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Bildrechte: Ivo Mayr / Correctiv

Ein neuer Missbrauchsfall belastet das Erzbistum München: Ein Opfer berichtet erstmals gegenüber CORRECTIV und dem BR, wie er als Kind von Pfarrer H. in einer oberbayerischen Gemeinde jahrelang missbraucht wurde. Doch die Kirche unternahm nichts.

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Erzbistum München: Missbrauch unter den Augen der Bischöfe

Ein neuer Missbrauchsfall belastet das Erzbistum München: Ein Opfer berichtet erstmals gegenüber CORRECTIV und dem BR, wie er als Kind von Pfarrer H. in einer oberbayerischen Gemeinde jahrelang missbraucht wurde. Doch die Kirche unternahm nichts.

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Antje DechertAntje DechertMarcus BensmannMarcus BensmannMartin JardeMartin JardeBeate GreindlBeate Greindl
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Ende der 1980er Jahre in der Kirche St. Josef in Altötting. Die Kirche ist voll an diesem Sonntag, drei Wochen nach Ostern. Die Realschule Trostberg hat den Garchinger Pfarrer Peter H. eingeladen, einen Kinder- und Jugendgottesdienst zu feiern. Pfarrer H. ist in seinem Element. In seiner Predigt gibt er sich nahbar, macht Witze und zitiert aus den Don-Camillo-Filmen.

Pfarrer H. ist der Star seiner Messfeiern

Pfarrer H. ist der Star seiner Messfeiern, der Altarraum seine Bühne. Was sein Publikum nicht ahnt: Hinter den Kulissen tun sich Abgründe auf. H. ist pädophil und zum Zeitpunkt seiner Predigt in Sankt Josef ein verurteilter Sexualstraftäter, seine Bewährungszeit lief damals noch. 1986 hatte das Amtsgericht Ebersberg H. für schuldig befunden, zehn minderjährige Buben sexuell missbraucht zu haben.

Die Gläubigen in Garching an der Alz im Landkreis Altötting wussten davon nichts. Ganz anders die damalige Bistumsleitung unter dem Münchner Erzbischof Kardinal Friedrich Wetter. Kircheninterne Dokumente, die dem BR und dem Recherchenetzwerk Correctiv vorliegen, belegen: Wetter war damals detailliert informiert über den pädophilen Pfarrer H. Trotzdem versetzte er ihn 1987 nach Garching an der Alz in die Gemeindeseelsorge.

Kirche sieht Missbrauch von H. jahrzehntelang zu

Der Fall H. macht seit 2010, seit Bekanntwerden der kirchlichen Missbrauchsfälle in Deutschland, immer wieder Schlagzeilen. Nach und nach kam ans Licht: H. konnte sich jahrzehntelang an Jungen vergehen, weil die Kirchenleitung wegsah. Statt den Pfarrer anzuzeigen oder kirchenrechtlich zu belangen, wurde er versetzt. Die BR Recherchen zeigen: Ranghohe Kirchenmänner hatten dabei vor allem das Image der Institution im Blick – und vergaßen die Opfer.

Missbrauchstaten von H. waren seit Anfang der 1970er Jahre im Bistum Essen bekannt. Sie waren auch der Grund, warum H. 1980 ins Bistum München und Freising versetzt wurde.

Auch Joseph Ratzinger stimmte Aufnahme von H. im Erzbistum zu

Der Aufnahme von Peter H. im Erzbistum München stimmt 1980 auch der Erzbischof von München und Freising und spätere Papst, Joseph Ratzinger, zu. Wie sehr er im Detail Bescheid wusste, ist bis heute nicht ganz klar. Eine kircheninterne Untersuchung, die dem BR und Correctiv vorliegt, legt nah, dass er informiert war. Er selbst streitet das gegenüber dem BR und Correctiv ab.

