroperette oder eine Shakespeare-Komödie anzubieten, stand auf dem Vorhang die berühmte Formel E = mc² von Albert Einstein, um auf Friedrich Dürrenmatts Weltuntergangs-Farce "Die Physiker" einzustimmen. Schwere Kost an einem gar nicht so lauen, sondern eher warmen Sommerabend, an dem die Mücken unermüdlich über den Zuschauern tanzten. Und wer hat als Schüler nicht dieses aus heutiger Sicht etwas spröde und betuliche Stück als Lektüre ertragen müssen? So gesehen mag der eine oder andere Theatergast wohl auch mit schlechten Erinnerungen auf die Eggenfeldener Theaterwiese gekommen sein. Aber nachdem es hier acht Monate keine Premiere gab, war die Neugier natürlich stärker.

    Die Psychiatrie-Station ist richtig schick

    Regisseurin Elke Schwab lässt gleich zu Beginn einen Kripo-BMW vorfahren, das aufgesetzte Blaulicht sorgt für Spannung, eine Frauenleiche liegt in der Irrenanstalt, der schmucke Jung-Kommissar (Markus Schiefer) und sein Assistent (Christoph Dirmhirn) steigen aus und ermitteln, und Dürrenmatt-Kenner wissen natürlich: Eine zweite Leiche kommt bald dazu, festgenommen wird aber niemand, obwohl die Täter allesamt bekannt und greifbar sind - aber eben als Patienten in der Nervenklinik, alter Bauteil. Bühnenbildner Gerrit von Mettingen hat dabei gar keinen bröckelnden Stuck oder welke Fensterläden angedeutet, ganz im Gegenteil: Seine Psychiatrie-Station ist richtig schick, was etwas im Gegensatz zur Handlung steht. Gelbe Neonröhren sorgen für vergleichsweise mildes Licht, die Glas-Schiebetür im Hintergrund ist zwar immer abgeschlossen, aber recht freundlich anzusehen, und die drei Zellen sind offenkundig ausgepolstert, wirken jedoch wohnlich - soweit das an deren Türen auszumachen ist.

    © Sebastian Hoffmann/Theater an der Rott
    Bildrechte: Sebastian Hoffmann/Theater an der Rott

    Analyse des Wahnsinns

    Die drei Physiker, die hier eingesperrt sind, wirken als Geistesgestörte nicht besonders glaubwürdig, eher schrullig. Da wäre deutlich mehr (und witzigerer) "Wahnsinn" nötig gewesen, auch mehr szenische Anarchie, denn sonst verpufft ja der zentrale Gag, dass die Herren eben tatsächlich Geheimagenten und verantwortungsbewusste naturwissenschaftliche Denker sind, keine Irren. Und so ist die Szene, wo das herauskommt, auch die stärkste, während der Vorlauf bis dahin etwas arg behäbig anmutet. Herbert Georg Beutler (Markus Fisher), Ernst Heinrich Ernesti (Martin Puhl) und Johann Wilhelm Möbius (Norman Stehr) debattieren eindeutig lieber moralische Fragen und die Zukunft der Menschheit, fuchteln auch überzeugend mit Revolvern herum, aber als Verrückte waren sie eher müde - und dass, wo doch jeder von ihnen eine Krankenschwester erwürgt!

    Alkohol hält die Welt im Innersten zusammen

    Gleichwohl hat sich Elke Schwab einige makabre Details einfallen lassen: Am Ende, als die wirklich übergeschnappte Chefärztin Mathilde von Zahnd (Yvonne Köstler) mit den Geheimformeln abdampft und nach der Weltherrschaft greift, werden Skelett-Teile aus den Blumen-Rabatten gebuddelt, mit Oberschenkelknochen Violine gespielt und der Cognac, der bis dahin hübsch dosiert war, gleich aus der Flasche gesüffelt. Alkohol hält die Welt eben doch im Innersten zusammen.

    © Sebastian Hoffmann/Theater an der Rott
    Bildrechte: Sebastian Hoffmann/Theater an der Rott

    Viele Türen im Irrenhaus

    Insgesamt ein Wiedersehen mit Dürrenmatt ohne große Aufregungen oder gar Provokationen und damit eine mehrheitsfähige und vor allem im zweiten Teil unterhaltsame Freilichtproduktion. Dass das Publikum gern bereit ist, wieder zu kommen, zeigten die voll besetzten Stühle. So richtig unheimlich zumute wurde niemandem, was aber auch daran lag, dass es jetzt Mitte Juni auch noch abends um halb zehn taghell ist, und der Abend gerade mal pausenlose 90 Minuten in Anspruch nimmt. Daher verbreiteten auch die Grableuchter auf der Bühne wenig Gruseleffekt. Und die nervtötende Geigenmusik war selbstredend genauso gemeint - unabhängig davon, dass Albert Einstein ganz passabel spielen konnte, sein Doppelgänger bei Dürrenmatt aber eben nicht.

    Intendant Uwe Lohr war die Erleichterung anzusehen und anzuhören, als er die Zuschauer begrüßte. Die Hygieneregeln werden in Eggenfelden vergleichsweise streng ausgelegt. Gleichwohl hoffen dort alle, dass es im September wieder "richtig" losgeht. Aber bitte nicht mit Virologen!

    Wieder am 19., 20., 24. und 25. Juni 2021 am Theater an der Rott, weitere Termine.

    Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

    Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!