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Erstochen und erbrochen: Krawalliger "Don Carlos" in Nürnberg | BR24

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Regisseur Jens-Daniel Herzog zeigt Verdis Oper über Gedankenfreiheit als grelles und lautes Spektakel, in dem kein Klischee ausgelassen wird. Die Sänger schreien, das Orchester tobt, der Abend ist augen- und ohrenbetäubend - und die Titelfigur müde.

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Erstochen und erbrochen: Krawalliger "Don Carlos" in Nürnberg

Regisseur Jens-Daniel Herzog zeigt Verdis Oper über Gedankenfreiheit als grelles und lautes Spektakel, in dem kein Klischee ausgelassen wird. Die Sänger schreien, das Orchester tobt, der Abend ist augen- und ohrenbetäubend - und die Titelfigur müde.

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Naja, im echten Leben war dieser Don Carlos (1545 - 1568) ja tatsächlich ein Waschlappen, nämlich kindisch, unentschlossen und etwas irre, sonst hätte er wohl kaum literweise Eiswasser getrunken und einen Diamantring verschluckt. Insofern zeigte Regisseur Jens-Daniel Herzog am Staatstheater Nürnberg einen ziemlich realistischen spanischen Thronfolger, also gerade nicht den Helden, den Friedrich Schiller und später Verdi aus dem früh verstorbenen Mann gemacht haben. Stattdessen ist er hier ein antriebsloser und leicht verwahrloster Intellektueller, so antriebslos, dass er es nicht mal schafft, die Rotwein-Flasche zu öffnen, die unverdrossen neben seinem lindgrünen Club-Sessel steht.

Konfetti-Kanonen zum Meucheln und Heucheln

Historisch geht das also völlig in Ordnung, aber taugt das auch zur Oper? Eher nicht, wie sich schnell herausstellt. Was dieser Don Carlos eigentlich will, erschloss sich über dreieinhalb Stunden nicht, dafür wurde um so deutlicher, was Jens-Daniel Herzog mit dem Stück vorhatte, nämlich Krawall zu machen, und zwar so grell und laut wie möglich. In seinem Spanien wird permanent geschrieen und geschossen, gemeuchelt und geheuchelt, erstochen und erbrochen. Und das Volk lässt dazu die Konfettikanonen platzen und die Luftballone aufsteigen.

© Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

Halligalli in Madrid

Natürlich verträgt der "Don Carlos", diese Oper über Gedankenfreiheit, auch derbe Aktualisierungen, starke, ja brutale Bilder, aber wenn sie so oberflächlich und überfrachtet sind wie in Nürnberg, wird das schnell langweilig und bald ärgerlich. Da wird wirklich kein Klischee ausgelassen: König Philipp II. lässt wahllos Menschen ermorden, kann aber selber kein Blut sehen. Seine Leibwache schaut grimmig, ist aber feige, wenn´s darauf ankommt. Rodrigo, der Marquis von Posa, trägt als Freiheitskämpfer ständig einen Bombenkoffer mit sich herum. Und damit auch klar wird, dass die Welt sich niemals verbessern wird, muss eine kleine Thronfolgerin ständig alle möglichen Grausamkeiten ansehen. Sie wird also traumatisiert, gefühlskalt gemacht, damit sie ihrem künftigen Job gewachsen ist.

© Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

Infantin mit Karl V. -Porträt

Dabei hat sich Jens-Daniel Herzog wohl von dem berühmten Gemälde "Las Meninas", die Hoffräulein, inspirieren lassen, mit dem Diego Velazquez 1656, also hundert Jahre nach Don Carlos, eine fünfjährige Infantin unsterblich gemacht hat. Besucher des Prado in Madrid stehen noch heute tief beeindruckt davor, staunend darüber, wie staatstragend hochadelige Kinder damals in Szene gesetzt wurden.

Schreikrämpfe bis zur Heiserkeit

Ausstatter Mathis Neidhardt hatte vier holzgetäfelte Wände entworfen, die jeweils zu düsteren Hallen der Macht zusammengeschoben wurden. Und wenn es mal besonders fies zuging, wurden die blendend weißen Rückseiten sichtbar und Neonröhren von der Decke gelassen. Spanien als Schlachthaus! In diesem wild bewegten Getümmel bekamen alle Mitwirkenden wahre Schreikrämpfe: Verwunderlich, dass am Ende nur Don Carlos total heiser war.

© Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

König Philipp II. regiert durch

Über den Klirrfaktor hinaus

Die derzeit viel gefeierte und preisgekrönte Joana Mallwitz, eigentlich eine behutsame, sorgsam analysierende und ungemein disziplinierte Dirigentin, feuerte die Nürnberger Staatsphilharmonie diesmal zu einem Getöse an, das geradezu schmerzhaft wurde. Keiner der Sänger konnte dabei auch nur ansatzweise charakterliche Tiefe entwickeln, alle waren nur noch Zerrbilder, übrigens auch stimmlich, als ob da jemand die Lautsprecherboxen bis über den Klirrfaktor hinaus aufgedreht hatte. Immerhin: Der Radau passte zur plakativen Optik der Inszenierung.

© Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

Trost umsonst: Elisabetta und Don Carlos

Die einzige, die sich wacker behauptete, war die unverwüstliche Emily Newton als Elisabetta: Eine platinblonde, unerschrockene Frau, die sich dem König und Gatten zuliebe eine aufgepolsterte Schürze umbindet, um eine Schwangerschaft vorzutäuschen. Das blieb auch der einzige, zaghafte Lacher des Abends. Der polnische Tenor Tadeusz Szlenkier in der Titelrolle dagegen laserte die Noten fast in die Luft, so scharf und metallisch klang er.

Nicolai Karnolsky als König Philipp II. röhrte und donnerte, ohne sich dabei wirklich Respekt zu verschaffen. Bedauerlich, denn eigentlich steht er im Mittelpunkt der Oper, ist seine Zerrissenheit zwischen (falsch verstandener) Staatsräson und Menschlichkeit doch das Interessanteste an dem Drama. Auch Taras Konoshchenko als Großinquisitor tönte durchdringend, ohne deshalb Furcht und Schrecken zu verbreiten. Martina Dike als Prinzessin Eboli schrie sich die Seele aus dem Leib, was einige Zuschauer als leidenschaftlichen Auftritt beklatschten. Auch insgesamt durchaus freundlicher Beifall, keine Proteste gegen die Regie, aber etliche leere Sitze im Saal.

Wieder am 4., 8., 13. Oktober 2019 am Staatstheater Nürnberg, weitere Termine.

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