Mit Spannung wird deshalb erwartet, wie seine Rolle in einem Gutachten beschrieben wird, das in circa einer Woche veröffentlicht werden soll. Damals wurde der Versetzung zugestimmt, unter einer Bedingung: H. sollte in Bayern eine Therapie machen. Auch davon will der frühere Papst Benedikt nichts gewusst haben und stellt klar, "dass er weder Kenntnis von den gegenüber H. erhobenen Vorwürfen, noch von dem Therapiegrund hatte".

Psychotherapeut von Pfarrer H.: Keine Jugendlichen, kein Alkohol

"Ich hab ihn nicht in Einzeltherapie, sondern Gruppentherapie gesteckt", erinnert sich der ehemalige Psychotherapeut von Pfarrer H., Dr. Werner Huth. Der heute 92-Jährige gab dem Bistum Empfehlungen ab, unter welchen Bedingungen man den stark rückfallgefährdeten H. als Seelsorger einsetzen könne. "Die erste Bedingung: Nie mehr mit Jugendlichen. Zweite Bedingung: Er darf keinen Alkohol mehr trinken. Das Dritte: Er muss einen Supervisor haben."

Eindeutige Auflagen, die von H. nicht befolgt und vom Erzbistum nicht kontrolliert wurden – weder unter Joseph Ratzinger noch seinen Nachfolgern. Nach Recherchen von BR und Correctiv feierte er in jeder Pfarrei, in die er kam, Kinder- und Jugendgottesdienste, fuhr mit zu Firmfreizeiten oder gab Religionsunterricht. Überall kam es zu Annäherungsversuchen. Der Pfarrer konnte sich weiter an Kindern vergehen. 23 Missbrauchsfälle sind bestätigt. Für die meisten wurde H. nie bestraft. Wie hoch die Dunkelziffer ist, ist nicht bekannt.

Erstmals spricht Missbrauchsopfer aus Garching

Stefan will nicht länger schweigen. Mit ihm spricht erstmals ein Betroffener aus Bayern öffentlich über die erlittene sexualisierte Gewalt durch Pfarrer H. in den 90er Jahren. H. war zwischen 1980 und 2010 in Bayern als Priester tätig, dreißig Jahre. Die Geschichte von Stefan ist so bedeutsam, weil sie aufdeckt, wie der Missbrauch in der katholischen Kirche funktioniert, dass es neben dem Täter viele Beteiligte gibt, die vertuschen und wegsehen und die Taten damit ermöglichen.

Stefan ist um die 40. Sein Nachname soll anonym bleiben. Er steht mitten im Leben, hat Familie. Es entwickelte sich schleichend, erzählt er. Der im Dorf so beliebte Pfarrer, schenkte ihm plötzlich Beachtung – kümmerte sich wie ein Vater, half bei den Hausaufgaben, lud ihn zum Mittagessen ins Pfarrhaus ein, baute Vertrauen auf.

"Meine Mutter macht sich wahnsinnige Vorwürfe"

Er bot augenscheinlich das, was Stefan brauchte. Seine Eltern ließen sich damals gerade scheiden. Der Vater zahlte keinen Unterhalt, die Mutter ging zusätzlich bis spät in die Nacht putzen, um den Jungen und seine drei älteren Brüder über Wasser zu halten.

"Meine Mutter macht sich wahnsinnige Vorwürfe, seit Jahrzehnten und ist auch schwer erkrankt an dem Ganzen. Und ich kann ihr immer nur sagen, dass sie daran keine Schuld hat, aber du kannst es ihr nicht mehr nehmen." Stefan

Stefan war zwölf, als er das erste Mal im Pfarrhaus übernachtete

Erst fand es Stefan damals cool, dass er immer mehr dazugehörte, zum auserwählten Kreis der älteren Ministranten, mit denen der Pfarrer schonmal ein Bierchen trank oder rauchte. Ins Pfarrhaus durfte nicht jeder rein, das war etwas Besonderes. Er war zwölf, als ihn der Priester 1990 das erste Mal zum Übernachten ins Pfarrhaus einlud. Das fühlte sich an wie eine Auszeichnung.

Da fing es an mit den sexuellen Übergriffen. Immer öfter übernachtete er im Garchinger Pfarrhaus. Über drei Jahre ging das so, zwei bis drei Mal pro Woche. Stefan erlebte den Missbrauch wie in einem Film, der immer gleich ablief.

Warum hat das eigentlich niemanden gewundert?

Die Kraft, sich jemandem anzuvertrauen, habe er nicht gehabt. Scham spielte eine Rolle und die Überzeugung, dass ihm sowieso keiner glaubt: "Pfarrer H. hat ja ein Imperium geschaffen, da stand ja eine komplette Pfarrgemeinde hinter ihm und da stehst du nicht auf und verurteilst wen."

Pfarrer H. muss sich unangreifbar gefühlt haben. Stefan ging irgendwann mit einem eigenen Schlüssel bei ihm ein und aus. Ein kleiner Mitbewohner im Pfarrhaus. Stefan fragt sich bis heute, warum das eigentlich niemanden wunderte. Warum so lange keiner bei ihm nachfragte.

Stefan + Pfarrer H. = schwul?

Bis zu jenem Sonntagmorgen im Juli 1994. Stefan hatte im Pfarrhaus übernachtet. Er wollte im Hof beim Aufbauen des Pfarrfests helfen, das in ein paar Stunden losgehen sollte. Und da stand eine Frage in blauer Farbe auf die Mauer des Pfarrheims gesprüht, erinnert sich Stefan noch genau: "Da stand: Mein Name + Pfarrer H. = schwul?"

Im ersten Moment habe sich keiner der Anwesenden mit dem Graffiti auseinandergesetzt. "Klar war, es kommen hier 2.000 Leute und das muss jetzt erst mal verdeckt werden. Das muss erst mal alles schön sein", sagt Stefan. Die gut zehn Helfer, die schon da waren, seien losgerannt, um Farbkübel und Pinsel zu holen, "um die Schande zu übertünchen".

Weihbischof von Soden-Fraunhofen sollte auf H. aufpassen...

Ein Zweifel war gesät, die Fassade von Peter H. hatte einen Riss. Der stritt alles ab, behauptete er sei Opfer einer Intrige. Manche forderten, den Pfarrer zur Rede zu stellen. Kirchenverwalter Michael Perschl berief gleich am nächsten Tag eine Krisensitzung ein.

Auch der inzwischen verstorbene Münchner Weihbischof Heinrich von Soden-Fraunhofen war zur Versammlung gekommen. Gut ein halbes Jahr zuvor hatte er seinen Altersruhesitz nach Garching verlegt. In geheimer Mission sozusagen. Wie das Erzbistum München und Freising Correctiv und BR auf Nachfrage bestätigte, sollte von Soden Pfarrer H. im Auge behalten. Der Weihbischof war seit 1980 durch den Psychiater von H., Werner Huth, bestens informiert über die Missbrauchstaten von H. und über seine Pädophilie.

... aber anstatt Hinweisen nachzugehen, deckte er ihn

Aber statt Hinweisen nachzugehen, deckte er aktiv den Pfarrer. Er schickte die Leute nach Hause, da sei nichts dran, nur böswillige Gerüchte. Kirchenverwalter Michael Perschl erinnert sich: "Und dann hat er die Augen aufgerissen und hat uns angestarrt, und dann war einen Moment Stille, und dann hat er gesagt: Da war nichts. Und was sollen wir dann sagen, wenn der Bischof sagt, da war nichts?

"Wenn man dem Bischof nicht glauben kann, wem sollst du dann glauben?" Kirchenverwalter Michael Perschl

Weihbischof von Soden half dem pädophilen Priester die Gerüchte zu zerstreuen. Dabei hätte er einschreiten und weitere Opfer verhindern können. Auch viele Gemeindemitglieder unterstützten damals nach dem Pfarrfest den Pfarrer, weil sie dessen Lügen Glauben schenkten.

Kardinal Marx versetzt H. 2008 zum letzten Mal

2008 wurde Pfarrer H. ein letztes Mal versetzt. Kardinal Reinhard Marx schickte ihn in die Kurseelsorge nach Bad Tölz. Damals galten bereits die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz, nach denen Priester, die Minderjährigen Gewalt angetan haben, nicht mehr in die Gemeindearbeit dürfen. Auch in Bad Tölz hatte Pfarrer H. Kontakt zu Kindern, bestätigt uns sein damaliger Kollege, Pastoralreferent Herbert Konrad.

Er wirft den Verantwortlichen im Erzbistum vor, die Mitarbeiter H.s in der Kurseelsorge nicht informiert zu haben. Dabei hatte Herbert Konrad noch bei Domdekan Lorenz Wolf, der als Gerichtsvikar des Erzbistums über H. Bescheid wusste, nachgefragt, warum ausgerechnet in der Kurseelsorge eine Stelle aufgestockt werde.

"Er hat gesagt, wir schicken Euch einen guten Mann. 'Guter Mann' ist, im Nachhinein betrachtet, ziemlich unpassend." Pastoralreferent Herbert Konrad

Prälat Lorenz Wolf lässt unsere Anfrage dazu unbeantwortet. Das Erzbistum München und Freising verweist auf das kommende Missbrauchsgutachten.

Neues Missbrauchsgutachten der Erzdiözese München und Freising

Für Stefan war die Episode auf dem Pfarrfest letztlich eine Art Befreiungsschlag. Er ging auf Distanz zu Pfarrer H. und zur Kirche, bis heute.

2010, als der Fall H. öffentlich wurde, ermittelte die Polizei auch in Garching. Ein Beamter befragte auch Stefan. Aber er sei damals noch nicht so weit gewesen, etwas zu erzählen. Für das Missbrauchsgutachten der unabhängigen Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) hat er jetzt ausgesagt. Und will jetzt einen Antrag auf Anerkennung des Leids beim Erzbistum München und Freising stellen.

Pädophilem Priester wurde Titel Pfarrer entzogen

Peter H. lebt inzwischen wieder in Essen – unter bischöflicher Aufsicht. Das Bistum hat ihn bereits 2010 in den Ruhestand versetzt. Der Titel Pfarrer wurde ihm 2016 entzogen, er darf keine Messen mehr halten. BR und Correctiv haben H. mit Stefans neuen Vorwürfen konfrontiert. Das Bistum Essen schreibt daraufhin: "Herr H. hat erklärt, dass er die Fragen nicht beantworten möchte."

Stefan war nicht der einzige Junge, den Pfarrer H. in Garching missbrauchte. Drei weitere Fälle aus den 1990er Jahren sind aktenkundig. In einem Urteil des Münchner Kirchengerichts zum Fall Peter H. aus dem Jahr 2016 sind die Fälle angeführt. Das kircheninterne Dokument liegt dem BR und Correctiv vor. Von Missbrauch im Beichtstuhl und sexuellen Handlungen als Ablass ist die Rede.

Kircheninternes Urteil zu H. fällt auffällig milde aus

Ein weiterer Junge gab an, ebenso wie Stefan im Pfarrhaus missbraucht worden zu sein und deswegen Drogenprobleme zu haben. Auffällig ist, wie milde für H. dieses kircheninterne Urteil ausfällt. Aussagen von Opfern werden in Zweifel gezogen. Seine Taten werden als gering oder mittelschwer eingestuft. Das ist jetzt, nachdem Stefan sich in die Öffentlichkeit gewagt hat, nicht mehr haltbar.

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Ein Gutachten zu Missbrauchsfällen soll innerhalb der Erzdiözese München-Freising vorgestellt werden. Was wussten die Entscheidungsträger Ratzinger, Wetter und Marx? Für den Kirchenrechtler Schüller wirkt das Dementi Ratzingers wenig glaubwürdig.

Die Recherchen entstanden zusammen mit dem Recherchenetzwerk Correktiv. Hier geht es zu der Story "Das unsichtbare Kind".

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